TOTALITARISMUSAb durch die Mitte

Der KPD-Vorsitzende Max Reimann sagte am 23.5.1949: »Sie, meine Damen und Herren, haben diesem Grundgesetz(...)zugestimmt. Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben.« Wie so oft sollten die KommunistInnen Recht behalten. Das Grundgesetz ist seitdem mehr als 50-mal geändert worden. Meist gegen den Willen linker, emanzipatorischer Bewegungen. Und tatsächlich hatten die großen Themen der Linken in den letzten Jahren immer etwas damit zu tun, das Grundgesetz zu verteidigen. Nicht gegen Rechts, sondern gegen die Angriffe aus der »Mitte«. Dies zeigt bereits, wie falsch die Annahme ist, die Mitte müsste die Freiheit gegen Angriffe von Rechts und links verteidigen. Trotzdem darf die Totalitarismustheorie bzw. der Antitotalitarismus durchaus als Staatsdoktrin angesehen werden. Sie ist Grundlage für die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten und wird nach den » Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus im Unterricht « von 1962 in allen Schulen gelehrt. Die Lehrer haben die Anweisung ihren Schülern die » verwerfliche Zielsetzung « und die » verbrecherischen Methoden « des » kommunistischen und des nationalsozialistischen Totalitarismus « zu verdeutlichen.
Nach wie vor wird davon ausgegangen, dass es eine Art »Hufeisenmodell« gibt, indem die äußersten Ränder der Gesellschaft, sprich »Linksextreme« und »Rechtsextreme« sich fast die Hände reichen, da sie ja beide »totalitäre« Ziele verfolgen und sich nur durch ihre unterschiedlichen »Ideologien« gelinde unterscheiden. Zwischendrin steht eine fast naturgegebene Mitte, die zum Idealzustand erklärt wird.

Gerade für das Nachkriegs-Deutschland war die Totalitarismustheorie, da antikommunistisch und shoahrelativistisch enorm wichtig. Bis in die 1990er Jahre dominierte die erste, danach die zweite Facette den Diskurs.

Diffamierung des Kommunismus
Zur Zeit des Kalten Krieges hatte die Totalitarismustheorie im Nachkriegs-Deutschland ihre erste Hochphase. Sie wurde zur Diffamierung des realexistierenden Sozialismus und als Begründung für die KommnistInnenverfolgung gebraucht. Vor allem die Regierung Adenauer war geprägt durch ihren massiven Antikommunismus.
So wurde » Sowjet-Rußland mit seinen Trabanten- und Satellitenstaaten, seinen Fünften Kolonnen und den ihm blind gehorchenden kommunistischen Parteien in den demokratischen Ländern, hochgerüstet, überall in der Welt das Feuer schürend, Religion und Christentum, europäische Sitten und Kultur, Freiheit und Würde der Person vernichtend ,« zu einer überdimensionalen Bedrohung stilisiert. Egal ob die Wiederbewaffnung der BRD oder unter Kiesinger die Notstandsgesetze (beides setzte übrigens Grundgesetzänderungen voraus), alles wurde im Kampf gegen den inneren und äußeren kommunistischen Feind durchgesetzt. Denn » seit Jahr und Tag musste jeder, der die Dinge klar sieht, fürchten um unser Vaterland, um unsere Sicherheit; er musste fürchten, dass Deutschland eventuell Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen werden konnte: er muss zittern davor, dass im Falle eines russischen Angriffs Millionen von Deutschen nach Russland getrieben, in russische Armeen gesteckt oder zu Sklavenarbeit verdammt würden
Natürlich hatten auch die Geheimdienste die im Kalten Krieg eine große Rolle spielten eine antikommunistische Ausrichtung. Angebliche Aufklärung gegen Rechts diente auch damals schon nur der Rechtfertigung und hatte mit der Realität nichts zu tun. Allein die Tatsache, dass die Geheimdienste sich in hohem Maße aus ehemaligen Nationalsozialisten rekrutierten, legt die Vermutung nahe, dass hierfür auch kein besonders großes Interesse bestand.
Als dann 1956 die KPD verboten wurde, organisierten insbesondere die Ämter für Verfassungsschutz eine massive innerstaatliche KommunistInnenverfolgung, von der in den 50er Jahren mehr als 100.000 Menschen betroffen waren. Während also im Namen der jungen Demokratie viele KZ-Überlebende wieder verfolgt und eingesperrt wurden - es einem Kommunisten nicht einmal möglich war Lokomotivführer oder Postbote zu werden - bekleidete ein gewisser Hubert Schrübbers den Posten des Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der ehemalige NS-Staatsanwalt, der an den Hochverratsprozessen mitwirkte, war mit Abstand der am längsten amtierende Präsident des Verfassungsschutzes. Nach 17(!) Jahren wurde er dann wegen seiner Vergangenheit in den vorzeitigen Ruhestand entlassen. Nicht entfernt wurden zahlreiche SS-Offiziere, darunter der an der Judenvernichtung in Norwegen beteiligte Alfred Wurbs oder der langjährige Vizepräsident des Amtes, Alvert Radtke. Der Ex-Verbindungsoffizier zur Gestapo war am Vernichtungsprogramm in der C?R beteiligt. Unter Schrübbers besaßen 16 von 46 höheren Beamten in der Verfassungsschutzzentrale einen SS oder SD-Rang.
Auf die Ämter für Verfassungsschutz wird in dieser Ausgabe noch genauer eingegangen. Festzuhalten bleibt aber, dass schon der Anspruch der Totalitarismustheorie - und die Arbeit des Verfassungsschutzes beruht darauf - gleichermaßen gegen Rechts und Links vorzugehen , Humbug ist. Unzählige Beispiele beweisen, dass rechte Gewalt verharmlost oder gar verschwiegen wird, antifaschistische oder kommunistische Bestrebungen aber aufs Bitterste verfolgt werden.

