ISRAEL/ANTISEMITISMUSAntisemitismus und Wertform

Zuvor
Ein wichtiger Strang der Debatte über den Antisemitismus steht im Zusammenhang mit der Theorie des kapitalistischen Systems als durch ?Wertvergesellschaftung" bestimmt. Moishe Postone und Robert Kurz sind zwei wichtige Vertreter einer solchen auf der Wertform beruhenden Theorie des Antisemitismus. Im Folgenden werde ich diese Position anhand des Artikels ?Nationalsozialismus und Antisemitismus" von Moishe Postone präsentieren. Sämtliche Zitate beziehen sich auf die derzeit aktuellste Fassung des Textes: Moishe Postone: Nationalsozialismus und Antisemitismus. In: ders.: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Ca ira Verlag, Freiburg, 2005, S. 165-194. Die ursprüngliche Fassung des Aufsatzes entstand bereits 1979.

Die Mehrheit der Deutschen hatte nach dem Krieg unmittelbar zur Normalität zurückkehren wollen und deshalb ihre Mitwisserschaft an den Verbrechen beharrlich geleugnet. Diese Verdrängungsleistungen der Elterngeneration waren nun zwar zum einen ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der deutschen Linken der 60er und 70er Jahre, allerdings fand nach Postone auch innerhalb dieser Linken kaum eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus statt. Vielmehr konzentrierte man sich wie schon vor dem Krieg weiterhin auf die Geschichte der Arbeiterbewegung und übersah, ?daß diese Geschichte spätestens 1933 zu Ende war."
Weil die Arbeiterbewegung in jedem Fall als positives Identifikationsobjekt erhalten bleiben musste, wurde ihr ein stark antagonistisches Verhältnis zum Nationalsozialismus zugeschrieben, während man das Großkapital, die Polizei oder das Militär als Stützen des Regimes anprangerte. Der Nationalsozialismus wurde also - entgegen dem tatsächlichen geschichtlichen Verlauf - nicht als Massenbewegung wahrgenommen. So konnte man an einem Klassenbe-griff festhalten, der angesichts der massenhaften Begeisterung des Proletariats für die Nazis eigentlich obsolet geworden war. Die besondere Qualität des NS konnte auf diese Weise nicht begriffen werden und so wurde er nicht selten eingemeindet in eine Reihe anderer Verbrechen wie etwa den Vietnamkrieg.
Dieses Dilemma der deutschen Linken wurde offensichtlich in ihrer Haltung zu Israel: ?Keine westliche Linke war vor 1967 in dem Maße philosemitisch und prozionistisch wie sie nach dem Sechs-Tage-Krieg propalästinensisch war." War der Philosemitismus Ausdruck eines diffusen Schuldbewusstseins, so konnte man sich in dem Moment davon befreien, als die Juden nicht mehr schwache Opfer waren. Im Extremfall kamen dann auch erste Vergleiche von Juden und Nazis auf.
Nach Postone ist die Vernichtung der Juden überhaupt nur im Zusammenhang mit dem ganz ?normalen" NS zu verstehen. Sie muss verstanden werden als dessen logischer Kulminationspunkt, nicht als ein Aspekt unter anderen. ?Keine Analyse des NS, die nicht die Vernichtung des europäischen Judentums erklären kann, wird ihm gerecht."
Postone grenzt sich weiterhin ab von Theorien, die den modernen Antisemitismus als bloßes Beispiel für Vorurteile, Fremdenhass und Rassismus behandeln, wobei er als Trennlinie gerade nicht die ?Zahl der Menschen, die ermordet wurden" sieht. Das Spezifische des Holocausts sei also nicht quantitativer sondern qualitativer Natur, denn schließlich gab es in der Geschichte durchaus Massenmorde mit zahlreicheren Opfern.
Diese besondere Qualität des Holocaust bestand nach Postone in drei Aspekten: zunächst in der relativen Emotionslosigkeit der Täter (anders als bei anderen Massenmorden), weiter im Gefühl der Täter, eine historische Mission zu erfüllen und dadurch letztlich die Welt vor dem Verderben zu retten und drittens darin, dass der Holocaust keine andere Funktion hatte außer der Vernichtung selbst: nicht Landgewinnung, nicht Ausbeutung, nicht Zerschlagung von Widerstand. Er war ?sich selbst Zweck - Ausrottung um der Ausrottung willen".
Darüber hinaus war er offensichtlich das primäre Ziel der Nazis: In den letzten Kriegsjahren wurde ein bedeutender Teil des Schienenverkehrs für den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt, statt zur Versorgung der eigenen Frontsoldaten. Zudem mussten einige wichtige Betriebe schließen, weil deren hauptsächlich aus jüdischen Zwangsarbeitern bestehende Belegschaft ermordet wurde. Die Nazis nahmen also offensichtlich Produktionseinbußen bis hin zu einem möglichen Kriegsverlust in Kauf, nur um mit der Vernichtung möglichst schnell voran zu kommen.
Diese Tatsachen könnten durch ?eine funktionalistische Erklärung des Massenmords und eine Sündenbock-Theorie des Antisemitismus nicht einmal im Ansatz" erklärt werden. Auch schon vor dem Nationalsozialismus sei der moderne Antisemitismus dadurch gekennzeichnet gewesen, dass die ?Juden für die geheime Kraft hinter allen Gegnern, ob plutokratischer Kapitalismus oder Sozialismus, gehalten werden". Zudem sei für den modernen Antisemitismus nicht nur sein säkularer Inhalt charakteristisch, sondern auch sein systemartiger Charakter: ?Er beansprucht, die Welt zu erklären."
Im Gegensatz zu anderen, ähnlichen Ansätzen meint Postone, dass der moderne Antisemitismus in den Juden nicht nur die Personifizierung des ?Trägers von Geld" sieht, wie dies im traditionellen Antisemitismus der Fall war, sondern dass vielmehr die gesamte ?rasche Entwicklung des industriellen Kapitalismus durch den Juden personifiziert und mit ihm identifiziert wird". Er wird für ökonomische Krisen verantwortlich gemacht und mit gesellschaftlichen Umstrukturierungen und Umbrüchen identifiziert, die mit der raschen Industrialisierung einhergehen.
Nach Postone kann also der Holocaust nur verstanden werden, wenn man den modernen Antisemitismus versteht. Dieser entstand im 19. Jahrhundert und basierte fraglos auch auf vorhergehenden traditionellen, meist religiös geprägten, antijüdischen Vorurteilen. Doch anders als bei anderen Vorurteilen schreibt der Antisemit den Juden eine ungeheure Macht zu, halluziniert sie als ?Übermenschen", deren Macht zudem nicht fassbar ist, sondern universell, abstrakt, mysteriös. Aufgrund dieser Unfassbarkeit kommen den Juden im antisemitischen Weltbild die unterschiedlichsten Rollen zu: sie können ebenso der fette, Zigarre rauchende Ausbeuter sein wie der gemeine Bolschewist, sie werden verantwortlich gemacht für die negativen Auswirkungen des Kapitalismus ebenso wie für Kommunismus oder auch die Schwächen der Demokratie.
Damit hat Postone den modernen Antisemitismus zunächst von Rassismus und anderen Vorurteilen abgegrenzt. Noch nicht geklärt ist, warum er notwendig mit dem Nationalsozialismus verbunden ist.

