RELIGIONSKRITIKCredo quia absurdum

«Ich denke, also bin ich kein Christ.» – Karlheinz Deschner

«Die Gläubigen sind selten Denker und die Denker selten gläubig.» – Hans Daiber

«Er ist ein heller Geist und also ungläubig.» – Goethe

«Der Glaube kann uns niemals von etwas überzeugen, was unserer Erkenntnis zuwiderläuft.» – John Locke

Die Religion ist der untaugliche Versuch mit einer wie auch immer gearteten transzendenten, also jenseitigen Welt die reale Welt zu erklären und die Deutungshoheit über alle irdischen Erscheinungen und natürlichen Prozesse auszuüben.
Es ist nicht der banale religiöse Inhalt, also beispielsweise die Story vom Jesukindlein, von Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt, die den denkenden Menschen (im Sinne Deschners und Goethes) interessiert, sondern das universelle Phänomen Religion an sich, der Götter- und Geisterglaube als anthropologische Konstante, Religion als Plage der Menschheit.
Woher kommt seine Verbreitung bis in die entlegensten Winkel der Erde, sodass es auf der ganzen Welt tatsächlich keinen religionsfreien Raum gibt? Woher das vermeintliche menschliche Bedürfnis nach einem Gott? Woher seine scheinbare Unausrottbarkeit? Und vor allem, welche Funktion hat die Religion für das Individuum und die Gesellschaft?
Es geht hier also um die Religion als Instrument der Herrschaftssicherung, Fremdbestimmung und Selbstberuhigung.

Credo quia absurdum
«Ich glaube, weil es absurd ist.» Geht auf den Kirchenvater Tertullian (Quintus Septimius Florens Tertullianus) aus Karthago (160-230) zurück. Stellt, laut Bakunin, die Quintessenz der Theologie und die triumphierende Dummheit des Glaubens dar.

Religion als Instrument der Sicherung weltlicher Herrschaft
Öffentliche Religionskritik ist dünn gesät und ruft nicht nur im Islam heftige Reaktionen hervor. Obwohl sich die europäische Aufklärung (enligthenment, illumination) immer als Aufhellung der Dunkelheit – das Dunkle war die Religion – verstand, hat das europäische Bürgertum die Religionskritik nie besonders entfaltet, wusste doch der bürgerliche Staat immer, was er an seinem Christentum hatte. Johann Most, anarchistischer Abgeordneter, unterstellte Ende des 19. Jahrhunderts der Bourgeoisie, «dass es im Interesse der Erhaltung ihrer Lage und ihrer neu erworbenen Güter dringend notwendig sei, den ungesättigten Hunger des Volkes durch Versprechungen himmlischen Mannas zu täuschen.» Sein jesuitischer Gegenspieler Windthorst bestätigte diese Aussage im deutschen Reichstag auf seine Weise: «Wenn im Volke der Glaube zerstört wird, kann es das viele Elend nicht mehr ertragen und rebelliert!» Etwa zeitgleich meinte Michail Bakunin: «Es gibt, es kann keinen Staat ohne Religion geben. Man nehme die freiesten Staaten der Erde, die Vereinigten Staaten von Nordamerika oder die Schweiz, und sehe, welch wichtige Rolle die göttliche Vorsehung, diese oberste Weihe aller Staaten, in allen offiziellen Reden spielt.»
John Locke, der bürgerliche englische Vordenker aus dem 17. Jahrhundert sprach dem niederen Volke jede politische Urteilsfähigkeit ab, wollte es deshalb vom Wahlrecht ausschließen, empfahl aber die Glaubensformeln des Christentums für die einfachen Gemüter.
Und der vielleicht bekannteste europäische Aufklärer, Voltaire, der sich scharf gegen den Machtanspruch der Kirche und gegen das Bündnis aus Klerus und Adel wandte, beließ es bei der Forderung nach Glaubens- und Gewissensfreiheit. Sein Plädoyer für einen zweckrationalen Deismus, für religiöse Moral und Religion als Herrschaftsmittel gipfelte in dem entlarvenden Satz: «Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden. Denn, ihr versteht, das Volk braucht eine Religion. Diese ist das Sicherheitsventil.»
Das ist die Rolle, die Religion immer spielte, möglicherweise ist es ihre historische Hauptaufgabe: Legitimation weltlicher Herrschaft.
In der Vormoderne, angefangen von den Häuptlingsgesellschaften und konischen Clanstaaten im tribalen Zyklus (Jonathan Friedmann) vor hunderttausend Jahren bis zum Christlichen Staat eines Kaiser Wilhelm wurden politische Macht und Herrschaft immer und ausschließlich durch Götter, Geister, Außerirdisches oder Methaphysisches legitimiert. Entweder die Herrscher erklärten sich selber zu Göttern, wie im Ägypten der Pharaonen, waren mit diesen verwandt, so die Abkömmlinge der Sonne im Inka- und Aztekenreich oder verfügten mittels magischer Kräfte zumindest über die besten Verbindungen nach oben. Letzteres gilt für die Primitiven der Frühzeit.
Erst in der bürgerlichen Demokratie geht der Souverän, wenn auch nur in der Theorie, auf das Staatsvolk über. Eine Bundeskanzlerin muss nicht mehr Götter und Geister bemühen um die Ausübung ihres Amtes zu rechtfertigen.
Die heutigen Kirchen schwingen sich gerne auf zu Hüterinnen von Ethik, Moral und Sittlichkeit, schwafeln von Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie, ja, tun gerade so, als hätten sie die Menschenrechte erfunden. Das Gegenteil trifft zu. Die christlichen Kirchen waren die geistig-moralischen Hauptstützen des tausendjährigen abendländischen Feudalsystems, zu dessen integralen Bestandteilen Adelsherrschaft, Leibeigenschaft, Krieg, Inquisition, Folter, Hexenverbrennung und Judenverfolgung zählten. Sie paktierten in der Moderne mit fast allen faschistischen Terrorregimen dieser Welt – der romanische Klerikalfaschismus gilt als der ursprüngliche und eigentliche Faschismus (Karlheinz Deschner) – auch mit den Nazis. Die humanistischen Ideale, die Freiheit des Individuums, das Postulat der Menschenrechte und die Logik der Wissenschaft stießen stets auf ihren erbitterten Widerstand.