Relativierung der Shoah
Als mit dem Zusammenbrechen des realexistierenden Sozialismus und der Niederschlagung aller emanzipatorischen Bewegungen kommunistische Bestrebungen nur noch marginal waren, setzte eine Renaissance der Totalitarismustheorie ein.
Ihr vorrangiges Ziel war es, die Verbrechen der Deutschen während des ?Dritten Reichs' zu relativieren. Vor allem die Singularität von Auschwitz war ein Dorn im Auge des wieder erstarkenden Deutschlands. Es ging darum, die deutsche Barbarei in eine Reihe mit anderen Verbrechen zu stellen - so erscheinen die eigenen als nicht mehr so schlimm.
Dies wurde vor allem mittels der Gleichsetzung der Sowjetunion mit dem Nationalsozialismus betrieben.

Doch so grausam die stalinistischen Verbrechen auch waren, sie sind eben nicht mit denen der Deutschen zu vergleichen. Die Vernichtung der Juden und anderen »unwerten Lebens« wurde mit industriellen Methoden betrieben. Vor allem in Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Majdanek, Belzec, Chelmno oder Treblinka wurden die Menschen im Akkord in den Tod getrieben. Dieses Massentöten wurde von den Deutschen freiwillig und mit höchstem bürokratischem Aufwand betrieben. Gerade durch das Konzept »Vernichtung durch Arbeit« wird ja schon ausgedrückt, worum es den Nazis ging: um Vernichtung. Arbeit war die Methode. Das war weder in der Sowjetunion, noch sonst wo der Fall. Auch der oft angeführte Vergleich mit den Internierungslagern aus der Zeit der Burenkriege oder die Umsiedlung der indigenen Bevölkerung Amerikas ist aus diesem Grund nicht haltbar.
Ohne die grausame Realität in den sowjetischen Lagern zu leugnen, gab es dennoch einen Anspruch der »Erziehung« und »Besserung«, auch durch sog. Kulturarbeit in den Lagern. Darüber hinaus gab es die durchaus praktizierte Möglichkeit der Entlassung.
Auch die Liquidierung z.B. so genannter »Kulaken« entspricht nicht einem Projekt biologischer oder rassischer Säuberung. Das Ziel Stalins war nicht eine rassische Ordnung, sondern eine mit extrem autoritären und gewalttätigen Methoden ins Werk gesetzte, gründliche Veränderung der russischen Gesellschaft und die Bekämpfung der politischen GegnerInnen. Es hatte seine eigene, wenngleich brutale Rationalität. Dagegen widersprach die Vernichtung der Juden jedem Kriterium ökonomischer oder militärischer Rationalität. Hier waren vom Kleinkind bis zum Greis, vom Arbeiter bis zum Firmeninhaber alle Juden schon aufgrund ihrer bloßen Existenz zur Ermordung vorgesehen. Nichts, was sie selbst hätten tun oder unterlassen können, konnte ihr Leben retten, wenn sie in die Hände der Deutschen fielen.

