ISRAEL/ANTISEMITISMUSAntizionismus, Israel und die deutsche Linke

Der notwendige Ausgangspunkt, um von einer Linken zu sprechen, welche sich unterscheidet von der Unzahl an Politvereinen und –cliquen, die eine sich pluralistisch gebende Demokratie ausmachen, ist, dass diese Linke zum Ausgangspunkt für alle ihre Überlegungen und Handlungen den Anspruch macht, es geht ihr ums Ganze. Das Ziel dieser Linken muss die bewusste und vollständige Abschaffung der gegenwärtigen Gesellschaft sein, um eine radikal neue Form des Zusammenlebens von Menschen herbeizuführen. Bescheidenheit ist keine Zier, es geht um die Befreiung aller durch die Befreiung der Einzelnen, darum, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Reformismus und Kompromisse sind damit nicht zu vereinbaren, allerhöchstens zuweilen als bewusst eingesetzte taktische Mittel.
Um dieses unhintergehbare Ziel zu erreichen, ist es notwendig, die bestehende kapitalistische Gesellschaftsform zu begreifen und an dieser selbst zu zeigen, dass man ihre Abschaffung nicht nur für unbedingt nötig, sondern auch für möglich hält. Was auch heißt, zeigen zu können, dass es für die in ihr lebenden Menschen im Prinzip einsehbar ist, dass die Abschaffung aller gegenwärtigen Verhältnisse in ihrem ureigensten Interesse liegt.
Soweit befindet man sich ungefähr auf dem Reflexionsniveau, das schon Ende des 19. Jahrhunderts etwa von der Internationalen Arbeiterassoziation als Organisation oder von Karl Marx als Individuum erreicht war und von dem ausgehend die Linke verschiedene Zerfallsstadien durchgemacht hat, etwa die Sozialdemokratie oder den Realsozialismus.
Jedoch lässt sich heute nicht mehr umstandslos an das von Marx und anderen Erreichte anknüpfen, die Ausgangslage für Linke – nachdem die von Anarchisten und Kommunisten angestrebten Projekte samt und sonders gescheitert sind („gescheitert worden sind“ wäre freilich angesichts des Geschichtsverlaufs die angemessenere Formulierung) - ist eine andere. Mit dem Nationalsozialismus, genauer mit dem von den Deutschen an den europäischen Juden vollstreckten Holocaust, hat sich gezeigt, dass der von Kommunisten und Anarchisten vertretene Optimismus, die Abschaffung des Kapitalismus sei gewissermaßen eine geschichtliche Naturnotwendigkeit, also nur eine Frage der Zeit, verfehlt war. Statt dem Reich der Freiheit, dem Paradies auf Erden, wurde von den zur antisemitischen Volksgemeinschaft zusammengeschlossenen Deutschen die Hölle auf Erden bereitet. Statt zu einer emanzipatorischen Revolution ließen sich die Deutschen zu einer nationalsozialistischen mobilisieren, zu einer Revolution der Vernichtung. Dieses Ereignis ist insofern singulär, da es ein Verbrechen, eine Barbarei von völlig neuer Qualität in der Geschichte darstellte. So wie der Kapitalismus durch seine unvergleichliche Produktivität und seine gewaltsame Beseitigung aller vormodernen Herrschaftsformen unabsichtlich zumindest theoretisch die Basis bereitstellt für seine Überwindung hin zu einer Gesellschaft ohne Not, Herrschaft und Ausbeutung, so hat er mit Auschwitz gezeigt, dass aus ihm auch das genaue Gegenteil entspringen kann.
Die einzig vernünftige Konsequenz aus diesem Menschheitsverbrechen – die emanzipatorische Abschaffung des Kapitalismus, damit Auschwitz sich nicht wiederhole – wurde von den Menschen nicht gezogen. Stattdessen kam es nur zu zwei höchst unzureichenden, nichtsdestoweniger aber verteidigenswerten Folgen: die Besetzung und Teilung Deutschlands und die Gründung von Israel. Ersteres zu verteidigen bedeutete, den Deutschen die Möglichkeit der Wiederholung ihrer Taten zu nehmen, zweiteres zu verteidigen bedeutet, den Opfern der Deutschen die Möglichkeit zu geben, sich künftig vor antisemitischen Häschern selbst zu schützen. Ersteres wurde 1990 rückgängig gemacht, zweiteres – die Existenz eines jüdischen Staates – ist in ständiger Gefahr, ausgelöscht zu werden.

Als das nationalsozialistische Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte, war dies eine siegreiche Niederlage, das vorrangige Ziel der Nazis, die Vernichtung mindestens des europäischen Judentums, war nahezu vollständig erreicht worden. Der zunehmend eliminatorische Antisemitismus, der seinen Kulminationspunkt in den Vernichtungslagern der Deutschen und in den bis zur buchstäblich letzten Minute durchgeführten Todesmärschen gefunden hatte, machte auf tragische Weise deutlich, wie recht die Skeptiker und Zweifler in Sachen Assimilation unter den Juden, die Zionisten, mit ihrer Auffassung gehabt hatten, eine Lösung der „Antisemitenfrage“ könne nur durch einen eigenen jüdischen Staat erreicht werden, mit eigener Armee, die stark genug wäre, um sich gegen antisemitische Mordbanden zu verteidigen.
