TOTALITARISMUSZur Begriffsgeschichte der Totalitarismustheorie

Dieser Artikel zur Begriffsgeschichte der Totalitarismustheorie möchte diese in ihren politisch-historischen Kontext einordnen und so wichtige Hinweise auf ihre erkenntnistheoretischen Defizite geben. Es wird sich zeigen, dass sie sich in den letzten 80 Jahren ihres Bestehens als außerordentlich konjunkturabhängig erwiesen hat. Die Totalitarismustheorie ist zuallererst eine Wahrheitsdoktrin und will im Rahmen des öffentlichen Diskurses festlegen und definieren, was als wahr und falsch zu gelten hat.

Entstanden ist der Totalitarismusbegriff in Italien. Nach dem Machtantritt der italienischen Faschisten warnten Kritiker davor, dass sie ihre Gewalttätigkeit im politischen Herrschaftsapparat verankern würden, indem sie die staatliche Gewaltenteilung »totalitär« beseitigten. Später eigneten sich diese neue Begrifflichkeit die Faschisten an und besetzten sie positiv. Zugleich bemühte sich Giovanni Gentile, die Machtansprüche der faschistischen Massenbasis in den stato totalitario einzubauen und diese selbst langfristig zu integrieren.

Zur ersten praktisch-politischen Anwendung dieser neuartigen Begrifflichkeit kam es in Deutschland. Nach der Weltwirtschaftskrise wurde es erst von unterschiedlichen politischen Lagern genutzt. Sozialdemokratie und Gewerkschaften antworteten auf die Sozialfaschismus-These mit dem Vorwurf die Kommunisten seien »rotlackierte Faschisten«, hinter denen »totalitäre Tendenzen« lauern. Bei den Jungkonservativen um Ernst Jünger kam es zur Gleichsetzung von »totalitär« und »total«,   zur Propaganda für eine »totale Mobilmachung« zugunsten eines Revisionskrieges. Außerdem begannen rechtskonservative Theoretiker über einen Ausbau der Präsidialdiktaturen zum »totalen Staat« auf Grundlage der Weimarer Verfassung nachzudenken. Diese Tendenzen flossen in der NS-Bewegung zusammen. Über die »totale Mobilmachung« führt der Weg direkt zum »totalen Krieg«.

In der angelsächsischen Totalitarismusdebatte der 1920er Jahre, die im Wesentlichen auf das konservative akademische Lager begrenzt war, wurde der Begriff dagegen negativ besetzt. Es galten alle Regime als »totalitär«, die die parlamentarische Demokratie bekämpften. Die verschiedenen Varianten des Faschismus und der heraufziehende Stalinismus wurden dabei meist gleichgesetzt.

Doch der Totalitarismus wurde auch zum identitätsstiftenden Symbol für die internationale faschistische Szene der 30er Jahre. Mit ihrem Vorgehen gegen die Arbeiterklasse und der Auflösung parlamentarischer Errungenschaften beanspruchten die Faschisten die Rolle eines logischen Bündnispartners der traditionellen Eliten für sich. Aufgrund dessen beschäftigten sich die Theoretiker der sozialistischen Emigration schon früh intensiv mit dem politischen Drohpotential des »Totalitarismus«. So prognostizierte Beispielsweise Filippo Turati schon Anfang der 1920er Jahre, dass die herrschende Klasse, die die »totalitären« Herrschaftsformen etabliert hatte, dafür einen hohen Preis zahlen wird . Auch Frank L. Neumann steckte die Dimensionen eines »totalitär« gewordenen Monokapitalismus ab: Er habe der Kleinbourgeoisie die politische Macht übertragen, um sich jenseits der verschlissenen parlamentarisch-demokratischen Legitimationsbasis eine neue Plattform für seine ökonomische Diktatur zu schaffen.

Doch am Ende der 1930er Jahre kam es zu einer Trendwende. Immer mehr Intellektuelle des Westens übernahmen »Totalitarismus« als negative Kategorie. Sie schlossen sich jenen konservativen Politologen an, die schon zuvor alle klassenanalytische Zugänge der sozialistischen Emigranten zum Totalitarismusbegriff eliminiert und ihn zur Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus operationalisiert hatten. Die sozialistischen Kritiker und ihr antifaschistisch-»antiautoritärer« Konsens wurde zunehmend von Äußerungen einer neuen Emigrantengruppe überlagert die in ihrer Auseinandersetzung mit der Stalin-Ära mit allen Varianten sozialistischer Utopie brach. Viele von ihnen brachen mit ihren bisherigen Biographien und schlossen zu den konservativen Totalitarismuskritikern auf. In den Jahren der Neuaufteilung des europäischen Kontinents zwischen Stalinismus und Nazismus durch die faschistischen Blitzkriege, gestalteten sie den Totalitarismusbegriff neu. Der Ex-Kommunist Franz Brokenau setzte in einem wortgewaltigen Manifest den »braunen Bolschewismus« mit dem »roten Faschismus« gleich. Im November 1939 fand in New York ein internationales Symposium unter dem Motto »The Totalitarian State« statt, das sich auf Faschismus und Stalinismus gleichermaßen bezog. Nur zwei Jahre später, nach dem Angriff auf die Sowjetunion, reihte sich der Stalinismus in das Lager der Antihitlerkoalition ein und die Totalitarismustheorie galt als überholt. Dennoch blieben starke »antitotalitäre« Grundströmungen vorhanden, die für die Kontinuität der Begriffsgeschichte entscheidend sind.

