WM 2006Zu Gast bei Freunden

Ein satirisches Stück - die Zitate sind aus einem Artikel der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«

Deutschland präsentiert sich vor den Spielen so vergnügt, dass Leni Riefenstahl wieder ihre helle Freude hätte. Für alles wird gesorgt. Damit wir während der Fußball-Weltmeisterschaft deftig feiern können, wird das Lärmschutzgesetz vorüber gehend außer Kraft gesetzt. Das gab es das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg. Für Männer werden spezielle »Verrichtungsboxen« aufgestellt, gleich neben den Piss-Rinnen. Die WM wird einmal in die Geschichte eingehen als WM der kurzen Wege für männliche Notdürfte. Auch sonst ist alles gut. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Die Bundeswehr darf während der WM nun doch keine Passagierflugzeuge abschießen, damit unsere ausländischen Gäste auch heil in Brandenburg ankommen, wo es laut Innenminister Major Schönbohm lediglich »Gegenden« gibt, »wo man sich klugerweise lieber nicht allein aufhalten sollte«. Wer es trotzdem tut, hat halt selber Schuld.
Unsere ausländischen Gäste werden also zünftig empfangen, aber wenn sie Deutsche werden wollen, müssen sie sich in Zukunft auch mit Deutschland auskennen. Das wird jetzt geprüft mit einfachen, aber durchaus raffinierten, Fragen. Zum Beispiel: Wer wurde 1954 Fußball-Weltmeister? Oder: Wer wurde 1974 Fußball-Weltmeister?« Oder: Wer wurde 1990 Fußball-Weltmeister? Ich sage nur soviel: Das war jedesmal dieselbe Nation! Die Befragung muss schnell abgewickelt werden, denn wenn man wartet, bis jemand erschlagen wurde, nützt der Fragebogen ja nichts mehr.  
Aber Deutschland braucht nicht nur Spiele, sondern auch Wachstumsraten wie in China. Deshalb wollen wir gemeinsam mit Angela Merkel dafür sorgen, dass Deutschland in zehn Jahren, wie sie sagt, wieder zu den ersten drei Staaten in Europa zählt. Also noch vor Estland, Lettland, Bulgarien oder Malta. Ein großes Ziel, aber, analysierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Artikel, aus dem hier zitiert wird: Das könnte klappen,
»wenn in Deutschland 2006 ein friedvolles Fussballfest gelingt«.
Das ist wichtig, denn nur der Friede lockt Investoren an
»und steigert den Verkauf von WM-Fanartikeln - von Cola-Dosen mit Bildern der Nationalspieler bis hin zum Wohnzimmerrasen«.
Bei einer friedlichen WM gönnen Familien und Wohngemeinschaften sich den lang ersehnten Rasen in der Wohnung. Das kurbelt den Schiffbau an, der versetzt die übrige Wirtschaft in einen Taumel und am Ende haben wir alle etwas davon. Deshalb hat die Frankfurter Allgemeine die Frage untersucht:
»Werden die Deutschen dem Weltmeisterschafts-Motto: ?Die Welt, zu Gast bei Freunden' auch gerecht?«
Roland Zorn von der FAZ hat die Gemütslage der Deutschen im letzten Jahr beim Confederations-Cup getestet. Da waren Teams und Fans aus Brasilien, Argentinien, Japan, Tunesien und Mexiko zu Gast. Eine Zumutung für Deutsche und insofern geeignet für einen Feldversuch. Der Mann von der FAZ ist den Fans nicht von der Seite gewichen, und er stellt fest: Allen war bewusst, dass die Investoren auf sie blickten,
»und da wollten die Deutschen ihren Weltbühnenauftritt daheim dazu nutzen, sich als hervorragende Gastgeber zu erweisen«.
Aber ist es dem Geist auch gelungen, die archaischen Riten, die im Stamm-Hirn brodeln, zu bändigen? Zum Glück: Ja!
»Alle Deutschen zeigten sich gegenüber ihren Besuchern hilfsbereit, neugierig und freundlich, und sie schufen in den Arenen so eine Stimmung, die eher der bei einem Open-air-Konzert ähnelte als dem Alltag der Fußball-Bundesliga, in der Aggressivität auf den Rängen spürbar ist.«
Untereinander sind sie manchmal aggressiv, aber wenn Deutsche einem Tunesier begegnen, fragen sie neugierig, ob er aus Kamerun kommt, ob es da heiß ist, und ob sie ihm ein Autogramm von Robert Huth besorgen sollen. Der Deutsche an sich ist schon freundlich zu Ausländern, aber erst die Begegnung mit Fußballfans lässt uns fragen:
»Wird aus Deutschland das Land des Lächelns?«
Vieles spricht dafür. Das deutsche Team kassierte drei Gegentore pro Spiel. Das machte gar nichts,
»Ob Sieger oder Verlierer, in den Stadien gab es Beifall für alle.«
Kaum hatten deutsche Fans einen Mexikaner entdeckt, riefen sie vergnügt: ?Steh auf, wenn du ein Deutscher bist!', und kauften ihm eine Bratwurst. Selbst als die Brasilianer unseren Abwehrrecken Robert Huth schwindelig spielten, riefen die Fans total lustig:
»Huth, Huth, Huth!«
um ihm Mut zu machen. Sie hätten's auch gemacht, wenn ein Brasilianer so ungelenk gewesen wäre wie er. Waren die nicht. Das ändert aber nichts daran, dass es so gewesen wäre. Ohne Hintergedanken
»goutierten die deutschen Fans die frische Risikobereitschaft der von Klinsmann jugendlich aufgemöbelten deutschen Nationalmannschaft«.