Schon 1896 schrieb Theodor Herzl: „Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen ... Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwengliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger ... Wenn man uns nur in Ruhe ließe... Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen.“ Bei allen Unzulänglichkeiten Herzls und des Zionismus insgesamt, über die man aus linker Sicht sprechen muss, war Herzls Schrift doch ein fundamentaler Bruch mit der bis dato unter den Juden vorherrschenden Haltung des bloß passiven Erduldens allen Leids und des Hoffens auf die einstige Erlösung durch den Messias. Die Zionisten hatten erkannt, dass sie weder durch Konversion zum Christentum noch durch gesteigerte anderweitige Anpassungsbemühungen dem insbesondere in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, vor allem in Frankreich, virulenten Judenhass entgehen konnten, und dass die Gleichberechtigung der Juden, wo sie – wie beispielsweise im Zuge der Französischen Revolution – erklärt wurde, immer nur die vorübergehende Ausnahme von der Regel war, die Diskriminierung, Verfolgung und letztendlich Vernichtung bedeutete.
Die zionistische Idee war jedoch auch unter Juden nicht unumstritten. Setzten einerseits Teile vor allem der wohlhabenden Mittelschicht auch weiterhin auf eine vielleicht doch noch gelingende Eingliederung in den jeweiligen Ländern, so blickten andere, stark sozialistisch geprägte Gruppen und Einzelpersonen, hoffnungsvoll auf die Geschehnisse im vorrevolutionären Russland und erwarteten die kommunistische Weltrevolution, die mit dem Antisemitismus ein für alle Mal Schluss machen würde. Beide Auffassungen sollte sich als fatale Irrtümer herausstellen, und es scheint eine Konstante in der jüdischen Geschichte zu sein, dass immer diejenigen Recht behielten, die die zukünftigen Entwicklungen am schwärzesten malten.
Gemäß Herzls Vorgaben wurden schon bald nach Erscheinen seines Buches mit der „Society of Jews“ und der „Jewish Company“ die beiden Organisationen geschaffen, die das Projekt der Errichtung eines eigenen Staates organisieren und durchführen sollten.
Israel als jüdischer Staat, der Schutz vor antisemitischer Verfolgung bieten konnte, wurde jedoch zu spät erst Realität, die alles übergreifende, Klassenunterschiede negierende, eliminatorische Volksgemeinschaft der Deutschen und ihre Hilfsvölker waren den Juden zuvor gekommen.

Nach der gewaltsamen und verlustreichen Niederschlagung der deutschen Volksfront kam in Deutschland das große Schweigen, niemand wollte etwas gewusst, niemand sich an den Verbrechen beteiligt oder von ihnen profitiert haben. Dass es eine Stunde Null, also einen vollständigen Bruch mit dem Nationalsozialismus, niemals gegeben hat, belegen nicht nur die Lebensläufe der vielen hohen Nazifunktionäre, die ihre Karriere nach 1945 nicht einmal für kurze Zeit unterbrechen mussten, sondern auch eine Umfrage unter den Deutschen, die im August `49 unter den Befragten auf 23% bekennende Antisemiten kam, eine Zahl, die in der Folge rasch steigen sollte. Die für deutsche Verhältnisse relativ geringe Anzahl der Bekenner 1949 lässt sich wohl auch darauf zurückführen, dass den Antisemiten die allzu offene Artikulation ihres Wahns und anschließendes zur Tat Schreiten wenn schon nicht genommen, so doch erheblich erschwert war. Zum einen, weil offene antijüdische Hetze jetzt einen Straftatbestand darstellte, zum anderen aber auch, weil schon zu dieser Zeit die Weitsichtigeren unter den Volksgenossen erkannt hatten, dass die Leugnung deutscher Schuld und eine allzu aggressive Erinnerungsabwehr in Verbindung mit dem weiterhin latenten Antisemitismus in der Bevölkerung notwendig das Misstrauen des Auslandes aufrechterhalten und damit für die „Normalisierungsbemühungen“ Deutschlands geradezu kontraproduktiv wirken musste. Deshalb brach das kollektive Beschweigen der Vernichtung, mit dem die Deutschen ihre Volksgemeinschaft über `45 hinaus gerettet hatten, zumindest unter den gesellschaftlichen Eliten auf und es begann eine Phase der offiziellen Läuterung und eines demonstrativ zur Schau gestellten Philosemitismus.
Studentische Gruppen schlossen sich bald an und es gab in den 50er Jahren kaum eine studentische Vereinigung, die nicht Kontakt zu israelischen Gruppen hielt, Solidaritätsreisen unternahm und die Zustände in den israelischen Kibuzzim idealisierte. Dieser Philosemitismus aber war von Anfang an entweder hilflos oder aber geprägt vom Bemühen, der Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Geschichte und deren Fortdauern in der Nachkriegszeit zu entgehen, von einem , wie es Thomas Haury genannt hat, „aggressiven Bedürfnis nach Exkulpation der Nation“. Dies gelang um so leichter, als die Deutschen durch die baldige Aufnahme in den Westen, in die von den USA angeführte breite Front gegen die Sowjetunion, den Eindruck haben konnten, da weiter machen zu dürfen, wo sie aufgehört hatten. Der Antisemitismus ist ja auch oder sogar vor allem der Kampf gegen jede irgendwo gewitterte Form von Emanzipation und somit oft einhergehend mit einem militanten Antikommunismus. Die Deutschen konnten sogar das Gefühl haben, es bei ihren Taten zwar etwas übertrieben zu haben, aber letztlich doch im Recht gewesen zu sein, wo doch der Großteil der westlichen Welt sich ebenso den Untergang der Sowjetunion zum Ziel gesetzt hatte.
