WM 2006Sexismus im Stadion

»Man spielt hier ja praktisch Mann gegen Mann.«
Berti Vogts bei der Frauen-WM

» Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.«
  ebenfalls Berti Vogts

»Wie soll das denn dann heißen? Ernst-Kuzorra-seine-Frau-ihr-Stadion?«
Johannes Rau zum Vorschlag, Fußballstadien nach Frauen zu benennen

Zunächst einmal:
Im Brockhaus findet sich für Sexismus folgende Definition: Darunter »versteht man jede Art von Diskriminierung , Unterdrückung , Zurücksetzung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts. Zu Sexismus im weiteren Sinn zählen auch kulturell bedingte Geschlechterrollen Stereotype von Weiblichkeit und Männlichkeit, mit der Auswirkung, dass das Verhalten von Frauen und Männern, häufig unbewusst, mit zweierlei Maß gemessen wird. Der Begriff ist eine aus dem Englischen kommende Parallelbildung zu racism , also Rassismus (englisch sex bedeutet auch, neutraler als im Deutschen, Geschlecht ). [...]Er betrifft in den meisten Kulturen strukturell vorrangig Frauen. [...]«

Vielen, die mit Fußball zu tun haben, auch diversen Wissenschaften, fällt der Sexismus im Stadion gar nicht auf. Stattdessen richtet sich ihr Blick auf die dort herrschende Gewalt und männliche Dominanz. Ein Diskurs über Elemente weiblicher Fankultur findet kaum statt.
Zudem ist der Anteil der Zuschauerinnen im Stadion nicht besonders groß. Auch wenn die genauen Gründe nicht bekannt sind, lässt sich ein Zusammenhang mit Sexismus doch vermuten.
Obwohl sich nämlich das Stadion als angeblich frei zugänglichen Raum gibt, bedeutet doch der in ihm herrschende Sexismus für Frauen ein Gefühl der Unsicherheit.
Denn dort ist die Fixierung auf männliche Verhaltensweisen und Wertmaßstäbe besonders ausgeprägt, was zur Folge hat, dass Frauen nicht oder zumindest kaum die Möglichkeit haben, ihre eigene Identität auszuleben. Somit passen sie sich entweder an (was natürlich Auswirkungen auf ihr Selbstbild nach sich zieht) oder sie enthalten sich dem Geschehen (was natürlich auf Kosten einer eventuellen weiblichen Fankultur geht). Die männliche Monokultur bleibt bestehen und legt den Status quo fest, an dem Frauen keinen Anteil haben.

Aspekte beim Fußballerlebnis, die die geschlechtliche Identität der Frauen angreifen >Offener Sexismus
Dem offenen Sexismus sind Frauen täglich ausgesetzt, obwohl dieser im Großteil der Gesellschaft als solcher erkannt und abgelehnt wird. Doch im Fußball scheint er noch vorbehaltlos verankert zu sein. Die dortige männliche Dominanz   und das Festhalten an vermeintlich traditionellen männlichen Verhaltensweisen stehen häufig in Zusammenhang mit Sexismus.
Ein Beispiel dafür sind Gesänge, die einen festen Bestandteil des Fandaseins ausmachen. Man denke nur an »Von den blauen Bergen kommen wir, unsre Schwänze sind genauso lang wie wir. Und wir spritzen unsern Samen in den Unterleib der Damen. ...«
Dieses Besingen männlicher Stärke und somit einer Herabsetzung von Frauen macht aus dem Stadion sicherlich keinen angenehmen Aufenthaltsort für das weibliche Geschlecht.
Auch wenn sich der Text nicht an die anwesenden Frauen direkt richtet, so bekommt man doch als Reaktion auf kritische Äußerungen »Emanze« entgegengeknallt, also ein Neutralisieren   der Geschlechtsidentität.
Zu direkter Konfrontation führt das Tragen bestimmter Kleidung, es beginnt eine Art Spießrutenlauf. Das Mindeste sind noch dumme Kommentare, doch auch vor Begrapschen scheuen sich   männliche Zuschauer nicht. Dieser Freiwild-Status verstärkt sich noch, wenn man ohne männliche Begleitung den Ort des Geschehens betritt.
Es herrscht die Meinung, Frauen könnten kein reines Fußballinteresse besitzen, sportlicher Sachverstand wird ihnen schlichtweg abgesprochen. Im Gegenteil wird unterstellt, sie seien dort nur wegen der männlichen Begeleitung oder der erotischen Fußballerbeine.
Auch Cheerleader müssen sich offenem Sexismus aussetzen. Die Rechtfertigung für »Ausziehen« -Rufe erfolgt dann dadurch, dass das Cheerleading nichts mit Fußball zu tun habe. Diese Konsumkritik ist vielleicht berechtigt -aber was soll der Sexismus dabei bezwecken?