Der Übergang zum Kalten Krieg bedeutete auch die Wiedergeburt der negativen Totalitarismusdoktrin. Die American Academy of Arts and Sciences veranstaltete 1953 erneut einen internationale Totalitarismustagung, auf der die Teilnehmer endgültig die Totalitarismuskonzeption als normative Typologie, die den pluralistischen-demokratischen Verfassungsstaat zum Ausgangsbild nahm. Es wurde auch eine Gruppe von Merkmalzuschreibungen verabschiedet um »totalitäre Diktaturen« empirisch und analytisch greifbar zu machen.

Diese Merkmalgruppen

-Ideologie mit Ausschließlichkeitsanspruch
-monolithischer Machtapparat
-Massenmobilisierung durch eine Einheitspartei
-Propaganda- und Kommunikationsmonopol
-politischer Terror
-Zentralverwaltungswirtschaft

wurden zum Kernstück der Totalitarismustheorie des Kalten Krieges und waren fast ausschließlich auf die Sowjetunion gemünzt.
Im Verlauf der nächsten Jahre wurden von der Grundlage dieser Merkmalgruppen ausgehend die unterschiedlichsten Varianten entworfen. Indem die Totalitarismuskonzeption die Grundnormen des »demokratischen Pluralismus« als Maßstab verabsolutierte und gerade dadurch aus der empirisch-vergleichenden Analyse ausgrenzte, half sie, ein Legitimationsmodell zu formieren, das in der Praxis des Kalten Krieges eben diese Prinzipien im »Freien Westen« zunehmend außer Kraft setzte.

Augrund eines Skandals kam es Mitte der 1960er Jahre zu einem überraschendem Konjunktureinbruch der Totalitarismuskonzeption. Diesmal waren die Auslöser, im Gegensatz zu 1941, jedoch nicht in Europa angesiedelt. Die US-amerikanische New Left entdeckte 1964/65 die CIA als Organisationszentrum des »antitotalitären« Diskurses einer Zeitschriften- und Verbandslandschaft, in der mit wenig intellektueller Anstrengung viel Geld und Ansehen erworben werden konnte . Durch diesen Nachweis ihrer eigenen »totalitären« Praktiken war die Totalitarismusdoktrin gründlich diskreditiert. Viele anerkannte Vertreter der Totalitarismustheorie, so beispielsweise Hannah Arendt, distanzierten sich eilends, und mäßigten die bislang auf die poststalinistischen Regime übertragenen Verdikte. Die Bloßstellung der Totalitarismusdoktrin war somit in erster Linie eine Leistung der neuen amerikanischen Linken.
Die Abkehr von der Totalitarismustheorie vollzog sich in Westeuropa aus unterschiedlichen Anlässen. Einer der Gründe war die internationale Entspannungspolitik, die sich seit der Berlin- und Kubakrise langsam abzeichnete. Ein weiterer Grund, vor allem in der BRD, war die nun einsetzende deutsch-deutsche Politik des »Wandels durch Annäherung«. Auch außerhalb der etablierten Politik zeichnete sich der Paradigmenwechsel ab. Die kritische Theorie gewann einen prägenden Einfluss auf die westdeutsche Studentenbewegung. Insbesondere die Gedankengänge   Adornos, Horkheimers und Marcuses über die Wechselbeziehung zwischen autoritären Charakter, autoritären Staat und der instrumentellen Vernunft innerhalb einer spätkapitalistischen Manipulationsgesellschaft ließen fast keinen Systemunterschied mehr ausmachen. Infolge dieser internationalen und deutsch-deutschen Entwicklung blieb den Propagandisten der Totalitarismustheorie nichts anderes übrig als ein geordneter Rückzug, um auf neue Konstellationen zu warten, in denen sie wieder benötigt werden. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus ist diese Zeit gekommen.