Die USA unterlagen dabei offensichtlich einem groben Missverständnis, was die Aufrichtigkeit und Lernfähigkeit der Deutschen betrifft. Allmählich wird ihnen dieses Missverständnis wohl bewusst.
Jedenfalls war der bürgerliche Philosemitismus der unmittelbaren Nachkriegszeit zum einen aufgezwungen, und zum anderen durch und durch reaktionär. Er speiste sich zum einen aus der von den USA für Israel tatsächlich vorgesehenen Rolle als „Bollwerk gegen den Kommunismus“ im Nahen Osten und zum andern aus den – vor allem von Zionisten – immer wieder und vor allem in Israel unternommenen Versuchen, die antisemitischen Projektionen zu widerlegen: so konnten die Deutschen neidvoll auf Israel blicken und ein wahrhaft einiges, bienenfleißiges und militärisch bewundernswert starkes Volk entdecken, das in dieser Projektion alles vereinte, was den Deutschen durch den Sieg der Alliierten abhanden gekommen war.
Zudem war die plötzlich zur Schau gestellte Freundlichkeit Israel gegenüber erheblich motiviert durch die Systemopposition zur DDR und deren pro-arabischer Außenpolitik. Immer jedoch stand die angestrebte Wiedergutwerdung der Nation im Vordergrund, geleitet von der Erkenntnis, dass nur das – allerdings folgenlos bleiben müssende – Eingeständnis der eigenen Schuld die „Ausweglosigkeit eines deutschen Nationalismus nach Auschwitz“, wie es Wolfgang Pohrt genannt hat, überwinden helfen könne. Dies galt selbst noch nach der Wiedervereinigung, als sich die BRD längst von ihrem philosemitischen Habitus befreit hatte. Im Zusammenhang mit der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht `41 - `44“ formulierte etwa die „Zeit“ 2001 erstaunlich offen: „Je eher wir bereit sind, unsere Schuld an den Verbrechen anzunehmen, um so eher können wir ein halbes Jahrhundert nach Hitlers Krieg (!) wieder aufrecht in der Reihe der Völker mitmarschieren.“
Max Horkheimer skizzierte diese Entwicklung bereits in den 60er Jahren: „Rache ist die Seele nationalistischer Siege, und angesichts der Entnazifizierung braucht man nicht erst eine Dolchstoßlegende aufzutun. Jetzt machen wir noch in Kollektivschuld und Freundschaft mit Israel, aber einmal muss auch das ein Ende haben. Bald ziehen wir den Schlussstrich.“
Deutschland hat seit der Wiedervereinigung eine geradezu beispiellose Entwicklung hin zur erneuten Weltmacht vollzogen, die dabei ist, auf die Krisen des Kapitalismus wieder deutsche Antworten zu geben. Und die typisch deutsche – wenn auch freilich nicht nur auf Deutsche beschränkte – Antwort auf kapitalistische Krisen ist das widersinnige und für die Welt verhängnisvolle Streben nach einer moralischen, sozialen, gesunden, krisenfreien Gesellschaft, ohne dabei die Grundfesten des Kapitalismus auch nur anzutasten. Die deutsche Sozialdemokratie eben. Als Gerhard Schröder 2002 noch etwas zu laut über ein mögliches Engagement deutscher Soldaten in Israel nachdachte, war es wohl noch zu früh, die Richtung aber klar. Deutsche Geschichte wird erst dann endgültig ad acta gelegt werden können, wenn deutsche Soldaten in Israel stehen. Die Aversion gegen die „Instrumentalisierung unserer Schande“ vermittels der „Moralkeule Auschwitz“ (beides Martin Walser) geht heute einher mit der Finanzierung des palästinensischen Terrors durch deutsche und europäische Behörden, mit einer kaltblütigen Indifferenz angesichts blutiger Anschläge in Cafes und Bussen und mit der fortwährenden Ermahnung an die Adresse Israels, den Bogen nur nicht zu überspannen.
Finanzielle, politische oder publizistische Schützenhilfe könne von deutscher Seite heute nahezu alle erklärten Feinde Israels erwarten. Und nicht selten tut sich dabei insbesondere die deutsche Linke hervor.

Der seit langem und bis heute in der bundesdeutschen Linken verbreitete Antizionismus basiert im wesentlichen auf einer nie geleisteten Kritik an der traditionellen Arbeiterbewegung und an der Vergesellschaftungsform der Sowjetunion. Deren antiimperialistisches und antizionistisches Weltbild wurde vielmehr einfach unreflektiert übernommen. Was an Lenins Kritik des Zionismus als bürgerlich-jüdischem Nationalismus noch richtig war – Lenin erwartete schließlich die sozialistische Weltrevolution und hegte dementsprechend für die Gründung weiterer Nationalstaaten mit eigenen Armeen wenig Sympathien – musste sich nach dem Scheitern der Weltrevolution schließlich unter Stalin in eine gefährliche Ideologie verwandeln, die dabei auch ihren antisemitischen Charakter gewann. So übernahm die Sowjetunion schon bald nach dem zweiten Weltkrieg die führende Rolle in der antizionistischen Propaganda. Ihr damit verbundenes Interesse an den arabischen Staaten, für die die Judenfeindschaft das übergreifende Konstrukt zur Erlangung und Aufrechterhaltung inner- wie zwischenstaatlicher Einheit darstellte, war jedoch anfangs eher machtpolitisch orientiert und erinnerte die dortigen „nationalen Befreiungsbewegungen“ auf manchmal durchaus imperialistische Art und Weise daran, dass vor dem „Nationalen“ und allem anderen das „Internationalistische“ und also durchaus das „Sozialistische“ zu stehen habe. Damit wurden die bösen Geister, die man zwar nicht unbedingt gerufen, aber doch für mit dem Sozialismus kompatibel erklärt hatte, noch in der Flasche gehalten.
