TOTALITARISMUSDas Totalitarismusmodell Hannah Arendts

Nach dem zweiten Weltkrieg war es zuerst Hannah Arendt, die mit ihrem »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« (in Amerika 1950, in Deutschland 1955 veröffentlicht) ein Modell der Totalitarismustheorie hervorbrachte. Damit war eines der bedeutendsten Werke der Totalitarismusforschung geschrieben - und zwar genau zur richtigen Zeit: der Kalte Krieg war in vollem Gange und jede Unterstützung im Kampf gegen den Feind im Osten wurde gerne angenommen. Mit dem Konzept des Totalitarismus konnte man nun jede in Bezug auf die Sowjetunion getroffene Maßnahme begründen. Immerhin wurde der neue, der kommunistische Feind jetzt als genauso gefährlich erkannt, wie es vor kurzem noch Nazi-Deutschland war. Und dies sogar mit einer (scheinbaren) wissenschaftlichen Begründung. So übernahm man dankend diese Theorie, und es dauerte nicht mehr lange, bis sie zur offiziellen Staatsdoktrin vieler westlicher Staaten erhoben wurde. Für den Schulunterricht als verbindlich erklärt, zog sie z.B. in die Köpfe der amerikanischen SchülerInnen ein.
Aber auch in der BRD verabschiedete man ohne größere Kontroversen 1962 die ?Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus im Unterricht'. Damit hatte man die Totalitarismustheorie nun endgültig als richtig und erwiesen erklärt und sie fest in der gesellschaftlichen Meinungsbildung verankern können. Denn besonders interessant war diese Theorie von den Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten NS-Deutschlands mit der kommunistischen Sowjetunion vor allem für die Bundesrepublik. Immerhin eignete sie sich bestens, den Fokus auf Taten anderer zu lenken, von den eigenen nicht mehr reden zu müssen und somit auch um herauszustellen, dass die Schuld Deutschlands vielleicht doch nicht so einzigartig sei, wie bislang - von einigen - angenommen. Endlich stand man nicht mehr alleine am Pranger und durfte sogar selbst mit dem Finger auf andere zeigen.
Im Folgenden soll nun Hannah Arendts Konzept des totalen Staates vorgestellt und diskutiert werden.

Die Elemente und Ursprünge
Ihr Buch beginnt Hannah Arendt mit einem langen Kapitel, in dem sie eine Analyse der Entwicklung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert und dessen Bedeutung für das Entstehen einer totalen Herrschaft vornimmt. Während der bereits seit Jahrhunderten bestehende Antijudaismus vorwiegend religiös motiviert war - in den Jüdinnen/Juden sah man in erster Linie die Christusmörder - kam im 19. Jahrhundert der rassistisch und völkisch argumentierende Antisemitismus auf, der von einer biologistischen Klassifizierung in Rassen und Völker ausgeht und ein »jüdisches Wesen« unabhängig von der Religion konstruiert. Denn erst zu dieser Zeit, als die Jüdinnen/Juden teilweise in Europa emanzipiert waren, hatten sie auch das Bedürfnis ein Teil der (nichtjüdischen) Gesellschaft zu werden. Hier beginnt der »Antisemitismus eine Rolle für die Konservierung des Volkes zu spielen« und wird als eine irrationale Ideologie an den Nationalismus gebunden. Gerade bei den Deutschen ist, nach Arendt, das Bedürfnis sich gegen die Assimilation der Jüdinnen/Juden zu wehren, besonders ausgeprägt. Da es in Deutschland nie zu einer nationalen Emanzipation, wie in Frankreich mit der Revolution von 1789, kam, sei gerade hier die »völkische Verbundenheit (...) Ersatz für nationale Emanzipation« gewesen: »Das völkische Element ist für den deutschen Rassebegriff lange entscheidend geblieben und (...) niemals ganz aus ihm verschwunden. Die Bedingungen und politischen Zwecke, die Abwehr der Fremdherrschaft und die Einigung des Volkes, haben zumindestens bis zur Reichsgründung in der Entwicklung des Rassebegriffs mitgewirkt, so daß sich hier in der Tat echter Nationalismus und typische Rassevorstellungen vielfach miteinander mischen und eben jenes völkische Denken erzeugen, das es nur im deutschsprachigen Bezirk gibt.«
Eine besondere Bedeutung für die Entwicklung dieser national-völkischen Ideologie macht Arendt nun im Imperialismus aus, den sie als weiteren Ursprung einer totalen Herrschaft sieht und im zweiten großen Kapitel ihres Buches untersucht.
