RELIGIONSKRITIKGott als Projektion des menschlichen Wesens

Die Religionskritik von Marx baut in ihren wesentlichen Grundaussagen auf die philosophischen Erkenntnisse von Feuerbach auf und betrachtet diese verstärkt in ihrer gesellschaftlichen Dimension. Daher ist es zuerst notwendig sich der Feuerbach’schen Religionskritik anzunehmen, denn «es gibt keinen andern Weg für euch zur Wahrheit und Freiheit, als durch den Feuerbach. Der Feuerbach ist das Purgatorium der Gegenwart».

Der Ausgangspunkt von Feuerbachs Religionskritik, auch als «anthropologischer Atheismus» bekannt, ist die Unvereinbarkeit und Unversöhnlichkeit von christlichem Glauben und Philosophie, obwohl es auf den ersten Blick nicht als solches erscheint. Bedenkt man aber alle Umstände, die einem Menschen begegnen, und denkt sie bis zu ihrem «„Ende»“ bleibt für den Philosophen immer noch ein Fragezeichen stehen, wohingegen einem Christen/Juden/Muslim m…etc. alle Fragen geklärt scheinen. Diesen Unterschied bezeichnet Feuerbach als das Übrigbleiben «eines Quantums radikaler Vernunft», die ein gGläubiger Mensch niemals besitzen kann.
Eine weitere Indifferenz ist die Art, philosophische Erkenntnisse zu gewinnen. .Für Feuerbach muss jedes Philosophieren den konkreten, sittlich denkenden Menschen als Ausgangspunkt haben, weil dDieser das Maß aller Dinge darstellt, «da der Mensch kein anderes Wesen als absolutes, als göttliches Wesen denken, ahnen, vorstellen, fühlen, glauben, lieben und verehren kann als das menschliche Wesen».

Grund und Ursache von Gottesglauben ist nach dieser Philosophie die ständige Suche des Menschen nach sich selbst. Als unvollkommenes Wesen, das durch Tod und Krankheiten in seiner Existenz bedroht ist, sehnt sich der Mensch stets nach vollkommenen Eigenschaften, wie Unsterblichkeit, Allwissenheit, usw.. Aufgrund der Unerreichbarkeit seiner Vollkommenheit hypostasiert der Mensch seine Sehnsüchte auf ein von ihm erdachtes Wesen, das all seine Wünsche und Vorstellungen von sich selbst darstellt. Dieses Etwas wird als Gott bezeichnet.
Gott besteht also aus der positiven Umkehrung aller negativen menschlichen Charakteristika.
Feuerbach sieht in einer solchen Gottes-Idee ein in sich verschlossenes Denken, ein
Denken ohne Sinne am Werk, durch das sich der Mensch aus seinem Bezug zum Weltganzen zurückzieht und sich letztlich selbst zu einem unansprechbaren, außer- und überweltlichen Wesen macht, das sich in narzisstischem Selbstgenuss verliert und dem Anderen in seiner Andersheit keine Wahrheit und kein Stimmrecht mehr einräumt. Die gegebene, materielle Welt soll das Wonnegefühl der unbeschränkten Seele nicht stören, das entsteht, wenn man die Welt wegdenkt und sich in die Idee eines grenzenlosen Subjekts vertieft. Die Welt erscheint in dieser Einstellung gegenüber Gott, mit dem man sich identifiziert, als das bloß Vergängliche, Wesenslose, das Zufällige.
Die Offenlegung der Psyche des Menschen, d.h. das Zusammenspiel der teils bewussten, teils unbewussten Regungen, Empfindungen und Vorstellungen, die das emotionale Verhalten und zum Teil auch die Wahrnehmung bestimmen, lässt einen wesentlichen Ansatzpunkt der Jahrzehnte später entwickelten, auf der Psychoanalyse beruhenden Religionskritik Sigmund Freuds erkennen.

Um die Vergegenständlichung des menschlichen Wesens in der Religion aufzuheben, bedarf es nach Feuerbach keine radikale Umwälzung der herrschenden Gesellschaften. Allein die Offenlegung des wahren Charakters von Gott reicht aus, um den Menschen zu bekehren, denn «Heilig sind die Religionen, eben weil sie die Überlieferungen des ersten Bewusstseins sind. Aber was der Religion das Erste ist, Gott, das ist, wie bewiesen, an sich, der Wahrheit nach nur das Zweite, denn er ist nur das sich gegenständliche Wesen des Menschen, und was ihr das Zweite ist, der Mensch, das muss daher als das Erste gesetzt und ausgesprochen werden».

Obwohl Karl Marx, wie in der Einleitung schon angedeutet, die ihn vorangegangenen Erkenntnisse als völlig zutreffend bezeichnete, gab er sich nicht absolut mit diesen zufrieden: « Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern».
In seinem berühmtesten und in dieser Gestalt auch einzigen Aufsatz zur Gotteskritik «Einleitung in die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie» beginnt Marx folgendermaßen:

«Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.
Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische oratio pro aris et focis widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein  seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine wahre Wirklichkeit sucht und suchen muss.»