Schon bald aber wurden die antisemitischen Untertöne lauter und es kam bereits Ende der 40er Jahre zu ersten Kampagnen zunächst gegen „Intellektualismus“ und „vaterlandslosen Kosmopolitismus“, später dann ganz offen gegen Zionismus. Die Mehrheit der Angeklagten in den nun folgenden Schauprozessen waren Juden, denen vorgeworfen wurde, unter dem Deckmantel des Zionismus in allerlei dunkle, undurchsichtige und vor allem staatsfeindliche Machenschaften verwickelt zu sein. Hier zeigten sich auch schnell die offen antisemitischen Konnotationen des sowjetischen Antizionismus, denn dem Antisemiten gilt die zersetzende und staatsfeindliche Tätigkeit der Juden als ausgemacht.
Im Rahmen des Slansky-Prozesses 1951/52 in Prag kursierten bereits wüste Theorien über die „jüdisch-zionistische Weltverschwörung“, wie etwa die, Israel sei nur gegründet worden, um von einem geheimen Militärstützpunkt in Haifa aus zum vernichtenden Schlag gegen die Sowjetunion auszuholen. Der Zionismus wurde also gewissermaßen als der militante Arm jüdischer Bemühungen um die Weltherrschaft aufgefasst.
Die Entwicklungen in der Sowjetunion nach dem zweiten Weltkrieg zeigen nicht nur die weitgehende Kongruenz des antisemitischen mit dem antizionistischen Weltbild, sondern offenbaren auch, dass der Antizionismus exakt die Form des Judenhasses ist, die dieser nach Auschwitz notwendig annehmen musste. Während nämlich der Antisemitismus im Ostblock offiziell verpönt und seine allzu offene Artikulation verboten war, wurde der mit teilweise bis zur Deckungsgleichheit selben Argumentationsmustern hantierende Antizionismus zur Staatsdoktrin erhoben.
Gleiches galt für die DDR: zwar hatte hier eine erheblich weitergehende Entnazifizierung stattgefunden als im Westen, aber ebenso keine Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der Ursachen des Holocaust. Der wesentliche Grund dafür war die im gesamten Ostblock und in der traditionellen Arbeiterbewegung dominante, eindeutig untaugliche Faschismusanalyse Dimitroffs, der gemäß der Faschismus „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ sei. Der Nationalsozialismus galt dementsprechend auch eher als eine Art Verschwörung der Bourgeoisie gegen die Arbeiterschaft, um diese zu schwächen, als Manipulation der Herrschenden. Die massenhafte Begeisterung der Deutschen aus allen Klassen und Schichten für den NS passte nicht zu dieser Interpretation und wurde schlicht geleugnet. Antisemitismus galt als normaler Rassismus unter vielen anderen Formen, und weil in der DDR ja das Großkapital verstaatlicht war, konnte es keinen Faschismus und also auch keinen Antisemitismus geben.
Auschwitz als „das Telos des Nationalsozialismus“ (ISF), die deutsche Volksgemeinschaft als tatsächlich „klassenlose Klassengesellschaft“ (Adorno), als in der Sache des Judenmords durch und durch einiges Kollektiv, war so überhaupt nicht denkbar und deshalb zu keinem Zeitpunkt Thema. Nur vor diesem Hintergrund konnte einerseits der Antisemitismus als überwunden dargestellt, andererseits gegen Israel als „Brückenkopf des Imperialismus“ gehetzt werden, und dies alles in Verbindung mit der prinzipiellen Ablehnung von Wiedergutmachungszahlungen seitens der DDR. Diese Ablehnung wurde damit begründet, dass die Gelder ja schließlich nicht den überlebenden Juden zu gute kommen würden, sondern dem Imperialismus und allen voran den USA, (wo die Juden ja bekanntlich sitzen und die Fäden ziehen.)
In Anlehnung an die Vorgaben der Sowjetunion gab es auch seitens der DDR zum einen eine explizit pro-arabische Haltung bis hin zu Waffenlieferungen in den 70ern, auf der anderen Seite keine Kritik an deren antisemitischem Grundverständnis.
Der Großteil der deutschen Linken hat den Antizionismus zusammen mit dem Antiimperialismus einfach aus der Sowjetunion übernommen und beides, bis auf wenige marginalisierte Ausnahmen wie etwa die Kritische Theorie, niemals kritisiert. Er hat die Tatsache, dass der Antizionismus die Form des Antisemitismus ist, die nach Auschwitz geboten war, nicht nur nicht erkannt, sondern das antizionistische Weltbild zum integralen Bestandteil des eigenen Politikverständnisses erhoben.