Religiöse Inhalte
Religiöse Inhalte sind oft hoch abstrakt, wie z.B. die Jungfrauengeburt Jesu oder die auch für Andersgläubige völlig unverständliche sog. Heilige Dreifaltigkeit Gottes, und trotzdem oder gerade deswegen sind sie so naiv, lächerlich, primitiv, uninteressant und im besten Sinne des Wortes unglaubwürdig. Sie beleidigen den Verstand jedes auch nur halbwegs gebildeten Menschen, sind, mit Bakunin gesprochen, «der unbedingte Umsturz des gesunden Menschenverstandes, aller menschlichen Vernunft.» Dieses wird sogar von dem heute noch einflussreichen und hochverehrten Völkerapostel Paulus zugestanden. «Die Weisheit des Kreuzes» ist für ihn die menschliche Dummheit, die «Torheit vor der Welt». Die Vertreibung aus dem Paradies und die Sterblichkeit des Menschen waren Folge der Missachtung eines göttlichen Verbots. Eva hatte vom Baume der Erkenntnis gegessen. Weisheit und Erkenntnis aber wird von Gott nicht geduldet. Aus diesem Grunde forderte Lessing schon im 18. Jahrhundert eine Abkehr vom kirchlichen Kinderglauben zugunsten eines sittlichen Humanismus ohne biblische Offenbarung.
Wer vermag die tausend Mal gehörten, abgestandenen Geschichten aus dem alten Orient, wie sie in der Bibel ausgebreitet werden, heute noch wirklich zu glauben?
Was ist andrerseits davon zu halten, dass in westlichen Länder Aufgewachsene ernsthaft behaupten, der ganze Planet Erde sei nicht älter als sechstausend Jahre, dass erwachsene, zurechnungsfähige Menschen die Anekdoten von Adam und Eva im Paradiese, von Noah mit der Arche oder die Totenerweckungen, Wunderheilungen, Teufelsaustreibungen, Weissagungen und Verklärungen Jesu in den vier Evangelien heute noch wie einen historischen Tatsachenbericht lesen?
Im alten Orient wurden viele Märchen, Legenden und Geschichten erzählt und oft tauchen die allerselben in völlig unterschiedlichen, von einander unabhängigen Textquellen auf. So entspricht die alttestamentarische Erzählung vom Aussetzen des Moses auf dem Nil in weiten Teilen dem Gründungsmythos Roms. Auch Romulus und Remus wurden in einem Körbchen auf dem Tiber ausgesetzt bevor sie von der Wölfin gerettet wurden.