Ein weiterer Unterschied ist die Rolle der beiden Staaten im zweiten Weltkrieg.
Während Deutschland mit dem Überfall auf Polen den zweiten Weltkrieg, den größten und verlustreichsten Krieg der Menschheitsgeschichte, auslöste, ist es vor allem der Sowjetunion zu verdanken, dass die Nazi-Barbarei beendet wurde.
Die Sowjets trugen die Hauptlast des Krieges, kein anderes Land hatte derartige Verluste zu beklagen. Während des gesamten Kriegsverlaufs kamen mindestens 13 600 000 Rotarmisten ums Leben. Allein die Schlacht um Stalingrad kostete 1 500 000 russischen Soldaten und Zivilisten das Leben. Anstelle Stalin mit Hitler zu vergleichen, wäre es eher angebracht, sich bei ihm und seiner Armee für die Befreiung zu bedanken.

Noch dreister ist der Vergleich mit der DDR.
»Ich wollte die Bewohner der Ost-Zonen-Republik könnten einmal offen schildern, wie es bei ihnen aussieht. Unsere Leute würden hören, dass der Druck, den der Nationalsozialismus durch Gestapo, durch Konzentrationslager, durch Verurteilungen ausgeübt hat müßig war gegenüber dem, was jetzt in der Ostzone geschieht. Ich wollte, unsere Leute könnten einmal aus dem Munde der unterdrückten Polen, Tschechen und Ungarn hören, in welch grausamer Weise religiöse Betätigung verfolgt und unterdrückt wird...« so argumentierte Konrad Adenauer bereits 1950.

Richtig in Schwung geriet die Geschichtsrelativierung dennoch erst 1986 mit dem sog. Historikerstreit.
Hauptakteur war hier Ernst Nolte, der am 06.06.1986 in der FAZ eine Rede veröffentlichte, in der er die unter sowjetischer Verantwortung begangenen Massenmorde und die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten durch einen »kausalen Nexus« miteinander verknüpft. Seine Kernthesen formulierte er in suggestiven Fragen: »Vollbrachten die Nationalsozialisten (...) eine ?asiatische' Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ?asiatischen' Tat betrachteten? War nicht der ?Archipel Gulag' ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ?Klassenmord' der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ?Rassenmords' der Nationalsozialisten?«
Dieser Interpretation zufolge stellen die unter bolschewistischer Herrschaft begangenen Verbrechen nicht nur einen historischen Vorgriff auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik dar. Der Holocaust erscheint vielmehr als vermeintlicher Notwehrakt des NS-Regimes, das, nach Noltes Auffassung durchaus zu Recht, eine existentielle Bedrohung durch den Bolschewismus fürchtete. Nolte verlieh Auschwitz eine scheinbare Plausibilität, indem er den Versuch unternahm, den Handlungsmotiven der Nationalsozialisten einen rationalen Kern zuzuschreiben. » Auschwitz resultiert nicht in erster Linie aus dem überlieferten Antisemitismus und war im Kern nicht ein bloßer Völkermord, sondern es handelte sich vor allem um die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution.«
Nolte vertrat seine Thesen später im »Journal of Historical Review«, einem Magazin für internationale Auschwitzleugner. Einige Jahre später erhielt er von der CDU-nahen Deutschland-Stiftung den Adenauerpreis und wurde erst kürzlich von der »Welt« als einer der » klügsten Geschichtsdenker des 20. Jahrhunderts« gefeiert.
Die Thesen Noltes wirkten sich sehr stark auf den Antitotalitarismusdiskurs aus. In Bezugnahme auf den Historikerstreit erklärte Hans-Helmut Knütter, der die Extremismusdoktrin im Bundesinnenministerium (BMI) und in der politischen Bildung stark prägte, in einer BMI-Veröffentlichung: »Die Aufklärung kommunistischer Untaten legt es nahe, nationalsozialistische Taten zu relativieren, und eben nicht als einmalig und unvergleichbar erscheinen zu lassen.«