Teile der deutschen Linken trugen den offiziellen Philosemitismus gewisse Zeit – wenn auch aus anderen Gründen – mit. Neben einer auch hier vorhandenen unreflektierten Begeisterung für die Aufbauleistungen des neuen Staates und den Pioniergeist bei der Besiedelung und Urbarmachung öder Landstriche, schien hier aber auch schlechtes Gewissen und Mitleid, mithin: Moral prägend. Die Juden wurden zum bedauernswerten Objekt, über dessen Leid man betroffen redete, jedoch nur so lange, wie sich die Juden auch als opferbereit und wehrlos erwiesen.
Da diesen Linken zum Thema Israel meistens nur sechs Millionen tote Juden aus der Vergangenheit einfielen und sie das Fortleben eines eliminatorischen Antisemitismus überhaupt nicht sahen, mithin Auschwitz nicht mal ansatzweise begriffen hatten, vor allem nie als Aktualität, musste sich diese Haltung sofort ändern, als Israel 1967 im 6-Tage-Krieg vom bemitleidenswerten Objekt linksdeutscher Projektionen zum selbstbewussten, militärisch starken Staat wurde und die Springerpresse den Sieg gegen die Übermacht der arabischen Staaten und deren offen artikulierte Vernichtungsdrohung euphorisch als „Blitzkrieg“ feierte. Während sich das offizielle Deutschland beinahe hämisch freute, dass Israel nun in den Reigen der ganz „normalen“ Nationalstaaten aufgenommen sei, dass Israel wie andere Staaten schon mal Krieg führt und eben darum – ebenso wie Deutschland – auch Dreck am Stecken habe, dass Israel mithin seinen Sonderstatus nun endgültig verloren habe, ging die 68er-Linke noch einen Schritt weiter: die anfängliche Solidarisierung mit den arabischen Staaten und vor allem den Palästinensern wuchs sich zur Begeisterung für deren Kampf gegen Israel aus, insbesondere weil die PLO fortan auf eine durchaus antiimperialistische und sozialrevolutionäre Rhetorik setzte. Zeitgleich mit dem Auftauchen von Plakaten mit vermummten palästinensischen „Heldenfiguren“ auf linken Demonstrationen wird Israel in der Diktion der radikalen Linken zum faschistischen Staat und zum „chauvinistischen und rassistischen Staatengebilde“ (SDS Heidelberg als pars pro toto für die 68er). Diese Haltung, die sich auch nicht scheute, die zutiefst deutsche Propaganda von der „Notwehr der Völker gegen US-Imperialismus und Weltzionismus“ zu übernehmen, war geprägt von einer zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber dem in allen arabischen Staaten mehr oder weniger offen artikulierten Ziel der Vernichtung Israels.
Verstärkt finden sich nun in Flugblättern und auf Transparenten die für den Antizionismus so kennzeichnenden Vergleiche der israelischen Regierungspolitik mit dem Nationalsozialismus. So betreibe, wie es die Zeitschrift „Arbeiterkampf“ formulierte, Israel die „Endlösung der Palästinenserfrage“ und entlarve sich darin als „Wiedergänger Hitlers“.
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die antiisraelische Hetze in der BRD in der 70ern, als nicht wenige – und in etlichen Fällen ließ sich tatsächlich schwer sagen, ob die Akteure nun aus rechten, linken oder arabischen Gruppen stammten – ihrem Hass Taten folgen ließen: zahlreiche Anschläge auf jüdische Friedhöfe oder Synagogen waren die Folge. Die Ereignisse 1972 in München, als ein palästinensisches Kommando „Schwarzer September“ die Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft als Geiseln nahm und später exekutierte, riefen innerhalb der radikalen Linken keineswegs Empörung und Abscheu hervor. Ulrike Meinhof etwa bezeichnete das Attentat als legitimen antiimperialistischen Akt. Auch die Selektion jüdischer Passagiere bei der Flugzeugentführung nach Entebbe 1976 durch ein RZ-Kommando und einige Palästinenser erzeugte eher Begeisterung, mindestens aber Verständnis.
Der arabische Antizionismus, der insbesondere seit den Niederlagen gegen Israel 1956 und `67 seinen wahren antisemitischen Kern offenbarte und sich bis heute nicht nur in der finanziellen Unterstützung von Terrorgruppen, sondern auch in der Leugnung des Holocaust in staatlichen oder halbstaatlichen Medien äußert, war und ist den propalästinensischen Freunden des „Volkskriegs“ kein Anlass zur Kritik.

Grundlage des heutigen Antizionismus ist, wie bereits angedeutet, das seit dem wenig ruhmreichen Untergang der Sowjetunion eigentlich als überwunden geglaubte Welterklärungsmodell des Antiimperialismus, das von der ursprünglich radikalen Kritik zur Wissenschaft des Marxismus-Leninismus verkommene Denken des Realsozialismus, dessen im wesentlichen manichäisches Weltbild sich auszeichnet durch die Negation kapitalistischer Totalität zugunsten einer Reduktion gesellschaftlicher Zusammenhänge auf den Gegensatz zwischen guten Völkern einerseits, und bösen Imperialisten, also Volksfeinden, andererseits. Die Reaktionen innerhalb der Linken auf die Anschläge des 11. September, die von Verständnis bis hin zur Begeisterung für die „gerechte Sache der unterdrückten Völker“ und deren Kampf gegen die vermeintlichen Verursacher des Elends geprägt waren, zeigten ebenso wie die nicht selten geäußerte Feststellung, dass die Yankees schon irgendwie verdient hätten, was ihnen da passiert sei, dass der Antiimperialismus keineswegs die Ächtung innerhalb der Linken erfahren hat, die er verdient hätte. Wer aber den Antiimperialismus als Welterklärung akzeptiert, muss auch Begriffe wie Volk und Vaterland letztlich gutheißen, ist das Ziel der Unterdrückten doch nur, die Besatzer aus „ihrem“ Land zu vertreiben. Solche Begriffe sind aber ebenso wie Staat und Nation nicht ohne Abgrenzung und Feindbestimmung zu haben. Das, was das eigene Selbst, die eigene Identität angeblich ausmache, muss ebenso beständig beschworen werden wie das fundamental Andere. Folgerichtig meinte dann etwa ein Palästinenser auf einer Veranstaltung in Nürnberg, das Abholzen von Olivenbäumen durch israelische Soldaten treffe die Palästinenser in ihrer Identität, und nicht etwa, wie man als Materialist meinen könnte, ein Produktionsmittel.