Entwicklungsgeschichte der Religionen
Wer die Entwicklungsgeschichte der Hochreligionen, vom einfachen Fetischismus, der hinter jedem Busch ein Geistwesen vermutete, über den antiken Polytheismus der vielen funktionalen Götter hin zum jüdischen Jahwe, der keine anderen Götter neben sich mehr duldete, auch nur andeutungsweise kennt, wird sich schwer tun, der jeweils hinein interpretierten Sinnhaftigkeit etwas abzugewinnen. Die einfache Historisierung des Phänomens Religion entlarvt sie als stets angepasste Begleiterscheinung der jeweiligen menschlichen Entwicklungsstufe.
Nicht zufällig begann die europäische aufklärerische Religionskritik mit der Erforschung der Geschichte der Bibel durch die englischen Deisten Ende des 17. Jh., was damals einem gefährlichen Tabubruch gleich kam. Ihr Ergebnis, dass die «Heilige Schrift» eben nicht von Gott höchstselbst geschrieben und dann den Menschen übergeben wurde, wie es noch bei Moses mit den Zehn Geboten der Fall war, ist heute unumstritten. Die Bibel gilt seither als durch und durch menschliches Produkt. Nicht Gotteswort, sondern die Worte christlicher Fanatiker, Hellseher und Religionsgründer kommen hier zum Ausdruck.

Kirche und Glaube
Der oft gehörten Auffassung, der persönliche Glaube habe eigentlich sehr wenig oder gar nichts mit der etwas anrüchigen Institution Kirche zu tun, muss widersprochen werden. Das mag zwar der Erfahrung und Befindlichkeit moderner ChristInnen entsprechen, historisch und distanziert betrachtet ist es jedoch falsch. Ohne Kirche kein Glaube! Wie anders sollte der christliche Glaube über die Welt gekommen sein, wenn nicht durch die einstmals unvorstellbare Macht der katholischen Kirche?
Karl der Große, der im 9. Jh. das Christentum mit Feuer und Schwert nach Europa brachte, tat dies im Auftrag und mit Segen seiner Kirche. Er musste erst zehntausend widerborstige, heidnische Sachsen köpfen lassen, bevor die Restlichen von den Vorzügen des Christengottes überzeugt waren. Ähnlich bei den spanischen Konquistadoren, auch sie waren in erster Linie für den Papst, die spanische Kirche und ihre katholischen Könige unterwegs. Um alle Seelen in Lateinamerika für Christus zu retten, hätten sie beinahe die gesamte indianische Bevölkerung ausgerottet. Der Zeitzeuge und spätere Bischof von San Cristobal (Chiapas, Süd-Mexico) Bartolome de las Casas berichtet, dass bei seiner Ankunft in Hispaniola im Jahre 1502, seiner Schätzung nach, zwei Millionen Indios lebten. Nach vierzigjähriger, frommer Missionsarbeit seien es nur noch wenige Tausend gewesen.
Ohne die mächtige Institution Kirche hätte sich das Christentum nicht wie ein Krebsgeschwür weltweit ausbreiten können, wäre vielleicht eine jüdische Sekte geblieben und wir alle wüssten möglicherweise gar nicht von ihrer Existenz.