Für Hannah Arendt steht fest, dass die Idee des Nationalstaats gescheitert ist. Immer gibt es Minderheiten oder unterschiedliche Dialekte innerhalb eines Nationalstaats. Dieser hat sich aber eine Gemeinschaft mit einheitlicher Kultur, Sprache etc. zum Ziel gemacht. Um diese nun zu erreichen bleiben nur zwei Möglichkeiten: Assimilation oder Vernichtung der Minorität. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass bisher der Weg der Vernichtung bzw. Vertreibung gewählt wurde.
Zerstört wurde der Nationalstaat aber vor allem durch die Entstehung der neuen Herrschaftsform des Imperialismus. Durch die Zwänge der Funktionsweise der kapitalistischen Produktion war es nur eine Frage der Zeit, bis er die Bühne betrat. Das Wirtschaftswachstum in den europäischen Staaten stieß irgendwann an seine Grenzen - der Markt war erschöpft. Überschüssiges Kapital kann aber nur weiterhin investiert werden, wenn auch neue ArbeiterInnen und neue KundenInnen vorhanden sind, und somit war der Startschuss zur Kolonisation gegeben. Diese Expansion folgte demnach rein wirtschaftlichen Interessen: »Und so kam es, dass zum ersten Mal die politischen Machtmittel des Staates den Weg gingen, der ihnen vom Kapital vorgewiesen war.« Dieser wirtschaftliche Bereich steht bei Arendt allerdings im krassen Gegensatz zum politischen, dessen Unabhängigkeit sie also hier in Gefahr sieht. In den Kolonien wurde die Bevölkerung nicht regiert, sondern verwaltet. Ihr wurden keine Bürgerrechte eingeräumt, und sie war somit der Willkür der Kolonialherren ausgeliefert, welche nicht nach Gesetzen, sondern mittels Verordnungen herrschten. Wenn aber diese zum alleinigen Machtinstrument werden, ist für Hannah Arendt der Rechtsstaat passé. Stattdessen entsteht eine anonyme bürokratische Herrschaft. Die Zerstörung des Politischen durch den Imperialismus - Arendt stellt die These auf, dass das Politische in dem Maße zerstört wird, wie dem Imperialismus keine Grenzen gesetzt werden - bildet in mehrfacher Hinsicht eine Grundlage für die totale Herrschaft.
Der Imperialismus, also das Ende des Nationalstaates, bringt eine Unmenge an Staatenlosen hervor. Wie bereits beschrieben, werden den nicht zum ?Volk' gehörenden Menschen ihre Rechte genommen, sie werden vertrieben oder vernichtet. Man nimmt ihnen jegliche rechtliche und damit auch moralische Position, schickt sie als Bedürftige über die Grenzen, macht sie somit auch in den Nachbarländern zu ungern gesehenen, da hilfebedürftigen Gästen, verstärkt dieses Bild noch durch entsprechende systematische Meinungsbildung und schafft es so, sie zu Menschen zu machen, denen jede Möglichkeit eines politischen Engagements genommen ist. Wie wichtig der Zusammenhang von Propaganda, Antisemitismus, einer Politik der Entrechtung der Flüchtlinge und der Gebundenheit von Rechten an eine Staatlichkeit für die Entstehung eines totalitären Staates ist, wird deutlich wenn Arendt deren Auswirkungen auf die anderen Staaten beschreibt: «Denn nicht nur gelang es auf diese Weise, die Juden wirklich zum Abschaum der Menschheit zu machen, es gelang auch, was im Großen gesehen ungleich wichtiger für totalitäre Herrschaft war, praktisch, am Modell einer unerhörten Not für unschuldige Menschen, darzulegen, daß solche Dinge wie unveräußerbare Menschenrechte bloßes Geschwätz und daß die Proteste der Demokratien nur Heuchelei seien. Das bloße Wort ? Menschenrechte' wurde überall und für jedermann, in totalitären und demokratischen Ländern, für Opfer, Verfolger und Betrachter gleichermaßen, zum Inbegriff eines heuchlerischen oder schwachsinnigen Idealismus.«

Durch den Imperialismus kommt es aber noch zu einer anderen Veränderung, die als Vorstufe des totalitären Staates bezeichnet werden muss. Im Zuge der Entfaltung des Kapitalismus und der Expansion der Nationalstaaten entsteht eine soziale Schicht, die Arendt abwertend als den ?Mob' bezeichnet. Dieser ging, ihrer Meinung nach, ein Bündnis mit dem Kapital ein. Er folgte diesem bei seiner Ausbreitung, unterwarf sich ihm und den Interessen der bürgerlichen Herrschaft und gab alle seine Prinzipien auf. Der Mob als ein Produkt der Gesellschaft, als ein Abfallprodukt der kapitalistischen Gesellschaft, setzt sich aus dem Müll aller Klassen und Schichten zusammen und erscheint somit als klassenlose Gemeinschaft - oder später, im Jargon der Nazis, als Volksgemeinschaft. Gerade aus dieser sieht Arendt nun die erste Führungsschicht des totalitären Staates kommen, der Mob wird den eigentlichen Kern des Faschismus bilden, aus ihm kann ein Umschlagen der Demokratie in Despotie hervorgehen.
