WM 2006Ich bin nicht Deutschland

Seit der Entscheidung, die Fußball Weltmeisterschaft in Deutschland auszutragen, wird vor allem die Kontrolle der Fans und die Überwachung ausgebaut.
Der Slogan »Zu Gast bei Freunden« erscheint als Hohn, wenn Fans aus Afrika, Asien und Lateinamerika pauschal unterstellt wird, sich einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland erschleichen zu wollen, oder Menschen, die nicht deutsch aussehen, um ihr Leben fürchten müssen.
Doch mit dem Fußballgroßereignis wird auch die kulturelle und nationale Stereotypisierung vorangetrieben und das Ausleben nationalistischer Gefühle propagiert. Man wird überschwemmt mit allen möglichen Schwarz-Rot-Goldenen-Widerlichkeiten, wie Fahnen, Schals, Eis, Cocktails usw.. Der Chefredakteur der »Deutschen Stimme« erwartet einen ähnlich patriotischen Aufschwung wie nach dem Sieg bei der WM 1990.
Es wurde nichts unversucht gelassen, ein Wir-Gefühl, eine deutsche Zusammengehörigkeit zu konstruieren.
Mit der »Du bist Deutschland« -Kampagne wurde die Nation den Leuten näher gebracht. Das Zusammentreffen der Kampagne mit der WM hat dem fortschreitenden Nationalismus einen riesigen Schub versetzt. Je näher die WM rückte, desto größer wurde der gesellschaftliche Raum, den der Nationalismus einnahm. Die Deutschen sollen sich mit ihrem Land, ihrer Mannschaft und ihrer Fahne identifizieren, das Verhältnis zu letzteren soll sich durch Eis und Cocktails normalisieren.
Folgerichtig wird von »unserer Mannschaft« gesprochen und »Wir werden Weltmeister«.

Die gesellschaftliche Sensibilität gegenüber der Deutschtümelei lässt   schon lange zu wünschen übrig. Schon mit der Geburt wird man in ein nationales Korsett gezwängt. Diese Unverschämtheit akzeptieren aber die meisten und halten es für gut. Denn fällt man aus dem kapitalistischen Verwertungsprozess heraus und verwirkt damit sein Lebensrecht im Kapitalismus, gibt es immer noch die Nation, auf deren Zugehörigkeit man sich berufen kann. Eine Kritik am Nationalismus, der ohne Ausgrenzung anderer nicht zu haben ist, gibt es nicht, außer er tritt in Form von Neonazis auf und schädigt dem Ansehen Deutschlands.
Bei der »Du bist Deutschland« -Kampagne wird dann auch auf Slogans aus der deutschen Vergangenheit zurückgegriffen. Damals versuchten sich die preußischen Eliten unter Berufung auf Kant und Goethe vom zivilisierten Frankreich und England abzugrenzen und zwar als »Land der Kultur«, welche tief greifender zu bewerten sei als die Zivilisation der europäischen Nachbarn.

Auch der Fußball hatte es schwer, in Deutschland Fuß zu fassen. Galt doch in der Anfangszeit der deutschen Nation das Turnen, welches den Volkskörper härtet und die Wehrhaftigkeit der Nation fördert, als populär. Erst ab 1920 wurde Fußball in Deutschland zum Massensport, als er sich konsequent in den Dienst der Nation stellte. Mit der frühen Entledigung seiner kosmopolitisch-jüdischen Gründergeneration wurde der DFB zur Paradeorganisation des Nationalsozialismus. Der Fußball stellte sich freiwillig in den Dienst für das Vaterland, begriff sich selbst als Schule für den Krieg und für die Erziehung zum wahrhaft Deutschen.

Nach 1945 wurde der Fußball zum nationalen Platzhalter, wo überschäumender Nationalismus unangebracht schien. Über lange Zeit waren Fußball und Nationalismus untrennbar miteinander verbunden. Fußball diente und dient zur Identifikation mit dem eigenen Land, um Emotionen zu wecken und Begehrlichkeit zu befriedigen. Kulturelle Eigenheiten und Identität werden mit Nachdruck eingefordert und reproduziert. So besteht das Bild der deutschen Mannschaft aus den deutschen Tugenden wie Fleiß, Aufopferungsbereitschaft   und Kampfeifer, während z.B. den Brasilianern angedichtet wird, sie hätten den Fußball und den Samba im Blut.
In Zeiten, in welchen der Fußball immer weiter kommerzialisiert wird, stoßen dann allerdings nationalistisch-rassistische Töne, die in den neunziger Jahren durch deutsche Stadien hallten, auf den Widerstand der Vereine, da es den Image nicht gerade zugute kommt, wenn dunkelhäutige Spieler mit Urwaldgeräuschen empfangen werden. Dass es ihnen dabei nur um ihr Ansehen geht und sie nicht dem Nationalismus abgeneigt gegenüber stehen, zeigt schon der Satz eines ganz Großen im deutschen Fußball, Franz Beckenbauer: »Wir Deutschen haben etwas im Blut, um das uns die ganze Welt beneidet.«

Als Fußballfan freue ich mich auf schöne und spannende Spiele. Aber mit Sicherheit werde ich nicht Weltmeister und niemand wird es in meinen Namen werden. Denn ich bin nicht Deutschland .