Zur Psychologie des Glaubens
Die Religion als geschlossenes, totalitäres, staatsgebundenes System musste abdanken. Von einem Basisprinzip der Gesellschaft ist sie zu einer bloßen Sinnstiftungsvariante unter vielen verkommen. Großkirchen konkurrieren heute auf dem Markt der weltanschaulichen Warensortimente und Glückssurrogate. Das Geld habe Gott abgelöst, schreibt Franz Schandl, das sei der Grund für seinen Niedergang.
Auf der anderen Seite triumphiert der Leitartikler der ZEIT: «Die totgesagte Religion ist ins Bewusstsein zurückgekehrt. Ein Aufatmen geht durch die bürgerliche Mitte ...»
Um welche Art von Glauben es sich handelt, ob um traditionell-kirchlichen oder um einen Patchwork-Glauben, der adäquaten Religionsform der kapitalistischen Postmoderne, der sich nicht selten aus christlichen, fernöstlichen und naturreligiösen Elementen zusammenwürfelt, ist damit nicht gesagt. Die bürgerliche Freiheit – Religionen sind von Natur aus illiberal und intolerant – macht es möglich, das sich jedeR ihren/seinen Privatglauben nach Herzenslust zusammenmixen kann.
Noch geben 80 Prozent der Deutschen an, dass sie an Gott glauben. Nach der jüngsten Shell-Studie allerdings hängt aber die Mehrheit der jungen Erwachsenen einem wie auch immer gearteten pragmatischen Pantheismus an.
Doch es gibt sie noch, die wirklich bibelfesten Gläubigen, die christlichen FundamentalistInnen, die überzeugten, tiefreligiösen Schafe ihres Herrn und die missionierenden Eiferer, in den Großkirchen ebenso wie in diversen Sekten. Hier gilt das Interesse aufgeklärter KritikerInnen allein der psychologischen Disposition, dem psycho-sozialen Hintergrund solcher Individuen. Die Frage lautet: Wie konnte es soweit kommen?
Fast immer stammen solche begeisterten Jesus-AnhängerInnen aus einem religiösen Elternhaus, sind gläubig erzogen worden und spüren deshalb den Widerspruch zwischen hochtrabendem religiösen Anspruch und schnöder gelebter Praxis, in den kirchlichen Institutionen und Gemeinden ebenso wie zu Hause. Ähnlich Adornos autoritärem Charakter herrscht bei ihnen ein starkes persönliches Sicherheitsbedürfnis vor, die Sehnsucht nach einer schützenden, spirituellen Community, nach idealisierter Herrschaft (Jesus als guter König!), die mit dem Willen zur Unterordnung einher geht. So gesehen, können rigide Glaubensmodelle auch von praktischem Nutzen sein, bieten sie doch dem labilen Individuum eine verwobene, verlässliche Gemeinschaft und dadurch psychischen Halt im allgemeinen darwinistischen Wettbewerb.
Religion, auch historisch betrachtet, als überlebenswichtige Strategie von Gemeinschaften, oder doch nur ein unausgereiftes Entwicklungsstadium der menschlichen Psyche, wie in der einschlägigen neueren Forschung spekuliert wird?Der Glaube als reines Produkt kultureller Einflüsse, von Sozialisation und Erziehung, erscheint demnach als Nebenprodukt der Evolution selbst.
Die Angst, sagt Bertrand Russell, ist die Grundlage der Religion, die Angst vor Mysterien, vor Niederlagen und Tod. Freud sieht Gott als Vaterfigur, als Verkörperung des Über-Ichs, auf die die Verantwortung für das Leben abgegeben wird, als illusionäre Befriedigung des infantilen Wunsches nach Geborgenheit, Sicherheit, Autorität.
Stefan Breuer (HWP Hamburg) definiert religiösen Fundamentalismus in erster Linie als Abwehrkampf des traditionalen Patriarchats. In der Bibel wie im Koran ist die Unterordnung der Frau unter den Mann festgeschrieben. Darauf angesprochen argumentieren z.B. Zeugen Jehovas: «Unsere Frauen wollen gar keine Gleichberechtigung.» Solche Aussagen werden jederzeit problemlos von Zeuginnen bestätigt. Kann die Absage an Freiheit, Recht, Vernunft, Emanzipation und Individualität heutzutage deutlicher formuliert werden?
Freuds Schüler Wilhelm Reich nennt die Religion kulturellen Masochismus und bescheinigt den Gläubigen eine kollektive Zwangsneurose.
Die Religion ist nicht nur von Kirche auf ein totalitäres Zwangssystem, das allerdings, der Aufklärung sei Dank, seine direkte politische Macht verloren hat, dogmatische Glaubenssysteme sind barbarisch, anachronistisch und unmenschlich. Darüber hinaus ist der Glaube hervorragend geeignet den menschlichen Geist einzuengen, partiell aufzuheben. Er fixiert die Sehnsucht des Menschen nach einem besseren Leben, nach Wahrheit und Gerechtigkeit, auf angebliche Offenbarungen überkommener heiliger Schriften, die zwar nachweislich von Menschenhand verfasst, aber dennoch von einem eingebildeten Gott inspiriert sein sollen, vertröstet auf die Zeit nach dem Tod und auf die Wiederkehr Christi. Das natürliche Bedürfnis nach logischen, rationalen Erklärungen wird mit Hilfe des Unlogischen, des Irrationalen überwunden. Die fromme Fixierung führt auch bei ansonsten intelligenten, gebildeten Menschen zu einer erstaunlichen Regression des Denkens.

