WM 2006Die etwas andere WM

Ein internationaler Wettstreit weit weg von nationalem Prestige und gewinnorientierter Vermarktung ist gerade zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft eher schwer vorstellbar, aber genau deshalb umso notwendiger. Eine willkommene Alternative hierzu ist die »Mondiali Antirazzisti«, die antirassistische Fußballweltmeisterschaft. Diese findet dieses Jahr vom 12. bis zum 16. Juli bereits zum 10. Mal im Parco Enza i Montecchio Emilia in Italien statt. Veranstaltet wird sie hauptsächlich von 2 Gruppen und zwar von »istoreco«, dem Institut für die Geschichte der Resistenza und für Zeitgeschichte in der Provinz »Reggio Emilia«, sowie von »Progetto Ultra«, einem vereinsübergreifenden Fanprojekt, das zum einen auf Rassismus in und außerhalb der Fußballstadien aufmerksam macht und darüber hinaus versucht, dem eine lebendige Fankultur ohne Diskriminierung entgegenzusetzen. Unterstützt werden diese beiden Projekte hauptsächlich durch die Organisation F.A.R.E. (football against racism in europe).
Dieses Jahr nehmen an der Mondiali 168 Teams aus mehreren Ländern teil. Die Mannschaften bestehen zum Teil nur aus Männern oder Frauen, sind zum Teil gemischt, es spielen sowohl Hobbykicker als auch fest bestehende Fußballvereine.
Was alle gemeinsam haben, ist aber die antirassistische Einstellung, die dieses Turnier prägt. Hier treffen Menschen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen aufeinander, von Antifa- oder Antira-Gruppen über AktivistInnen aus dem Spektrum der Antiglobalisierungsbewegung bis hin zu politisch kaum aktiven Teams. Das besondere an diesem Event aber ist, dass es sich weit über die Grenzen eines Fußballturniers mit »politisch korrekten« Teilnehmern hinaus erstreckt. Zentraler Anlaufpunkt des Ganzen ist die »Piazza Antirazzisti«, das Kommunikationszentrum, wo Vorträge und Diskussionsveranstaltungen rund um das Thema Rassismus stattfinden, in diesem Jahr werden dort ehemalige Partisanen von ihrem Kampf erzählen. Darüber hinaus haben die teilnehmenden Gruppen dort die Möglichkeit, eigene Projekte vorzustellen und die anderen über ihre eigenen Aktionen zu informieren. Ein weiterer wichtiger Teil ist die jedes Jahr stattfindende Demonstration aller Teilnehmer der Mondiali, um deren Grundgedanken offen nach außen zu tragen.
Damit bei allem auch das Feiern nicht zu kurz kommt, finden abends Partys oder kostenlose Konzerte mit regionalen, aber auch bekannten Bands statt. So spielten im letzten Jahr beispielsweise Banda Bassotti, die sich mittlerweile auch weit über die Grenzen Italiens hinaus, mit dem, was sie zu sagen haben, einen Namen erspielt haben.
Finanziert wird die ganze Mondiali zum einen Teil durch Sponsoren und zum anderen Teil durch Spenden der teilnehmenden Teams, die hierfür beispielsweise Partys oder ähnliches organisieren, deren Erlös dann der Antira-WM zugute kommt.

Dass bei einer Veranstaltung wie dieser mit einer derartigen Breite des Teilnehmerspektrums in vielen Punkten keine politische Einheit besteht, ist nicht verwunderlich. Deshalb ist von den Veranstaltern bewusst der Konsens des Antirassismus gewählt worden, welcher als einzige Maßgabe zur Teilnahme dient. Dass dennoch gerade innerhalb der deutschen Linken die altbekannten Meinungsverschiedenheiten nach wie vor existieren, die sich durch solche Regelungen nicht unter den Tisch kehren lassen, zeigte sich im Vorjahr am Beispiel der Gruppe »Roter Stern Leipzig« und verschiedener anderer Gruppen, welche aufgrund verschiedener Ansichten, insbesondere in Bezug auf den Nahost-Konflikt, per Flugblättern den Ausschluss des Leipziger Teams forderten. Dieser Streit schaukelte sich vom Boykott eines Spiels gegen Roter Stern Leipzig hoch bis hin zu einem Handgemenge der Leipziger mit u.a. einigen Antifas aus Hannover, was unter anderem zu einem Nasenbeinbruch führte. Hier zeigt sich wieder, dass das Problem der Uneinigkeit der Linken nicht mit inhaltlich nur groben Maßgaben beiseite gestellt werden kann. Dennoch stellt die Mondiali ein äußerst unterstützenswertes Projekt dar, da sie in ihrer Verbindung von Sport und Politik eine Brücke schlägt und eine einmalige Möglichkeit zum kulturellen und politischen Austausch bietet.