Der Antiimperialismus offenbart so sein grundsätzliches Versagen in puncto Staatskritik. Wie sonst könnte man sich bei der Forderung nach neuen, auch noch ethnisch definierten, Staaten, wie etwa bei der Forderung nach einem palästinensischen Staat, auch noch revolutionär vorkommen? Dem Antiimperialisten – und mit ihm dem Antizionisten – ist der Staat nicht etwa suspekt, sondern erscheint, sofern er sich als echter Vertreter der Volksinteressen – als „Volksstaat“ – ausgibt, als durchaus nützliche Kategorie und in seiner aus traditionslinker Sicht vollendeten Form, der „Diktatur des Proletariats“, als Vorschein oder gar schon als Vollzug der Revolution. Dies führt dazu, die objektiven Nebenwirkungen staatlicher Vergesellschaftung, die per se gewaltförmig ist und darum unter dem Menschenmaterial Opfer fordert, interessegeleiteten fremden Mächten zuzuschreiben, die die eigentlich glückliche Einheit von Staat und Staatsvolk, dem Gebot des schnöden Mammons folgend, zersetzen. Mit anderen Worten: man erkennt, dass Staatlichkeit Opfer fordert, lastet dies aber nicht dem Staat an sich an, sondern imperialistischen „Besatzungsmächten“.
Der Kampf gegen Fremdherrschaft wird so zur bloßen Ablehnung des Fremden bei gleichzeitiger Affirmation von Herrschaft als solcher. Nicht fremde, sondern eigene, volksnahe Herrscher sollen regieren. Man landet so notwendig beim schon von den Nazis als Grundrecht beschworenen „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, das bereits Ausdruck der fundamentalen Unfähigkeit ist, eine staaten- und klassenlose Gesellschaft überhaupt zu denken. Das mehr noch die Frage, ob eine Organisation von Menschen in Form von Staaten und Völkern überhaupt sein soll, gar nicht zulässt.
In der Betonung der guten Volksstaaten, die sich zu Recht fremder Einflussnahme erwehrten, offenbart sich auch die Sehnsucht der Antiimperialisten nach der Einheit von Volk und Staat. Nicht Grenzniederreißung ist damit ihr Ziel, sondern vielmehr die Aufteilung der Welt in viele möglichst homogene Völker mit ihren jeweils eigenen Staaten. Jedem die Kultur, in die er hineingehört. Aber wo gehört er hin? „Volk“ ist eben nicht, wie uns die antiimperialistischen Volkstumsspezialisten erzählen, etwas natürliches, urwüchsiges, sondern ein Konstrukt, welches erst durch einen politischen Souverän wie den Staat oder halbstaatliche Instanzen, die in der Lage sind, die Grenze zum „Anderen“ zu ziehen, geschaffen wird. „Volk“ ist damit zugleich der Inbegriff der Zwangsentindividualisierung und der gewaltsamen Unterordnung des Einzelnen unter den Begriff eines einheitlichen Kollektivs. Damit ist Volk nicht nur permanente Drohung gegen all jene, die diesem Kollektiv nicht angehören können oder wollen, sondern auch der grundlegendste Gegensatz zum „Verein freier Menschen“, wie Marx den Kommunismus umschrieb.
Aus dem Antiimperialismus heraus erklärt sich auch der Hass der Antizionisten auf Israel, sind doch die Juden seit jeher das „Anti-Volk“ schlechthin, heimatlos, umherirrend. Israel kann daher auch nur der Jude unter den Staaten sein. Das antizionistische Wörterbuch trägt dem Rechnung, indem es von Israel immer als „sogenanntem Staat“ spricht, dass also Israel gar kein richtiger, sondern ein künstlicher Staat sei, weil er über gar kein einheitliches Volk verfüge. Dass Künstlichkeit wohl das beste ist, was man überhaupt über Staaten sagen kann, ist dabei schon untergegangen.
Die Botschaft der Volksfreunde ist damit grundeinfach und geht in der Beurteilung der Situation im Nahen Osten so: Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern kommt letzteren der Part des guten Volkes zu. Die Palästinenser seien eigentlich friedlich, sofern sie nicht zu Notwehrmaßnahmen gezwungen werden, sie sind natürlich, bescheiden, pflegen alte Werte und Traditionen und verzweifeln geradezu an der ihnen zugefügten Entwurzelung.
Israel dagegen, das, weil die Juden schon immer kosmopolitisch und wurzellos waren, gar kein richtiger Staat sein kann, ist rassistisch, imperialistisch, kulturlos und lebt parasitär auf Kosten der Palästinenser, deren Gemeinschaft es zersetzt.