Der versteckte Sexismus
Während der offene Sexismus wenigstens noch einige Männer peinlich berührt, wird der versteckte oft heruntergespielt oder gar nicht bemerkt   Seine Strukturen liegen tiefer und verbinden unmerklich Frauen und Fußball.
Dies geschieht vor allem im Umgang mit weiblichen Rollenzuschreibungen der Gesellschaft. So wird dann aus Sicht des männlichen Betrachters, Konsumenten oder Anwenders ein vermeintlich positives Frauenbild transportiert.
Als Beispiel sei hier die Darstellung weiblicher Fans in den Medien herangezogen: Um die Ausgelassenheit und den friedlichen Jubel zu zeigen, sendet man Bilder von leicht bekleideten, am besten exotisch aussehenden, Frauen im Stadion.
Oder auch Fanartikel: jedes noch so überflüssige Produkt wird von möglichst viel nackter Haut präsentiert und dient somit als Basis für offenen Sexismus.
Eine Öffnung der Stadien für Frauen erfolgt   also nur vorgeblich, denn die Praxis beweist das Gegenteil: Bis heute ist die Darstellung der Frau im Fußball reduziert auf das eines Sexualobjektes ohne Fachkompetenz, in den Augen von Medien und Funktionären ist dieser Sport Männersache.
Da frau ohnehin täglich mit Rollenunsicherheit zu kämpfen hat, ständig im Alltag ihre   Geschlechtszugehörigkeit bewältigen und   -im Gegensatz zum Mann- ihre Professionalität unter Beweis stellen muss, meidet sie dann das Stadion, denn dort findet sie   ohnehin nur eine Konzentration dieser Problematiken. Und solange das so bleibt, werden auch Vereine und Medien nicht umdenken.

Der (mehr oder minder bewusst) ausschließende Sexismus
Dieser umfasst zum Beispiel die Verwendung der explizit männlichen Form, wenn etwa vom Publikum als »12.Mann« gesprochen wird. Oder auch, wenn Funktionäre in direktem Fankontakt ihre Anhänger kumpelhaft als »Jungs« /«Männer« bezeichnen -selbst wenn Frauen anwesend sind.
Frauen sind in der Außen -und Eigendarstellung überhaupt nicht vorhanden. Dies geht zum Teil so weit, dass Frauen in einigen Vereinen die Mitgliedschaft verweigert wird, damit »mann« unter sich bleibt - ohne die »Einschränkung« von Frauen.
In den Stadien wird Frauen zwar nicht offiziell der Zutritt untersagt, aber Männer und deren Verhaltensweisen weisen ihnen einen eindeutigen Platz zu: den am Rand. Und diesen zu verlassen ist schwierig. Versucht frau es dennoch, bekommt sie meist offenen Sexismus zu spüren.

Ausblick
Bisher passten sich Frauen im Stadion meist den männlichen Verhaltensweisen an und distanzierten sich von ihren Geschlechtsgenossinnen, die diese Rollenerwartung (durch z.B. freizügiges oder dominantes Auftreten) nicht erfüllen.
In jüngerer Zeit wurden Stadien für Frauen offener, denn der Zutritt ist durch die abgeschwächte geschlechtsstereotype Zuschreibung leichter. Zudem haben die Vereine einen neuen Absatzmarkt erkannt und zwar das Marketing für die »Groupie -Generation«. Begleitet wird dieses Interesse an Frauen durch die - noch nicht eindeutig bestätigte - These, dass Frauen ein Gewalt verminderndes Potential besäßen.
Um den Sexismus im Stadion abzubauen, müsste eine normalisierte Aneignung des Stadions durch Frauen passieren: mehr weibliche Zuschauer, Frauen, die eine Vorbildfunktion im Fußball-Umfeld besitzen (vgl. etwa Frauen- Fußball oder in den Medien die Sport-Moderatorinnen) sowie Sensibilisierung und Aufbegehren gegen den Sexismus im Stadion.