Verharmlosung von Neonazis
Hans Helmut Knütter war von 1985 bis 1989 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Als Referent trat Knütter bis 1995 für die bpb, bis 1994 parallel für das Bundesinnenministerium auf. Adressaten seiner Vorträge waren insbesondere Multiplikatoren wie HochschullehrerInnen, Jugend- und SozialarbeiterInnen sowie SchülerzeitungsredakteurInnen. Die Themenpalette umfasste dabei schwerpunktmäßig Referate zu Rechtsextremismus und Nationalsozialismus. Dass die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke (PDS) bezüglich Knütters Schaffen für bpb und BMI feststellte, dass sich Knütter durch »seine wissenschaftliche Qualifikation« und durch seine »Sachkenntnis, insbesondere zum Antitotalitarismus« ausgewiesen habe, erscheint bei dem Fundus, aus dem er schöpfen kann, als durchaus konsequent. Seine Sachkenntnis zum »Antitotalitarismus« durfte Knütter ebenso in der von der bpb herausgegebenen Wochenzeitung »Das Parlament« zum Besten geben, wie auch in der Broschürenreihe »Texte zur Inneren Sicherheit« des BMI.
Am Beispiel des bis heute an der Uni Bonn im Fachbereich Politische Wissenschaft beschäftigten Hans Helmut Knütter lässt sich sehr gut zeigen, was Antitotalitarismus tatsächlich bedeutet. Recherchiert man diesem Namen etwas hinterher, stößt man schon nach kurzer Zeit auf ziemlich grausige Sachen: Der Autor des Buches » Die Faschismuskeule - Das Letzte Aufgebot der Linken « und ständige Mitarbeiter der Jungen Freiheit ist dem Extremismus, genauer dem Rechtsextremismus nämlich gar nicht so abgeneigt:
An der Universität fungierte Knütter lange Zeit als Mentor und Vertrauensdozent des studentischen Ost-West-Arbeitskreises, der sich im Rahmen des Studiums neonazistische Referenten wie den Auschwitz-Leugner David Irving eingeladen hatte. Auch ein Liederabend des »nationalen Barden« Frank Rennicke, ehemaliger Aktivist der inzwischen verbotenen Wiking Jugend, durfte im Angebot des Ost-West-Arbeitskreises nicht fehlen.
Auch eine der ersten Anti-Antifa-Seiten »Links-enttarnt!« wurde von ihm betrieben.
Die Liste an Aussagen, Broschüren oder Büchern, die Knütter als Rechtsextremen auszeichnen, ist ebenso schier endlos wie die der Vereine und Organisationen, in denen er aktiv ist. Mittlerweile wird der CDUler selbst vom Verfassungsschutz beobachtet. Dieser sollte sich seiner Meinung nach aber eher um die SPD-Jugendorganisation, einzelne Gewerkschaften des DGB und »linksextrem ausgerichtete Teile der evangelischen Kirche« kümmern.
Nun darf aber nicht der Eindruck entstehen, Leute wie Knütter wären »Ausrutscher« oder »Betriebsunfälle« der zuständigen Behörden. Ganz im Gegenteil. Diese brauchen nämlich DenkerInnen, die Rechtsextremismus verharmlosen und AntifaschistInnen als den Hauptfeind der Demokratie enttarnen. Nur deshalb ist es möglich, dass er in einer vom Bundesinnenministerium herausgegeben Broschüre »Hat Rechtsextremismus ein Chance?«
Neonazis als Hirngespinst der Linken darstellen kann: Die Bedeutung des Rechtsextremismus »scheint nur in den Vorstellungen seiner Gegner zu liegen, die sich des rechtsextremen Schreckbildes oft nur zur Ablenkung bedienen.«