Insbesondere in Deutschland ist Antizionismus daher weit mehr als bloß Kritik am jüdischen Nationalismus und letztlich ohne Antisemitismus nicht zu haben. Würde man nämlich statt Zionismus „jüdischer Nationalismus“ sagen, müsste man auch auf das Wesen von Staat und Nation zu sprechen kommen. Man müsste erkennen, dass gerade Staatlichkeit in ihrem Bestreben, Einheit im Inneren durch Abgrenzung gegenüber dem Fremden herzustellen, immer wieder und in nahezu allen Ländern der Welt zu antisemitischen Strömungen geführt hat und führt. Schon deshalb verbietet sich eine rein historische Betrachtung von Zionismus und Antizionismus. Das traurige Paradoxon des Zionismus besteht darin, dass er, solange es auf der Welt Staaten gibt, auf der jüdischen Emanzipation durch einen eigenen Staat bestehen muss. Eine Kritik des Staates führt so notwendig zur Kritik auch des Antisemitismus. Weil wir Staatskritiker sind, sind wir solidarisch mit Israel.

Weist man Antizionisten auf den antisemitischen Gehalt ihres Weltbildes hin, bekommt man meist zur Verteidigung eine ganze Reihe antisemitischer Klischees angeboten, wie etwa, dass man ja gar nichts gegen Juden habe, aber Israel müsse man doch noch kritisieren dürfen. Die beständig und gegen jede Evidenz vorgebrachte Klage, Kritik an Israel sei irgendwie verboten – ganz so, als fühlte sich nicht jeder gute Deutsche ständig dazu bemüßigt, ganz so auch, als wäre diese nicht in sämtlichen Medien von rechts bis links immer wieder präsent – diese Klage reproduziert offensiv die antisemitische Lüge von der ungeheueren Macht der Juden und ihrer Anhänger über die Presse und somit über die gesamte öffentliche Meinung. Sie verstärkt das Gefühl der Israelfeinde, Teil eines unterdrückten, gegängelten und zur Notwehr geradezu gezwungenen Kollektivs zu sein.
Erschreckend ist aber auch die völlige Verkennung oder mindestens die Gleichgültigkeit gegenüber dem Charakter des Antisemitismus. Auschwitz als Mission des Nationalsozialismus und als das fürchterliche Ende, auf das der Antisemitismus mit einer gewissen Konsequenz zusteuerte und dies auch heute noch tut, ist den Antizionisten nicht der Rede Wert. Weil ihnen der Judenhass entweder als eine Sache der Nazis gilt, oder als geschickte Manipulation der Herrschenden, um die Arbeiter vom Klassenkampf abzulenken, oder als ein Rassismus unter vielen, können Linke demnach gar keine Antisemiten sein. Weil sie den Antisemitismus zudem höchstens als deutsches oder europäisches Phänomen auffassen, und nicht etwa als Resultat kapitalistischer Vergesellschaftungsform, können in ihren Augen die Palästinenser auch gar nichts damit zu tun haben, ganz so, als wäre der Antisemitismus nicht ebenso global wie die Wertvergesellschaftung auch.
Der Antisemitismus drängt zur Vernichtung, und zwar überall dort besonders stark, wo sich die Menschen entschließen, nicht freie Menschen sein zu wollen, sondern Volksgenossen, also fast überall. Deutschland hat in dieser Hinsicht eine Art historische Vorreiterrolle übernommen, das Prinzip selbst ist längst exterritorialisiert. Heute steht Israel im Nahen Osten eines der aggressivsten antisemitischen Kollektive weltweit gegenüber, das ob des Versagens bestimmter Teile der Linken sich nicht nur der Unterstützung Deutschlands, der EU oder der UNO sicher sein kann, sondern auch noch auf die Solidarität eben dieser „Linken“ zählen kann. Dabei ist Israel – und wer dies bestreitet, hat von Kritik an bürgerlicher Staatlichkeit und an der Staatsform überhaupt nicht das geringste verstanden – der einzige Staat der Welt, der Legitimität für sich beanspruchen kann. Israel ist eben nicht nur das Resultat der Ermordung von sechs Millionen Juden, es ist auch die Konsequenz aus dem Scheitern und dem Verrat des bürgerlichen wie des kommunistischen Glücksversprechens. Es ist Mahnung, dass gesellschaftliche Zustände, in denen sich so etwas wie Auschwitz nicht mehr wiederholen kann, längst nicht geschaffen sind, weil die Verhältnisse, die dazu führten, sowohl im Allgemeinen – Staat und Kapital – als auch im Besonderen – Deutschland und ihm nacheifernde Kollektive – nach wie vor bestehen. Weil Israel somit für die ganze Wahrheit über Deutschland und das, was deutsch ist – und das sind nicht immer nur die Deutschen! – steht, ist es schon deshalb ein Hindernis für die vollständige Entsorgung deutscher Geschichte. Weil es, schon im Interesse der Selbsterhaltung, notwendig gegen jede Form negativer Krisenbewältigungsstrategien sich wenden muss, erhält es unfreiwillig mindestens in der Region militant die Idee des bürgerlichen Glücksversprechens und damit auch die Idee des Kommunismus.