Zum ersten Mal kam es Hannah Arendt zufolge zu einem Bündnis zwischen Kapital und Mob, zu einem Staat mit dem Grundprinzip des Rassengedankens und zur Entstehung einer nicht nach Rentabilität funktionierenden Wirtschaft im Burenstaat. In Südafrika sei die »moderne Mobmentalität mit dem ihr so gemäßen Rassenwahn« ausgebildet und die »Idee des ?Verwaltungsmassenmordes', mit der die Nazis die Judenfrage lösten und mit der sie hofften, alle noch verbliebenen demographischen Probleme der Welt zu lösen« entwickelt und angewandt worden. Da man hier das »aus der Geschichte Deutschlands so bekannte Phänomen einer weder sozialistischen noch am Profit orientierten Wirtschaft« wieder findet, hätte Südafrika alles nötige für ein totalitäres Regime bereitgestellt.
Alle erwähnten Voraussetzungen treffen jedoch nur - teilweise - für den Nationalsozialismus zu, nicht für die Sowjetunion, welche Arendt neben Hitler-Deutschland als den zweiten totalitären Staat ansieht. Die ersten zwei Kapitel ihres Buches ?Antisemitismus' und ?Imperialismus' wirken auch eher wie eine Geschichte des ?Dritten Reichs', welches man auch ohne Zweifel als ein totalitäres Regime auf der Basis einer Rassendoktrin bezeichnen kann.
Im dritten Kapitel mit dem Titel ?Totale Herrschaft' verlässt Arendt allerdings ihre Zielsetzung, einen »Frontalangriff auf des europäische neunzehnte Jahrhundert« durchzuführen und beginnt mit dem Versuch, die totalitären Elemente der Sowjetunion herauszuarbeiten.

Bei beiden Regimes handelt es sich ihrer Analyse nach um dieselbe Staatsform. Damit diese entstehen konnte, brauchte es einen Untergang der Klassengesellschaft und die nachfolgende Atomisierung der orientierungslos gewordenen Massen. In dieser gibt es dann keine Form von Gruppensolidarität mehr, und alle bisherigen sozialen Bindungen verschwinden. Jeder Zusammenhalt mit ehemals Gleichgesinnten oder Gleichgestellten ist zerbrochen, jedeR Einzelne ist verlassen. Eine auf den Führer ausgerichtete, anonyme Gesellschaft entsteht. Gegenüber dem totalitären Machthaber treten alle anderen Beziehungen in den Hintergrund, die/der Einzelne geht in der Bewegung unter. Es gelten keine moralischen Prinzipien mehr, Denunziation steht auf der Tagesordnung.
Solche totalitären Bewegungen sind überall dort möglich, wo die oben beschriebenen Massen existieren. Diese werden nicht von gemeinsamen Interessen zusammengehalten - ihnen fehlt jegliches spezifische Klassenbewusstsein - sondern sind einfach nur eine Gruppe, die durch ihre Größe oder ihre Gleichgültigkeit für öffentliche Angelegenheiten sich in keiner Organisation strukturieren lässt. Potential für solche Massen gibt es jederzeit in bevölkerungsstarken Staaten. Solange es keinen totalitären Staat gibt, bilden sie die große Gruppe der politisch Nichtinteressierten. Für eine solche Massengesellschaft sind Vereinzelung und Verlassenheit kennzeichnend und somit ist für sie eine totale Herrschaft die adäquate politische Form.