Zu den bis dahin massivsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte kam es im August 1992 in Rostock Lichtenhagen . Eine Woche lang griffen mehrere hundert junge Rechtsradikale die Flüchtlingsunterkunft und ein von vietnamesischen VertragsarbeiterInnen bewohntes Haus an. Während der Ausschreitungen konnten sich gewalttätige Rechtsextremisten immer wieder in eine Menge von zeitweise bis zu 3.000 Rostockern zurückziehen, die den Neonazis applaudierten und ihnen Unterstützung boten. Die Rolle der Polizei, die erst die nötigen Einsatzkräfte zur Verfügung hatte, als es darum ging, die aus dem gesamten Bundesgebiet anreisenden Antifaschisten zu drangsalieren, ist bis heute nicht geklärt. Erst zehn Jahre später wurden gegen einige wenige der Angreifer sehr geringe Strafen verhängt.

In der Zeit nach diesem Pogrom, gab es eine Ausgabe der vom deutschen Bundestag und der bpb herausgegebenen Zeitung »Das Parlament« in der einige Artikel - nicht etwa zu Neonazis - sondern zum Totalitarismusbegriff abgedruckt waren. Insgesamt wirkte diese Ausgabe wie eine rechte Kampfansage an den angeblich immer noch herrschenden linken Zeitgeist. Es waren ausschließlich rechte Autoren - darunter selbst Karlheinz Weißmann - beteiligt. Diese Politologen und Publizisten hielten es für geboten, den » antitotalitären Grundkonsens « einzufordern, wobei gleichzeitig bedauernd festgestellt wurde, dass die »fremdenfeindlichen Gewalttaten « nur von diesem » antitotalitären Grundkonsens « ablenken würden, ja » für die zusammengebrochene, desorientierte Linke (...) geradezu ein Geschenk des Himmels gewesen « seien. Diese Aussagen waren nicht nur zynisch gegenüber den Opfern des rassistischen Terrors, sondern auch in Hinsicht auf die Realität grundfalsch. Die Täter waren eigentlich klar zu identifizieren: Neonazis und normale Deutsche. In »Das Parlament« sind es jedoch die Neonazis allein gewesen, die man nun »antitotalitär« bekämpfen müsse. Damit hatte man es geschafft, sie mit den Linken auf eine Stufe zu stellen.

Dass die Gleichsetzung von Rechts und Links, wie sie auch der bayerische Innenminister Günther Beckstein fordert , wenn er bedauert, dass » die Antifa-Aktivitäten der Autonomen, die in der Öffentlichkeit, weil gegen Rechtsextremismus gerichtet, leider nicht auf die gleiche Ablehnung stoßen wie rechtsextremistische Gewalttaten « , auch praktisch völliger Quatsch ist, zeigt allein die Zahl der Tötungsdelikte. So fielen allein zwischen 1990 und 2000 mindestens 136 Menschen rechter Gewalt zum Opfer. (Weit mehr als auf das Konto der von » Killerinstinkten bestimmten « und von » Sadismus « getriebenen » Terroristen « der RAF während ihrer gesamten Bestehenszeit gingen. Die letzten inhaftierten RAF-Mitglieder sitzen übrigens noch immer bzw. haben länger im Gefängnis gesessen als Friedrich Flick oder all die anderen Judenmörder.)