Höllische Gerechtigkeit
«In der Vergangenheit diente die Bildhaftigkeit des Höllenfeuers und der ewigen Folter – oft in sadistischen Ausmalungen – dazu, Männer und Frauen in den Glauben zu ängstigen.» Ewige jenseitige Höllenqualen für zeitliche irdische Sünden!
«Wenn jemand unseren Herrn Jesus nicht liebt, der sei verflucht.» «Denn Jesus selber spricht: ... wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.» Nicht nur Räuber und Mörder, nein, die Ungläubigen, Abgöttischen, Unzüchtigen, Unkeuschen, Wollüstigen, Zauberer, Spalter, Intriganten, Trunkenbolde, Völler und dergleichen, sie alle sollen das Reich Gottes nicht sehen, sondern für immer schmoren, wie Bratwürste am Grill. «Der Verzagten, Ungläubigen, Greulichen, Totschläger, Hurer, Zauberer, Abgöttischen und aller Lügner Teil wird sein im Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der andere Tod.» So lautet die Offenbarung des Heiligen Johannes. Kleinste Vergehen, Nichtglauben, Sex außerhalb der Ehe, Homosexualität, Sauferei, Völlerei und Faulheit reichen nach dieser Art von himmlischer Gerechtigkeit aus, um grausamste ewige Strafen zu empfangen.
Doch damit soll jetzt Schluss sein. Mit gruseligen Abschreckungsphantasien will heutzutage keine rechte Jesus-Begeisterung mehr aufkommen. Alle möchten sich plötzlich aus der Hölle heraus mogeln. Rom und die Lutherische Kirche, die Anglikaner und gewisse charismatische Sekten verabschieden sich allmählich vom treuen Dienstmann Luzifer, seinen gehörnten und pferdefüßigen Helfern, den Schlangen, Drachen und Dämonen und der ganzen Vorstellung vom schwefelbrennenden Höllenfeuer, nicht aber von Hölle und Teufel als Institution des Bösen selbst. In verquaster Form, nicht als Ort unter der Erde, sondern als Zustand der Selbstausschließung von göttlicher Liebe soll sie natürlich weiter bestehen. Der Belzebub, ein Opfer spiritueller Modernisierung, das ist Benedikts neue Harmonie zwischen Glauben und Vernunft.
Die Pfaffen aus früheren Volksschultagen, die uns den Pfuhl aus Feuer und Schwefel als in Stein gegossenen Tatsache einbläuten, haben auf einmal alles nicht so gemeint. Was Hieronymus Bosch, di Bartolo, Pinamonti und andere Maler des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit unter dem Einfluss ihrer Religion so drastisch wie meisterhaft auf die Leinwand brachten, soll heute nicht mehr wahr sein. Die Erfinder wollen mit ihrer guten alten Hölle nichts mehr zu tun haben. Da möchte man die leichtgläubigen Modernisierer am liebsten fragen: Ja, gilt jetzt was in der Bibel steht, oder nicht?
«Die Vision einer letzten Gerechtigkeit bestimmt die Auferstehungshoffnung der Christen. Der um sein Leben Betrogene hat einen Anspruch auf Ausgleich. Die jüdischen Kinder und Erwachsenen, deren Leben im Rauch über Auschwitz und Buchenwald aufging, sie haben bei Gott ebenso einen Anspruch auf Ausgleich wie die Indianer, die den brutalen Missionsmethoden der Christen nicht entkommen sind, oder die Abertausenden Frauen, die auf den Scheiterhaufen als Hexen verbrannten.» So klingt der Neusprech von der Gerechtigkeit in einem sich aufgeschlossen und modern dünkenden christlichen Propaganda-Heft. Nachdem sie mit den Nazis kollaboriert, Hitler bejubelt, seine Siege in Dankgottesdiensten gefeiert, Auschwitz verschwiegen, die Massenmörder nachher noch vor den Alliierten versteckt und ihnen freies Geleit nach Südamerika verschafft haben, kommen sie den Ermordeten nun mit der ausgleichenden himmlischen Gerechtigkeit. Ja, jetzt, da die Indios ausgerottet, die Hexen ausgemerzt, wünschen die Mörder von einst ihren Opfern alles Gute am Nichtort ihres Paradieses.
Wenn also Gerechtigkeit eine jenseitige Sache ist, dann macht es für die Kirche keinen Sinn schon im Diesseits ihre Verbrechen der Vergangenheit uneingeschränkt und weltöffentlich zu beichten. Da es auf Erden, nach ihrer Auffassung, keine Gerechtigkeit geben kann, fährt der Apparat im göttlichen Auftrage fort mit seinem traditionellen Dienst an den Herrschenden, als Stütze des Staates und Verteidiger der gegebenen Eigentumsverhältnisse, zum Troste der Armen und Schwachen, zur Verdummung und Täuschung der Schulkinder, KirchgängerInnen und Gutmenschen, bei der Segnung von Waffen und Sozialabbau, mit der Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen und seiner ganzen paulinischen Doppelmoral.