Die grundlegende Kritik der Religion ist beendet, was ihm aber gleichzeitig die Feststellung eröffnet, dass es dadurch notwendig ist, eine weitergehende Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Funktion von Religionen zu forcieren. Durch Feuerbach wurde dem Menschen das Bewusstsein seines Wesens dahingehend verändert und erweitert, dass es ihm jetzt erlaubt ist, Gedanken zu sich und seiner Umwelt zu stellen, ohne von dem verschwommenen Blick des Gottesglaubens beeinträchtigt zu werden oder eine simple Notlösung in der Existenz Gottes zu finden.

«Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d'honneur ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.»

Am Anfang dieses Abschnitts erinnert Marx sehr der Maxime Feuerbachs «Homo hominis deus est», indem er auf den durch Menschen gemachten Charakter Gottes hinweist. Im weiteren Verlauf schärft er seinen Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen und Wirkungen der Religion, die zum weiteren Fortbestand notwendig sind. So stehen Staat und Religion in einer Symbiose, die beiden von großem Nutzen sind. Die Gesellschaft sorgt dafür, dass siees ein Rechtssystem aufrecht erhält, in dem die Religion, durch das Gesetz manifestiert, ihren Müll in Umlauf bringen kann, andererseits sorgt die Kirche (als „weltlicher“ Vertreter des Glaubens) für ein, dem Staat angenehmes Klima, d.h. der Mensch wird durch die Religion illusioniert, dass er von jedwedem Rebellionsversuch ablässt und seine Anliegen nur seinem Hirten (Gott) entgegen trägt. Zudem nimmt die Religion die Funktion eines guten Gewissens und einer moralischen Ergänzung ein, durch die der Staat sein wahres Gesicht verbergen kann.
Als logische Konsequenz zu deren Abschaffung ist es (aufgrund der Symbiose) nicht möglich, die Religion ohne ihren gesellschaftlichen Kontext zu beseitigen, da sich beide gegenseitig bedingen. Der Kampf gegen Religion bedeutet demnach immer auch einen Kampf gegen den Nährboden, auf dem sie gedeiht: Religionskritik ist also (indirekt) Staatskritik.

«Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen, das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen  Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.»

Wenn Menschen sich einem Gott zu wenden, bedeutet dies für Marx, dass er einerseits Probleme mit sich oder seiner Umgebung hat und andererseits nicht damit zufrieden ist, dass es diese Umstände in dieser Form gibt. Trotzdem sind diese nur leise Seufzer und kein Aufschreie, deren Wahrnehmung in der Gesellschaft um einiges größer wäre. Als Gemüt und als Geist einer herz- und geisteslosen Welt bringt sie weder eine realistische oder logische, sondern nur eine beruhigende bzw. narkotisierende Antwort auf die durch Staat und Gesellschaft produzierten Probleme. In diesem (und einem anderen) Kontext ist das berühmte Zitat «Religion als Opium des Volkes» als eine verzweifelt absolute Antwort auf die Sinnsuche des Menschen, der jedoch keinen wahren Sinn an sich besitzt.
Eine weitere Möglichkeit der Interpretation dieses Ausspruchs ist die Verschleierung der menschlichen Ausbeutung und Unterdrückung mit Hilfe eines Jenseitsglaubens, der alle Qualen des Diesseits vergessen machen will.
Die wirkliche Methode, sich von diesen Qualen zu befreien, kann sich nur in einer Art und Weise ausdrücken: In einem harmonischen Zusammenleben freier, unabhängig von äußeren Zwängen und Unterdrückung lebender Menschen.
(Man nennt es Kommunismus.)

«Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.

Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.»
Vorerst ist die Religionskritik eine enttäuschende, alle Illusionen zerstörende Veränderung im Leben des Menschen, durch die er mit der kalten Realität konfrontiert wird. Deswegen sollte sich eine vernünftige Kritik nie mit dem Abschaffen der Religion alleine zufrieden geben, da diese nur ein Ersatz für seine mangelnde Selbsterkenntnis und Wahrnehmung ist. Ist es aber mit dem Gottesglauben vorbei, d.h. der Mensch hat nun das «Quantum radikaler Vernunft», wird er schließlich auch Veränderungen herbeiführen, die seine miserable Situation beseitigen.

Da es nach Ansicht des Autors zum letzten Abschnitt von Marx’ Schrift zur Religion keinen Erklärungsbedarf gibt und er die Schönheit und Schlagkräftigkeit dieser letzten Worte nicht antasten wollte, steht dieser nun unkommentiert als der Schluss des Aufsatzes über die Religionskritik über Marx und Feuerbach:

«Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch einen Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln.»

Holger Gösch