WM 2006Die dritte Halbzeit

Eine Analyse des Hooliganismus mit hergebrachten Begriffen und Konzepten ist schwierig. Über die Herkunft des Wortes Hooligan ist Mensch sich nicht einig. So soll es einen irischen Randalierer namens Patrik Hooligan gegeben haben, aber es auch wird auf eine britische Straßengang, welche sich »Hooley« nannte oder auf den irischen Begriff für Sauforgie bzw. wild »hooley« verwiesen.

Hooligan-Philosophie und Hooligan-Kultur
Hooligans sind zum ersten Mal in den 50er- und 60er Jahren in England in Erscheinung getreten und dort durch ihre Bereitschaft zu Vandalismus und Gewalt im Zusammenhang mit Fußball aufgefallen.
Das Zelebrieren von Gewaltritualen und das Kultivieren einer Ästhetik der Aggressivität sind bestimmende Elemente der Hooligan-Kultur. Hooligans behaupten, der Antrieb für ihr Handeln ist der Kick, den sie daraus ziehen, mit physischer Gewalt zu zeigen, dass man stärker ist als der Gegner. Auch der Zusammenhalt in der Gruppe ist für viele der Grund, einer Hooligangruppe beizutreten und sie auch nicht wieder zu verlassen. Personen, die sich Hooligans anschließen, kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, vom Arbeiter bis hin zum Akademiker ist alles vertreten. Das Alter liegt zwischen etwa 14 und Mitte 40.
Unter Hooligans gibt es laut eigener Aussage so etwas wie Grundsätze, den sog. »Ehrenkodex«: Es werden im Normalfall keine anderen Zuschauer der Veranstaltungen, sondern nur gegnerische Hooligangruppen angegriffen. Personen, die auf dem Boden liegen, dürfen nicht weiter geschlagen werden und der Gebrauch von Waffen und Gegenständen (Regenschirme, Stöcke, Flaschen, Steine, Bierdosen) ist nicht die Regel. Es ist auch »verboten« wegzulaufen, selbst wenn die gegnerischen Hooligans in der Überzahl sind. So stehen üblicherweise bei Kämpfen die älteren Hools in den hinteren Reihen, um die jüngere Generation gegebenenfalls an einem Rückzug zu hindern.
Berichte »normaler« Sportveranstaltungsbesucher belegen jedoch z.T. das Gegenteil des eben Geschilderten. Besonders in Ost- und Südeuropa, aber auch in Deutschland werden in letzter Zeit die Grenzen des »Ehren-Kodex« missachtet und so kommt es manchmal zu blinder Gewalt mit vereinzeltem Einsatz von Hieb- und Stichwaffen. So wurden beispielsweise bei einem Spiel in der zweiten Liga Polens mehrere Mistgabeln, Äxte und ähnliches vom Sicherheitsdienst des Stadions beschlagnahmt.
Für die Hooligans spielt das Fußballspiel selbst dabei teilweise nur eine untergeordnete Rolle. Oft nehmen Hooligans nicht einmal als Zuschauer teil, sondern verabreden sich mit anderen Hooligangruppen außerhalb oder suchen den Konflikt im Umfeld des Stadions. Dies ist vor allem dadurch entstanden, da rund um die Stadien umfassende Videoüberwachung und erhöhter Polizeieinsatz Alltag geworden sind. Dies hat das Hooliganproblem jedoch nicht behoben, sondern nur verdrängt. Das Ausweichen auf untere Ligen und neutrale Plätze gehört mittlerweile zur Regel- wird aber von der Öffentlichkeit, auch wegen nur vereinzelter Berichterstattung der Presse selten wahrgenommen.
Zu den bisher schlimmsten Ausschreitungen zwischen Hooligans kam es am 29.Mai 1985 bei dem Europapokalendspiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool. Damals verloren 39 Menschen ihr Leben und etliche wurden verletzt.
Das bekannteste Opfer durch randalierende Hooligans ist wohl der Polizist Daniel Nivel, der bei Straßenschlachten zwischen Hooligans und Polizisten während der Fußballweltmeisterschaft im Jahre 1998 ins Koma geprügelt wurde und seitdem schwerstbehindert ist.
Wie zwischen den Fanklubs der Vereine gibt es auch in der Hooligan-Szene Freund- und Feindschaften.
Der größte Teil der Hooligans nennt sich unpolitisch oder rechtsstehend, wobei sie sich aber je nach Verein mit Neo-Nazis vermischen oder sie ablehnen. Eine der berühmtesten unpolitischen Hooligan Gruppen ist die »Green Street Elite« von West Ham United (London). Bereits anhand der Namen der Hooligangruppierungen kann man häufig (allerdings nicht immer) erkennen, ob diese politisch motiviert sind oder nicht. Insbesondere die Borussenfront (Borussia Dortmund) ist eine Szene, in der sich sehr viele Rechtsradikale um Siegfried »SS Sigi« Borchert versammeln.