Sie hätten's auch gemacht, wenn die Mexikaner mit jugendlich aufgemöbelten Spielern aufgetreten wären. Die hatten ein erfahrenes Team, das ändert aber nichts daran, dass es so gewesen wäre. Und so resümierte die FAZ:
»Was sich da abzeichnete, läßt auf einen entspannten, bejubelten und von aggressiven Zwischentönen freien Sommer 2006 hoffen.«
Man kann ja gar nicht oft genug betonen,
»dass die Deutschen auf diese Weise zum wiederholten Male so manches Vorurteil, das ihnen aus vergangenen Zeiten anhängt, widerlegt haben«.
Ausländer haben Vorurteile gegen uns - wegen früher! Wie oft müssen wir die noch widerlegen? Aber wer Vorurteile hat,
»der wird selbst die Begeisterung der Deutschen, die wirklich hohe Erwartungen für die Fußball-Schau des nächsten Jahres weckt«,
falsch verstehen. Als in Leizpig, im Spiel Deutschland-Mexiko,
»jede Ballberührung der Mexikaner 90 Minuten lang mit gellenden Pfiffen quittiert wurde«,
fragte sich kein Ausländer, warum die Mexikaner so lässig gespielt haben. War es fair, Robert Huth den Ball immer wieder durch die Beine zu spielen? Und wer kolportierte anschließend, dass Huth
»wie ein schwarz-weiß angemalter Küchenschrank spielte?«
Die ausländische Presse! Der wäre nun wirklich kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie einmal gewürdigt hätte,
»daß 3000 freiwillige Deutsche nur dabeizusein, mitzuhelfen, einen persönlichen Beitrag zum allgemeinen deutschen Ansehensgewinn zu leisten, diese im besten Sinne dienende Haltung, verkörperten!«
3000 Freiwillige von der Arbeitsagentur,
»die mit Begeisterung ihren unbezahlten Dienst summa cum laude bestanden«.
Vorbilder für alle, die einen Euro pro Stunde abkassieren wollen! Das Ausland würdigte nicht mit einer Zeile,
»daß die Koordination der 3000 Helfer so reibungslos funktionierte wie die neuen Verkehrsleitsysteme«.
Wie vom Verkehrssatelliten ferngelenkt. Eins A! Vielleicht saß noch nicht alles perfekt.
»Als immer wieder Flitzer auf die Plätze stürmten, ein lästiges Phänomen, bei dem die zum Eingreifen gezwungenen Kräfte allzu finster entschlossen aussahen.«
Die hätte man etwas fröhlicher einfangen können. Aber wie oft müssen wir noch beweisen, dass wir genauso zu feiern verstehen wie Brasilianer oder Mexikaner? Außerdem
»haben wir aus diesen kleinen Störungen der sommerlich heiteren Note gelernt.«
Genau! Das wird bei der Weltmeisterschaft lustiger!!!
»Wenn über 60.000 Helfer unbezahlt dem Organisationskommitee, wo immer sie gebraucht werden, zur Hand gehen«,
Die werden schon von der Arbeitsagentur
»zu guter Laune verpflichtet,«
oder das Geld ist weg! Die müssen lernen,
»daß nur die gute Laune die Spuren zu einem Wohlfühlsommer legen und zu einer spürbar entspannten Partyatmosphäre beitragen kann«.
Nur mit guter Laune
»wird die leitmotivistische Behauptung, daß die Welt zu Gast bei Freunden sei, mit Auszeichnung bestanden!«
Bei der WM dürfen wir uns
»keinen einzigen Schnitzer erlauben«,
oder Otto Schily kommt zurück!
»Jeder Schnitzer gefährdet die neue Traumrolle des perfekten Gastgebers«.
Manche stellen sich das viel zu einfach vor. Perfekte gute Laune kommt schließlich nicht von selber. Die musst du so lange üben, bis sie sitzt!! Aber das kriegen wir hin! Ein anderes Problem bereitet uns mehr Sorgen.
»Soll sich das Vergnügen fortsetzen und die Weltmeisterschaft 2006 als freudiges Ereignis genossen werden, dann muß die deutsche Mannschaft allerdings nach Wunsch mitspielen und gewinnen!«
Die deutsche Mannschaft wird schon siegen müssen, sonst können wir nicht fröhlich sein. Wir dürfen uns nichts vormachen.
»Beim Confed-Cup war der Sieg noch nicht alles. Doch bei der WM wird das Publikum keine Schönheitspreise mehr vergeben«,
sondern den Titel verlangen. Man fragt sich, ob das der Nationalmannschaft überhaupt bewusst ist? Seit Jahren haben wir
»nicht mehr gegen einen der Großen im Weltfußball gewonnen und auch in diesem Turnier besiegten wir nur Australien und Tunesien«.
Das kann jeder! Bei der WM darf es keine Niederlage geben, sonst kriegt der Deutsche schlechte Laune und seine angeborene Hilfsbereitschaft verwandelt sich
»ganz schnell in Radau und Randale. Dann wird von der Noblesse im Umgang mit Fremden vermutlich nicht mehr gar soviel übrig bleiben«.
Dann kommt Hass hoch
»und dann ist es allerdings fraglich, ob Deutschland von Turbulenzen verschont bleibt«.
Es ist doch wirklich nicht schwer zu verstehen: Deutschland muss siegen! Nur wenn Deutschland siegt, haben wir gute Laune und können Ausländern das Gefühl vermitteln, zu Gast bei Freunden zu sein. Nur deutsche Siege können also im Ausland das Vorurteil ausräumen, dass Deutsche immer siegen müssen!    

Herzlichen Dank an den Autor Rainer Trampert
Der Text stammt aus dem Satireprogramm
»Zu Gast bei Freunden« von Thomas Ebermann
und Rainer Trampert