Konstruktion der Mitte
Neben all den bereits erwähnten Funktionen der Totalitarismusdoktrin besteht eine weitere darin, die politische Mitte zu konstruieren und diese als ein nicht zu hinterfragendes Ideal zu verewigen. Sie macht jeglichen Versuch, eine Utopie auch nur zu HIER TRYPTECHON   denken zunichte, da sie ihn sofort des Massenmords bezichtigt. Dies funktioniert sowohl auf einer theoretischen, politischen Ebene als auch konkret in den Zusammenhängen in denen sich Linke bewegen:
Jeder, der sich in solchen aufhält, kennt wahrscheinlich die Vorwürfe: man wäre genauso intolerant wie die Nazis, auch bei den Linken gäbe es Führer, meistens sind diese dann auch noch unglaublich arrogant, auch würde man die Meinung anderer unterdrücken und ihnen die seine aufdrücken usw. Es soll ausgesagt werden, dass man prinzipiell schon auf der Seite der Linken wäre, wären diese nicht so wie beschrieben. Doch diese Annahme ist grundsätzlich falsch. Der Grund, warum sie so argumentieren, ist ganz einfach: Es besteht kein Interesse an revolutionärer Veränderung.
Um wieder die Ebene der Jugendsubkulturen zu verlassen, an dieser Stelle noch einmal der Rückgriff auf den KPD-Vorsitzenden Max Reimann. Egal ob es sich um die faktische Abschaffung des Asylrechts, die Einführung des Lauschangriffs oder um den Angriffskrieg gegen Jugoslawien handelte - immer waren Grundgesetzänderungen nötig bzw. wurde einfach gegen das Grundgesetz verstoßen.
Immer waren es Linke und KommunistInnen, die gezwungen waren, zu protestieren und das Grundgesetz zu verteidigen. Und immer wurden diejenigen, die z.B. gegen den von Deutschland geführten Krieg protestierten kriminalisiert: »Antimilitarismus - gegen Krieg, NATO, Bundeswehr und Militäreinsätze bzw. die angebliche Großmachtpolitik Deutschland gerichtete Agitation und Aktivitäten - war 1999 ein wesentliches Aktionsfeld im Bereich Linksextremismus.«

Die Grenzen, wo Extremismus beginnt, werden von den Herrschenden immer nach deren momentanen Bedürfnissen definiert. Vor allem nach Rechts wird die Grenze immer weiter verrückt und immer unklarer. Parolen und Forderung, die vor einigen Jahren sich nicht einmal die NPD hätte laut sagen trauen, werden mittlerweile von den meisten demokratischen Parteien ausgesprochen. Gleichzeitig findet von Seiten dieser ständig der Versuch einer Abgrenzung vom braunen, mordenden Mob statt. Das ist die adäquate und notwendige Antwort einer Gesellschaft, die den Faschismus nicht an sich selbst wahrnehmen, die ihr eigenes Unbewusstes, das »gewalttätige« und »totalitäre« Potential, nicht bei sich selbst finden, und die sich daher ihrer eigenen Ausgeburt nur entledigen kann, indem sie es als das »Andere« schlechthin, als das ihr völlig Äußere und Zufällige abspaltet und abstößt. Faschismus erscheint so nicht als die zwingende Folge der bürgerlichen Gesellschaft - würde er das, wäre das einzige wirksame Mittel gegen ihn vorzugehen, die bürgerliche Gesellschaft zu überwinden - sondern als etwas, was außerhalb ihrer Macht steht. Man ist blind gegenüber der Tatsache, dass die Ideologeme der extremen Rechten ihren Platz weit in der Mitte des gesellschaftlichen Raums haben. Der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, der den Begriff des »Extremismus der Mitte« prägte und die Jahrbücher »Deutsche Zustände« veröffentlicht, wurde allein wegen dieser Aussage schon als Staatsfeind angesehen. »Wer vom Extremismus der Mitte spricht, entgrenzt den Extremismusbegriff und macht ihn unbrauchbar, delegitimiert gar den demokratischen Verfassungsstaat .« So einer der führenden Totalitarismustheoretiker, Eckard Jesse .

Die Totalitarismustheorie kann also auch als die wichtigste Theorie derer verstanden werden, die den Zusammenhang zwischen bürgerlicher Demokratie und Faschismus noch nie verstanden haben oder ihn nicht wahrhaben wollen.

Egal ob es nun die staatlichen Verfolgungsbehörden oder die »alternativen« Jugendlichen aus dem Umfeld linker Szenen sind: Die Totalitarismustheorie dient denjenigen, die am Bestehenden festhalten wollen. Denen, die ihre Unwissenheit als »Ideologiefreiheit« und »Neutralität« verstehen und selbst da, wo sie dem Faschismus offen entgegentreten, in ihm nicht den Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft selbst sehen können.

Mo?a Pijade