Verzicht auf religiöse Erklärungen
Gläubige FundamentalistInnen hatten in der Regel ein einschneidendes, lebensveränderndes Bekehrungserlebnis und berichten von nahezu täglichen Begegnungen mit ihrem Gott. Ihnen gilt die bloße Existenz der Welt, der Natur und des Menschen als unumstößlicher Gottesbeweis. Nicht selten erwarten sie, wie ihre Vorbilder aus der christlichen Urkirche, in Bälde das Ende der Welt, die Apokalypse, Armageddon, das Jüngste Gericht.
Wer sich mit eifrigen Gläubigen auf eine Diskussion einlässt, wird sehr schnell mit tiefgründigen Wesensfragen nach dem Sinn des Lebens sowie nach Ursprung, Entstehung und Vergänglichkeit von Welt, Natur, Menschen und zugleich mit ihrem religiös-dogmatischen Letztbegründungsanspruch konfrontiert. Die päpstliche Enzyklika Fides et Ratio von 1998 formuliert es so: Wer bin ich? Woher komme ich, wohin gehe ich? Was wird nach diesem Leben sein? Der Papst bringt hier auch seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Suche des Menschen nach Wahrheit quasi automatisch zum Glauben führe.
Obige theologische Grundfragen erklärte jedoch schon Kant für nicht beantwortbar. Er stellte die Frage, warum Menschen überhaupt ein Ende der Welt erwarten. Alle metaphysischen Gottesbeweise überschreiten nach seiner Auffassung in unzulässiger Weise die kategorialen Grenzen menschlicher Vernunft. Eine wissenschaftlich oder philosophisch begründete Antwort, etwa die Theorie vom Urknall, die Behauptung einer ewigen Existenz von Materie, wäre aber ebenfalls spekulativ, hierzu gibt es keine gesicherte Erkenntnis.
Es ist jedoch weitaus vernünftiger, sich mit zwangsläufig vorhandenen Wissenslücken und Erkenntnisdefiziten abzufinden, als irrationale religiöse Deutungen zu akzeptieren. Die Aufklärung werde, laut Horkheimer/Adorno, selber zum Mythos, wenn sie glaubt, alles erklären zu können.
Die religiöse Rede von Gott ist nicht verifizierbar und nicht tautologisch, auch nicht widerlegbar – also sinnlos. Der Rückgriff auf Gott ist für Aufgeklärte kognitiv höchst unbefriedigend, geradezu eine intellektuelle Zumutung. Weder erklärt er plausibel oder auch nur annähernd glaubhaft den Ursprung von Erde und Weltall, noch die Entstehung des Lebens, schon gar nicht den Sinn des Lebens. Letzterer soll ja nach christlicher Auffassung das ewige Leben sein – irgendwo, irgendwann. Im vierten vorchristlichen Jahrhundert, hatten die alten Griechen da längst eine bessere Antwort parat. Der Sinn des Lebens, postulierte Aristoteles, sei das gute Leben und zwar im Hier und Jetzt.