Eine totalitäre Organisationsform der Gesellschaft und deren Propaganda sah Arendt als wichtige Mechanismen an, die Menschen eines totalen Staates ruhig zu stellen, sie daran zu hindern, politisch aktiv zu werden.
Noch wesentlicher und mächtiger sind allerdings die totale Ideologie und der Terror. Unter Ideologie versteht Hannah Arendt eine Theorie, die versucht, »nicht das, was ist, sondern (...) das, was wird, was entsteht und vergeht« zu erklären. Für sie ist es das Wesen einer Ideologie, aus einer Idee eine Prämisse, »aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung für das, was sich zwangsmäßig einsichtig ereignen soll« zu machen.
Ein weiteres Wesen der totalitären Herrschaft ist der Terror, der sich vor allem in den Konzentrationslagern zeige: »Die Lager dienen nicht nur der Ausrottung von Menschen und der Erniedrigung von Individuen, sondern auch dem ungeheuerlichen Experiment, unter wissenschaftlich exakten Bedingungen Spontaneität als menschliche Verhaltensweise abzuschaffen und Menschen in ein Ding zu verwandeln, das unter gleichen Bedingungen sich immer gleich verhalten wird, also etwas, was selbst Tiere nicht sind.« Die Konzentrationslager waren das Modell und das Ideal der totalitären Herrschaft, hier wurde den Menschen das genommen, was sie überhaupt erst zu Menschen gemacht hatte: ihre Möglichkeit nach eigenen Überlegungen zu handeln und neu zu beginnen. Angst und Schrecken werden durch eben diese Lager, aber auch durch Denunziation der vereinzelten Menschen in der Masse verbreitet. Unter solchen Bedingungen wird Handeln unmöglich, wird die menschliche Spontaneität zerstört. Gerade aber darin vermutet Arendt die Fähigkeit, »eine Reihe von vorne anfangen zu können.« Sie meinte damit allerdings nicht die Idee des bürgerlichen Individualismus, sondern wollte die Möglichkeit, Fehler zu machen, verteidigen. Wichtig sei, dass man nach einem begangenen Fehler von vorne beginnen, etwas Neues entwickeln könne. Mit der Spontaneität ist in den totalitären Staaten jedoch nicht nur die Grundlage jeder Freiheit verschwunden, sondern auch die Möglichkeit, die Gesellschaft von innen heraus zu verändern. Denn jedes Handeln, alles Politische wird durch eben diese Spontaneität hervorgebracht, beruht auf ihr. Gibt es sie nun nicht mehr, gibt es auch keine politische Artikulation, keine Opposition mehr, die eine andere Meinung anbietet und damit auch keine Aussicht auf eine Rettung, Befreiung von einem totalen Regime aus dem entsprechenden Land heraus.

In »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« schlägt sich Hannah Arendt also lange damit herum, die totale Herrschaft als aus der bürgerlichen Gesellschaft hervorgehende zu beschreiben. Sie betont deutlich das Moment der Kontinuität der beiden Staatsformen, deren Entwicklung sie vor allem in Bezug auf den Zwang des Kapitals zur Expansion darstellt. Die Ordnung des totalen Staates ist aus der bürgerlichen Gesellschaft erwachsen - doch was kommt nach einer totalitären Herrschaft? Kann überhaupt noch etwas kommen? Denn immerhin wird dort jede Möglichkeit der Befreiung zerstört. Für Hannah Arendt wird die Spontaneität aber mit jeder Geburt eines Menschen aufs Neue wieder hergestellt und es ergibt sich die Möglichkeit von vorne anzufangen, den Lauf der Geschichte zu verändern. Darauf beruht Hannah Arendts antitotalitäre Hoffnung.

Kritik an Arendts Totalitarismuskonzeption
Nachdem jetzt beschrieben wurde, welche Merkmale Arendt einer totalitären Herrschaft zuschreibt, soll im Folgenden darauf eingegangen werden, wie sie diese im Nationalsozialismus und im Stalinismus wiederfindet. Diese beiden Staaten, das »Dritte Reich« und die Sowjetunion unter Stalin stellen für Hannah Arendt die einzigen totalen Regime dar. Alle anderen Staaten, auch die Satellitenstaaten der Sowjetunion, die DDR, die Volksrepublik China und auch die UdSSR nach dem Tod Stalins 1951 sind nach ihrer Auffassung keine totalen Staaten, sondern Einparteiendiktaturen. Tatsächlich sprach sie sich sogar für eine sparsame Verwendung des Begriffs des Totalitären aus. Gleichzeitig wehrte sie sich gegen eine Instrumentalisierung ihres Buches zur Verharmlosung der deutschen Taten während des Nationalsozialismus. Allerdings betrieb sie selbst eine verharmlosende Praxis, in dem sie oft, scheinbar unüberlegt und sich der Ausmaße nicht bewusst, die Taten, die Struktur sowie die grundlegenden Theorien der NationalsozialistInnen mit denen der BolschewistInnen vergleicht und auf eine Ebene stellt.