Gerade in der Abwehr der von den Islamisten propagierten und in Deutschland meist herzlich aufgenommenen Idee einer negativen und erzwungenen Einheit, gerade in der Betonung des größtmöglichen Glücks der größtmöglichen Zahl (nur am Rande, weil es für jedes Beispiel immer auch ein Gegenbeispiel gibt: hinsichtlich etwa der Gleichberechtigung von Homosexuellen ist Israel eines der fortschrittlichsten Länder der Welt.) ist Israel heute näher an der Idee des Kommunismus dran als der Großteil derjenigen Linken, die sich so sehr gegen Künstlichkeit wehren und sich echte, naturwüchsige, verwurzelte Völker im Kampf gegen das Böse ersehnen. Damit ist Israel zwar nicht das neue Vaterland des Kommunismus, sein Handeln aber mindestens im praktischen Sinne antifaschistisch.

Dabei ist Israel selbstverständlich ein bürgerlich-kapitalistischer Staat mit allen Widerwärtigkeiten, die staatliche Vergesellschaftung eben so ausmachen. Gerade die Konstitution eines bürgerlichen Staates aus dem Nichts binnen kürzester Zeit, der Vollzug einer quasi „ursprünglichen Akkumulation“ (Marx) – das alles dauerte in Europa immerhin etwa 200 Jahre! – ging zweifelsohne auf Kosten auch der palästinensischen Bevölkerung. Das Dilemma liegt in der Notwendigkeit, mit der der Zionismus ein jüdisches Volk konstruieren und einen eigenen bürgerlich-kapitalistischen Staat fordern musste, der sich in seiner selbstbewussten Form, dem Nationalismus allerdings nicht schlimmer verhält, als das Nationalstaaten eben tun. Die Tatsache, dass es gerade Staat und Kapital sind, die den Antisemitismus mit einer gewissen Konsequenz erzeugen, muss dem heutigen israelischen Nationalisten ebenso unbegreiflich erscheinen wie dem Zionisten des 19. oder 20. Jahrhunderts. Aber, und dies gibt den Zionisten Recht: die Erkenntnis dieses Zusammenhangs hätte den Juden damals ebenso wenig genützt, wie sie den heutigen Opfern palästinensischer Selbstmordanschläge hilfreich ist.
Richtig ist: eine Emanzipation, die mehr ist als die bloß negative Emanzipation von den Vernichtungssehnsüchten der Antisemiten (was aber immerhin eine Frage des Überlebens ist), eine Emanzipation also im kommunistischen Sinn, ist über den Zionismus, weil er sich als nationale Befreiung sieht und also den Staat voraussetzt, nicht zu haben. Richtig ist aber auch: der Versuch, der Verfolgung mittels eines eigenen Staates zu entgehen, ist erstens in einer staatlich verfassten Welt das Naheliegendste und zweitens, weil die Juden nach wie vor weltweit ins Visier von Staatsbürgerkollektiven und solchen, die es werden wollen, geraten, nach Lage der Dinge die einzig vorläufig angemessene Reaktion, und dies mindestens solange, als bis die staaten- und klassenlose Gesellschaft von einer von rechts bis links erniedrigten Utopie zur gesellschaftlichen Realität geworden ist.

Zweifellos bilden radikale Antiimperialisten heute nicht mehr die Mehrheit innerhalb der Linken und in vielen Gruppen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Antiimps im Grunde nur Spinner seien. Allerdings kritisiert man auch heute kaum einmal das Weltbild des Antiimperialismus oder stellt sich die Frage, ob die Kategorie des Imperialismus zur Analyse und Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft überhaupt taugt, sondern wendet sich nur von allzu durchgeknallten Aktionen wie der „Spende 10 € für den irakischen Widerstand“- Kampagne ab. Ansonsten entzieht man sich gerne einer Stellungnahme, gibt sich objektiv, lässt mal die eine, mal die andere Seite zu Wort kommen, schwafelt großmütig etwas vom zu gewährenden „Existenzrecht Israels“ und gibt sich wieder einmal erschrocken angesichts sechs Millionen toter Juden. Wie schnell so etwas kippen kann, zeigen nicht zuletzt die Entwicklungen in den 60er und 70er Jahren. Moishe Postone hat betont, dass es keine Linke gab, die vor 1967 so Feuer und Flamme für Israel war und danach so schnell sich auf die Seite der Palästinenser geschlagen hat.
Wer die Solidarität mit Israel nur schwer über die Lippen bekommt, weil man damit ja irgendwie auch Besatzung rechtfertigen würde, der steht eben auf der anderen Seite als der der Emanzipation. Was die Aufklärbarkeit der Linken in Sachen Antizionismus angeht, so ist durchaus Skepsis angebracht. Antizionisten aufzuklären dagegen ist vollkommene Zeitverschwendung. Ebenso wie der Antisemit ist der Antizionist immun gegen Argumente, die Aufklärung scheitert notwendig an seinem durch und durch guten Gewissen, an seiner Überzeugung, unheimlich rebellisch, gar revolutionär zu sein, und an seinem eingebildeten Dasein als Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, die für sich reklamiert, das wahre Wesen Israels entgegen aller jüdischen Propaganda durchschaut zu haben.
Die Solidarität mit Israel und der Kampf gegen Antisemitismus, Antizionismus und völkische Bestrebungen dagegen ist Grundlage einer Linken, die die Idee der freien Assoziation freier Individuen nicht auf ewig begraben will, also einer Linken, der es, wie eingangs erwähnt, noch ums Ganze geht.
Unterhalb der genannten Mindeststandards ist eine weitere Diskussion somit überflüssig.