Kleine Bibelkunde
Zu keiner Zeit hatten Religionen einen emanzipatorischen Charakter, auch nicht das Christentum. Jesus war eben kein Sozial-Revolutionär, wie interessierte Kreise immer wieder behaupten, sondern lediglich ein jüdischer Reformer, ein ländlicher Wanderprediger (Max Weber), der gegen den religiösen und moralischen Sittenverfall in der Metropole Jerusalem wetterte. Diese Sorte von Predigern und Propheten hatte im alten Israel und Judäa – in fiebriger Erwartung der Ankunft Gottes auf Erden – Hochkonjunktur und er war nicht der Einzige, der von seinen AnhängerInnen zum Messias ausgerufen wurde. Die umherziehenden heiligen Männer stützten sich auf ihre jeweiligen Fangemeinden an verschiedenen Orten, die auch für ihren materiellen Lebensunterhalt sorgen mussten.
Manche hetzten die Landbevölkerung gegen die Stadt auf (Jesus), andere schimpften auf die römische Besatzung, forderten nationale Befreiung (Zeloten), niemand jedoch thematisierte das eigentliche Grundproblem dieser Zeit, die ökonomische Basis der antiken Gesellschaft schlechthin, nämlich die massenhafte Sklavenhaltung. Auch Jesus kritisiert an keiner Stelle die Sklaverei oder die damalige soziale Klassenspaltung. Sein angeblich so großes soziales Engagement läuft immer nur auf Almosen für die Armen und anständige Behandlung der Untergebenen hinaus. Selbstverständlich sollen auch Frauen von ihren Gebietern gut behandelt werden. Die ungerechten ökonomischen und sozialen Verhältnisse, Herrschaft, Klassenspaltung und Unterdrückung, Krieg, Gewalt und Todesstrafe werden natürlich durch die Bibel in keiner Weise in Frage gestellt.
Paulus, vielleicht der schlimmste unter den Aposteln, fordert Unterwerfung gegenüber der gottgewollten Obrigkeit, spricht von einer göttlichen Berufung zum Sklavendasein, schickt darum auch einen Entlaufenen höchstpersönlich zu seinem Sklavenhalter zurück, warnt vor Müßiggang und plädiert für allgemeinen Arbeitszwang, verbietet Frauen in der Gemeinde zu sprechen, ermahnt sie zugleich zur «Verhüllung ihres Hauptes», behelligt GriechInnen und HeidInnen ständig mit seiner verschrobenen Sexualmoral und verwirft schließlich das «ungläubige», «ungehorsame» und «widerspenstige» Volk Israel.
Bei Paulus schimmert schon der totale Herrschaftsanspruch der späteren christlichen Kirchen durch. Er, der Zeltmacher aus Tarsus, durch nichts legitimiert als durch sein Damaskuserlebnis und seine eingebildete Berufung zur Nachfolge Christi, spielte sich bereits als Chefideologe und Herrscher über die jungen christlichen Gemeinden im ganzen östlichen Mittelmeerraum auf. Die unsäglichen Briefe an seine «Brüder» strotzen nur so vor Befehlen, Mahnungen, Warnungen, Drohungen, Verfluchungen, Ratschlägen und Verhaltensregeln, zudem oft mit sehr zweifelhaften Inhalten. Er setzte Stellvertreter und Gemeindevorsteher ein, wie es ihm gefiel. Welch ein Rückschritt gegenüber dem bereits rudimentär entwickelten Modell der griechischen Demokratie!
Bei der Lektüre der Paulusbriefe (Neues Testament) und der Bücher Mose (Altes Testament), die für KritikerInnen wirklich sehr zu empfehlen ist, fällt die starke Betonung des Sittlichen und Sexuellen auf. «Blutschande» und Verführung, Untreue, Homosexualität und Sodomie sollen in der Regel durch Steinigung oder andere Formen der Ausmerzung gesühnt werden. Mord, Totschlag und andere Gewaltdelikte dagegen sind nur unter bestimmten Umständen strafbar.
Der Herr selbst rottet ja die gesamte Menschheit wegen ihres liederlichen Lebensstils aus, verschont nur Noah und seine Sippschaft. Auserwählten wie Moses oder Josua befiehlt er später mehrmals die Vernichtung alles Lebendigen (Mensch und Tier!) für ganze Städte und Regionen. Da soll explizit kein Mitleid walten und niemand darf entkommen.
Sodom geht in Flammen auf, denn die Engel des Herrn waren auf Besuch da. Begründet wird dieser unterschiedslose Massenmord mit homosexuellen Gelüsten seiner Einwohner. Auch die alte Weltstadt Babylon «die große Buhlerin, die in ihrer Unzucht die Welt verdarb» soll kollektiv vernichtet werden. Alleluja, da kommt Freude und Frohlocken auf im Himmel, bei den Heiligen, Aposteln und Propheten!
Ja, die Bibel liest sich über weite Strecken wie eine Huldigung an Krieg, Massenmord und Hinrichtung. Und der gewalttätige, rachsüchtige, mitleidslose, eitle, eifersüchtige und intolerante Gott, der ihrer Auffassung nach für all das die Verantwortung trägt, wird von den ChristInnen als Gott der Liebe gefeiert.