Für sie handelt es sich um »Variationen des gleichen Modells«, das in den, sich auf Ideologien stützenden Massenbewegungen, dem Rassismus und dem Marxismus sichtbar werde. Die Realitätswahrnehmung der Gesellschaft sei in beiden Ländern durch die vom jeweiligen Regime propagierte politische Anschauung verändert worden. In beiden Staaten sei dies eine Theorie gewesen, die zur Erklärung des Zukünftigen bestimmte Gesetze aufstelle und etwas proklamiere, was sich ?zwangsmäßig' ereignen soll. Dies trifft zweifelsohne auf die Rassenideologie der Nazis zu, deren ?Bevölkerungspolitik' darauf abzielte, »die ?lebensuntauglichen und minderwertigen Rassen und Individuen' (...) zu vernichten.« Für Arendt gilt dies nun auch für die stalinistische Sowjetunion: sie setzt die ?rassehygienischen' Ziele der NationalsozialistInnen mit den klassenkämpferischen der BolschewistInnen weitgehend gleich.

Ihres Erachtens sind die Berufung der Nazis auf den Rassismus und die Gesetze der Natur von Darwin mit dem Bekenntnis der BolschewistInnen zur marxistischen Lehre von der Gesetzmäßigkeit der historischen Entwicklung zu vergleichen und größtenteils gleichzusetzen: »Dem Glauben der Nazis an Rassegesetze lag die Darwinsche Vorstellung vom Menschen als einem zufälligen Resultat einer Naturentwicklung zugrunde, die nicht notwendig mit dem Menschen an ihr Ende gekommen zu sein braucht. Dem Glauben der BolschewistInnen an Geschichtsgesetze liegt Marx' Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft als dem Resultat eines gigantischen Geschichtsprozesses zugrunde, der mit immer vergrößerter Geschwindigkeit seinem Ende entgegenrast und sich selbst als Geschichte aus der Welt schafft.« Diese weitgehende Gleichstellung kann allerdings nur als falsch bezeichnet werden, betrachtet man, dass es Unterschiede zwischen dem ?Recht der Natur' und dem ?Gesetz der Geschichte', bzw. zwischen der marxistischen ?Lehre vom Kampf der Klassen' und der von den Nazis übernommenen und missbrauchten darwinistischen ?Lehre vom Recht des Stärkeren' gibt. Eine sehr bedeutsame Differenz benennt Marx selbst: »[In] der Geschichte der Gesellschaft sind die Handelnden lauter mit Bewusstsein begabte, mit Überlegung oder Leidenschaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen; nichts geschieht ohne bewusste Absicht, ohne gewolltes Ziel. Aber dieser Unterschied [zur Entwicklungsgeschichte der Natur], so wichtig er für die geschichtliche Untersuchung namentlich einzelner Epochen und Begebenheiten ist, kann nichts ändern an der Tatsache, dass der Lauf der Geschichte durch innere allgemeine Gesetze beherrscht wird.« Folglich ist es nicht zulässig, die Klassenfeinde der Sowjetunion mit den, im Nationalsozialismus nicht einmal mehr als Menschen verstandenen Jüdinnen/Juden zu vergleichen.
Falsch liegt Arendt auch, wenn sie meint, dass die »Konzentrations- und Vernichtungslager [...] dem totalen Herrschaftsapparat als Laboratorien« gedient hätten, »in denen experimentiert« wurde, »ob der fundamentale Anspruch der totalitären Systeme, dass Menschen total beherrschbar sind, zutreffend ist.« Auschwitz war kein ?Laboratorium'. Diese Metapher ist unangebracht. Auschwitz war eine Todesfabrik. In den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ging es nicht um die ?Beherrschbarkeit von Menschen' generell, sondern um die Vernichtung von Angehörigen einer genau bestimmten ?Rasse'.