Im Osten Deutschlands sind fast alle Gruppen mit Neonazis gespickt. So entfalteten   zum Beispiel einige Cottbusser Fans während eines Spiels in der 2.Bundesliga zwischen Dynamo Dresden und Energie Cottbus ein Transparent, auf dem das Wort »Juden« zu lesen war. Das »D« in »Juden« wurde ersetzt durch das Emblem von Dynamo Dresden, flankiert von zwei Davidsternen mit den Buchstaben DD für Dynamo Dresden.
Dies ist mittlerweile kein Einzelfall mehr. Etwa die Hooligans »Irriducibili« (die Unbeugsamen)   vom Serie A Klub Lazio Rom, die regelmäßig im Stadion den Hitlergruß zeigen und Fahnen mit dem Keltenkreuz schwenken. Oder die Hooligans von Feyenoord Rotterdam, die des öfteren Hakenkreuz -Fahnen bei ihren Spielen dabei haben.
Aber es gibt auch »linke« Hooligans, wie die vom Serie A Klub AS Livorno Calcio, die sogenannte »Brigata Autonome Livornese« (kurz BAL), welche von sich erklären, dass sie Kommunisten seien. Oder auch Hooligans von Ajax Amsterdam, welche immer im Stadion Israel- Fahnen schwenken.
Ein Beispiel einer linken Hooligangruppierung aus Deutschland ist in Babelsberg vertreten. Dabei werden in regelmäßigen Abständen Transparente und Fahnen mit linken Symbolen geschwenkt. Bekannt sein dürfte auch vielen der Begriff »Antifa Hooligans«, welcher ein Zusammenschluss verschiedener linker Hooligan- Gruppierungen ist.
Zu Anfangszeiten konnte man   Hooligans an ihrem äußeren Erscheinen erkennen, da sie zum größten Teil aus der in dieser Zeit aufkommenden bzw. vorhandenen Skinheadszene stammten. Demzufolge kleideten sie sich vorwiegend mit Bomberjacken, Jeans und Springerstiefeln. Dies änderte sich aber im Laufe der Jahre.
Heutzutage ist der Hooligan als solcher im Stadion nicht so einfach zuzuordnen wie der traditionelle Fan, da er im Gegensatz zu diesen nicht die Namen seines Vereins trägt, sondern eher unauffällige, aber prestigeträchtige Markenbekleidung bevorzugt. Bevorzugt werden meist weitere, bauschige Schnitte, etwa Blousons und weite Hosen. In den frühen neunziger Jahren etablierte sich ein relativ einheitlicher Stil aus z.B. Sweatshirts der Marken BEST COMPANY, Tesco, Fred Perry, Iceberg, College-Jacken von Chevignon oder Replay, Nylon-Jacken im Jeansjackenstil von blue system, Diesel oder Replay, sowie Jeans von Diesel und teure Anzüge von Armani. Bis heute ist dieser Stil präsent, wird allerdings ergänzt durch Designerkleidung von Burberry, Stone Island, Henri Lloyd, Lacoste und anderen bekannten Modeschöpfern, sowie durch Hosen oder Jeans der Marke Jet Lag. Auch Streetwear- und Sport-Marken wie Lonsdale, Pitbull, Umbro oder New Balance (Schuhe) wurden und werden getragen. Hooligans bevorzugen oft nicht nur den beschriebenen Stil und bestimmte Marken, sondern auch ganz bestimmte Kleidungsstücke mit Kult-Status, die von vielen getragen werden. Teilweise sind dies »legendäre« Kleidungsstücke aus der Hooligan-History, die nicht mehr hergestellt werden und deshalb zu einer Ikone der Szene, zum begehrten Klassiker und zum raren Sammelobjekt mutieren (z.B. Best Company Sweatshirts). In Hooligan-Kreisen ist ein plakatives Zur-Schau-Stellen von Marken in Form großer Logos sehr verbreitet.
Mit diesem Stil und dieser Haltung haben die Hooligans auch die jugendliche Massenmode beeinflusst.
Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wird mit einer Zunahme der Gewalttaten von Seiten   der Hooligans gerechnet, worauf die Polizei schon im Vorfeld mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen reagiert hat und auch in den Wochen der WM »hart durchgreifen« wird. Was das heißt, hat der Artikel »Big Brother zu Gast bei Freunden« deutlich gezeigt.