Kurze Geschichte der Religionskritik
Die Religionen haben eine lange, meist schreckliche und blutige Vergangenheit, doch auch die Religionskritik kann auf Geschichte zurückblicken. Für Karl Marx ist die Kritik der Religion der Ursprung aller Kritik, die Vorstufe der Gesellschaftskritik.
Schon die Vorsokratiker im Griechenland des 6. Jahrhunderts v.Chr. versuchten den Urgrund aller Dinge nicht mehr aus dem Jenseits, sondern aus der realen, gegebenen, empirisch zugänglichen Welt zu erklären und die heimische Götterwelt zu entmythologisieren. Von nun an trat der Logos an die Stelle des Mythos, die Philosophie an die Stelle der Religion.
Als wohl erster europäischer Philosoph verzichtete Thales von Milet (624-546 v.Chr.) auf Götter, Geister und Phantasiewelten und vermutete im Natürlichen, nämlich im Wasser, den Ursprung allen Seins. Der frühe Materialist Demokrit (460-390 v.Chr.) ging davon aus, dass die Materie ewigen Bestand habe und aus dem Nichts auch nichts hervorgehen könne. Auch die menschliche Seele war für ihn feinstofflicher Natur und sollte sich nach dem Tod zerstreuen. Xenophanes (570-475 v.Chr.) kritisierte den Anthropomorphismus Homers und stellte fest, dass die Gläubigen ihre jeweilige, unterschiedliche Gottesvorstellung selbst prägen. So seien die Götter der Äthiopier schwarz mit afrikanischem Gesichtsausdruck, die der Thraker blond und blauäugig.
Der große Epikur (341-270 v.Chr.) erkannte in der Religion ein Abbild menschlicher Ideen, keinerlei jenseitige Einflussnahme. Die menschenähnlichen Götter waren für ihn nur Wunschgebilde.
Die Sophisten zogen mit einer aufklärerischen Rhetorik durch die Lande und erklärten alle Wahrheit für subjektiv. Über die Götter könne man keine Aussagen treffen, da es über sie an Erkenntnis fehle.
Bis es in der Epoche der Aufklärung in Europa wieder zu ähnlichen, vernunftgeleiteten Aussagen über die Religion kam, mussten zweitausend Jahre vergehen. Viele neuzeitliche Religions- und Kirchenkritiker konnten und können sich jedoch von ihrem Gegenstand nicht lösen, bleiben an der Oberfläche, kritisieren nur Symptome. Karl Marx wirft seinem Kollegen Bruno Bauer vor, trotz aller Kritik, zwar in negativer Weise, aber immer noch auf die Religion fixiert zu sein. Voltaire, Kant, Hegel u.a. stehen zwar der Institution Kirche und ihrem verbreiteten Aberglauben kritisch gegenüber, entdecken aber zugleich positive, erhaltenswerte, vernünftige und instrumentalisierbare Aspekte im Christentum.
Eine bislang unerreichte, tiefschürfende und wegweisende Kritik der Religion hat ein anderer abgeliefert: Ludwig Andreas Feuerbach (1804-1872).
Der Mensch sei nicht Geschöpf irgendeines Gottes, sondern Gott ein Produkt des menschlichen Geistes; Religion, die Hingabe an ein Scheinwesen, also fehlgeleitete Vernunft.
Feuerbach entlarvt die Religion als Projektion des Menschen, der mit seiner Sterblichkeit nicht zurecht komme. Gott als Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Unendlichkeit. Hinter der Inkarnation Gottes verberge sich der verkehrte Wunsch des Menschen unsterblich zu werden.
Religiöses Bewusstsein gehört für ihn noch ins Kindheitsstadium der Menschheitsentwicklung. Die notwendige Aufdeckung des «religiösen Verblendungszusammenhangs» hoffte er, mache den Gottesglauben tendenziell überflüssig.
Gott sei nur der an den Himmel projizierte Selbstausdruck des endlichen Selbstbewusstseins, das sich Unendlichkeit ersehne. Mit der Vorstellung Gottes stelle der Mensch sich sein eigenes Wesen gegenüber, mache es sich als Objekt seiner Sehnsucht gegenständlich anschaulich.
Die Inkarnation – Gott wird endlicher Mensch – sei eigentlich nicht anderes als der verkehrte Wunsch des Menschen, unendlich und unsterblich – wie Gott – zu werden. Feuerbach griff dabei die Kritik Epikurs am Anthropomorphismus der Religion auf.
Nur durch Anerkennung seiner Endlichkeit werde der Mensch zur wahren Menschlichkeit fähig.
«Der Mensch bejaht in Gott, was er an sich selbst verneint ... Und so setzt denn auch wirklich die Religion alles, was sie mit Bewußtsein verneint ... unbewußt wieder in Gott. So verneint der Mensch in der Religion seine Vernunft, ... er kann nur glauben, was Gott ihm geoffenbart hat. Aber dafür sind die Gedanken Gottes menschliche, irdische Gedanken, ... Kurz, der Mensch verneint Gott gegenüber sein Wissen, sein Denken, um in Gott sein Wissen, sein Denken zu setzen.»
Die Menschen beteten nur ihre eigenen, von sich selbst abgezogenen, nach außen verlagerten und in ein exklusives Wesen vereinigten, potentiellen, unendlichen Fähigkeiten an.
«Bodenlos ist die menschliche Unwissenheit und grenzenlos die menschliche Einbildungskraft; die Naturmacht, durch die Unwissenheit ihres Bodens und durch die Phantasie ihrer Schranken beraubt, ist die göttliche Allmacht.»

Friedrich E.