Auch ist es unzulässig, von ?Sozialismus oder Rassendoktrin' als gleichgestellte Ideologien zu sprechen, war doch der Feind der Nazis ?der Jude'. Also ein vollkommen irrational herbeikonstruierter Feind, der diese Position bereits von Geburt an inne hat und sie auch sein Leben lang nicht los wird. ?Der Jude' wurde zum ?Blutsfeind' auserkoren, der die deutsche Rasse gefährde und somit vernichtet werden müsse. In der Sowjetunion waren die Feinde dagegen diejenigen, die die kommunistische Weltanschauung nicht teilten, sich gegen den Sozialismus aussprachen und damit Klassenfeinde. Sie wurden bekämpft, weil sie das System bedrohten (Im Gegensatz zu den Jüdinnen/Juden. Diese galten zwar als die vermeintlichen WeltverschwörerInnen, hatten aber selber - natürlich - nie solche Bestrebungen. In der Weise, wie sie tatsächlich Kritik gegen die NationalsozialistInnen formulierten, wurden sie dagegen nie wahrgenommen.), also sich selbst zu GegnerInnen gemacht haben. Sie haben eine bewusste Entscheidung getroffen und waren nicht von Geburt an einer ?minderwertigen Rasse' zugehörig und deshalb zur Vernichtung freigegeben. Die GegnerInnen der KommunistInnen hatten immer die Wahl, da das Ziel des bolschewistischen Staates das (frei)willige Bekenntnis zu seinem System war, die Verfolgung also mit diesem aufhörte, während die Jüdinnen/Juden niemals die Wahl hatten und selbst als vorbildlichste, nationalistischste und regimetreueste Deutsche nicht vor der Vernichtung gefeit waren. So klingt es auch äußerst zynisch, wenn Arendt davon schreibt, »daß die Nazis die Welt erobern, ?artfremde' Völker aussiedeln und ?erbbiologisch Minderwertige ausmerzen', war so wenig ein Geheimnis wie die Weltrevolution und -eroberungspläne des russischen Bolschewismus.«
Auch muss man sich die Frage stellen, wer laut Arendt in die Lager der Sowjetunion gebracht wurde, da sie schreibt, dass bei den Kriminellen und aus politischen Gründen Internierten die Vernichtung der juristischen Person nicht vollständig gelingen kann, weil diese wissen warum sie dort sind. Nach Arendts Meinung sind die meisten Insassen völlig unschuldig, denn gerade die Unschuldigen seien die, die in den Gaskammern liquidiert werden, während die RegimegegnerInnen häufig schon im Vorfeld getötet werden. Dies mag vielleicht noch für den Nationalsozialismus zutreffen, jedoch ist diese Feststellung in keiner Weise auf die Sowjetunion anzuwenden, da man hier erstens keine Gaskammern hatte und zweitens die/der Inhaftierte immer(!) der politische Feind war.
Etwas verwunderlich erscheint es auch, wenn sie schreibt, dass die »Nazis sich niemals gescheut« hätten, »ihre Bewunderung und Sympathie für die bolschewistischen Gegner öffentlich kundzugeben.« Dass im nationalsozialistischen Deutschland allzu gerne die bolschewistischen Führer mit den Juden identifiziert wurden, da die komplette nationalsozialistische Ideologie auf Antisemitismus und Antikommunismus aufgebaut war, scheint Arendt nicht weiter zu interessieren.
Darüber hinaus sieht sie im Denken von Marx - und damit im kommunistisch-bolschewistischen Denken - eine totalitäre Gefahr. Vor allem in Marx' Geschichtsverständnis, da er von einem unabwendbaren, von Notwendigkeit und Determinismus gekennzeichneten Geschichtsprozess spreche. Die Vorstellung eines solchen, also einer Totalität der Geschichte, lehnt Arendt genauso entschieden ab, wie seine Vorstellung, dass der festgeschriebene Ablauf der Geschichte von den Produktionsverhältnissen, von den ökonomischen Umständen her zu erklären sei. Marx aber ist dieser Meinung: »Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß alle bisherige Geschichte, mit Ausnahme der Urzustände, die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedes Mal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort, der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche; daß also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnitts in letzter Instanz zu erklären sind.« Für Marx besteht demnach ein Zusammenhang zwischen der, für den Menschen notwendigen Arbeit und dessen Handeln, dessen politischen Aktivitäten und der daraus hervorgehenden Gesellschaft. Genau hier setzt Arendt mit ihrer Kritik an und wirft Marx vor, dass er »der Abdankung der Freiheit vor dem Diktat der Notwendigkeit« den Weg bereite. Das Handeln, die Spontaneität, die Individualität, das Politische sind für sie in keiner Weise mit der Notwendigkeit zur Arbeit verbunden, unterliegen also keinem festgeschriebenen Prozess. Stattdessen sind sie mit der Freiheit verknüpft und in keiner Weise vorhersagbar; sie sind, ebenso wie das politische Handeln, von der Pluralität der Menschen abhängig. Demnach ist das Politische, die Gesellschaft durch das Handeln und Sprechen vieler Menschen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflusst und deshalb unvorhersagbar. Geht man nun aber von einem Zusammenhang aus, sieht man das Ganze als voneinander abhängig an - wie Marx es macht - entdeckt Arendt darin totalitäre Tendenzen, sieht die Spontaneität der Menschen bedroht und somit auch einen Grundstock des Totalitarismus gegeben. Bei einer genaueren Betrachtung der Geschichte und des Nationalsozialismus lässt sich aber eine Kontinuität der Historie ausmachen. Der Geschichtsprozess entpuppte sich im Nationalsozialismus endgültig als der ?Gang der Verhältnisse'. Die Katastrophe besteht nicht in der Diskontinuität der Geschichte, sondern in der Kontinuität, nicht darin, dass es nicht mehr weiter geht, sondern darin, dass es so weitergeht. »Solange die Weltgeschichte ihren logischen Gang geht«, sagt Horkheimer, »erfüllt sie ihre menschliche Bestimmung nicht.« Der logische Gang der Weltgeschichte ist nun der Gang des Verhängnisses, welcher sich mit Auschwitz offenbarte. Danach ist die Vorstellung einer Totalität des historischen Prozesses unabwendbar. Denn die Existenz einer bürgerlichen Gesellschaft ist zwar keine hinreichende, wohl aber eine notwendige Bedingung für die Entwicklung des Nationalsozialismus, womit sein Entstehen kaum zufällig sein dürfte.
Auch wenn Hannah Arendt offensichtlich keine Freundin des Sozialismus und der Sowjetunion war, war sie wenigstens auch keine der Deutschen. Bereits 1950 kritisierte sie in einem Essay, dass sich die Deutschen der Verantwortung entziehen, Tatsachen wie die Vernichtungslager als bloße Meinung behandeln und zudem einen Mangel an politischem Urteilsvermögen und eine Unfähigkeit zu Empathie zeigen und bezeichnet dies als das »Symptom einer tief verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und es zu begreifen.« So zeigt sich Deutschland für sie nach wie vor weit von der Zivilisation entfernt, nachdem »das, was man gemeinhin unter Gewissen versteht, in Deutschland so gut wie untergegangen« war.
Von Anfang sah es Arendt als eine große Gefahr an, die Shoah zu relativieren. In ihrem Buch ?Eichmann in Jerusalem' kritisiert sie die Formulierung der ?Verbrechen gegen die Menschlichkeit': »Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat, wie bereits erwähnt, die »Verbrechen gegen die Menschheit« als »unmenschliche Handlungen« definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« geworden sind - als hätten es die Nazis lediglich an »Menschlichkeit« fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.«

Abschließend bleibt zu sagen, dass Arendts Analyse der totalen Herrschaft sich, solange sie sich auf den Nationalsozialismus beschränkt, in manchen Punkten brauchbare Thesen aufstellt, sie diese jedoch fälschlicherweise auf die Sowjetunion überträgt. Damit verkennt sie die bestehenden gravierenden Unterschiede dieser beiden Staatsformen, setzt sie oft gleich und verharmlost somit - auf vielleicht ungewollte Weise - die Verbrechen der Deutschen. Nicht wirklich verwunderlich ist also ihre Beliebtheit bei TotalitarismustheoretikerInnen und GeschichtsrevisionistInnen. Auch das in Dresden ansässige Institut für Totalitarismusforschung hat sich Arendt zur Namensgeberin erkoren und verdreht in ihrem Namen fleißig die deutsche Geschichte. Die dort betriebene Arbeit widerspricht jedoch eindeutig ihrem Anliegen - eine Verharmlosung der deutschen Verbrechen war nicht in ihrem Interesse, eher im Gegenteil - auch wenn sie in ihrem Werk die Ansätze dazu bietet.

Käthe Niederkirchner