Ein deutlicher Hinweis ergibt sich, wenn man die Frage stellt, warum der moderne Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert um sich greift. Es ist dies bekanntlich die Zeit der rücksichtslosen Durchsetzung des modernen Kapitalismus, welcher mit den Juden gleichgesetzt wird. Dabei geht es nun nicht mehr bloß darum, die Juden mit Geldgeschäften und Handel in Verbindung zu bringen, vielmehr werden sie verantwortlich gemacht für sämtliche gesellschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit: Verstädterung, Aufhebung traditioneller Ordnungen, Verelendung, aber auch für die Konstitution einer starken organisierten Arbeiterschaft, welche die etablierte Ordnung bedroht.
Der Kapitalismus war für den Einzelnen zu dieser Zeit bereits so komplex und undurchschaubar geworden, dass die Suche nach den vermeintlichen geheimen Drahtziehern des Ganzen enorme Anziehungskraft auf die Menschen ausübte. Mit anderen Worten: ?Die abstrakte Herrschaft des Kapitals, wie sie besonders mit der raschen Industrialisierung einhergeht, verstrickte die Menschen in das Netz dynamischer Kräfte, die, weil sie nicht durchschaut zu werden vermochten, in Gestalt des ?Internationalen Judentums' wahrgenommen wurden."
Doch damit ist noch lange nicht erklärt, wieso die ?abstrakte Herrschaft des Kapitals" ausgerechnet in den Juden personifiziert wurde.
Postone grenzt sich in diesem Abschnitt von Überlegungen Horkheimers und anderen ab, die meinten, dass die Personalisierungen sich wesentlich auf die Identifizierung der Juden mit dem Geld und damit auf die Zirkulationssphäre beziehen. Diese Theorien seien nicht imstande, ?die antisemitische Vorstellung einzufangen, Juden stünden hinter Sozialdemokratie und Kommunismus".
Andere Ansätze, die den Antisemitismus allgemein als gegen die Moderne gerichtet verstehen, sind zwar zunächst plausibler, haben aber das Problem, dass etwa das moderne Industriekapital oder moderne Technik von den Nazis keineswegs kritisiert oder gar angegriffen wurden. Schließlich konnten die Nationalsozialisten Romantizismus, Blut und Boden und Maschinenbewunderung problemlos vereinigen.
Ein adäquater Ansatz müsste daher in der Lage sein, die Ablehnung bestimmter und zugleich die Affirmation anderer Aspekte der Moderne durch die Nazis in einem erklären zu können.
Nach Postone kann dies gelingen, wenn man differenziert zwischen dem, was der moderne Kapitalismus tatsächlich ist und dem, wie er erscheint, also zwischen Wesen und Erscheinung. Diese Möglichkeit eröffnet sich mit den Marxschen Kategorien von Ware, Wert und Kapital, vor allem aber mit dem Marxschen Fetischbegriff.

Zunächst gilt es festzuhalten, dass diese Marxschen Kategorien keineswegs nur ökonomische sind, sondern gesellschaftliche, insofern sie Formen gesellschaftlicher Verhältnisse darstellen.
Die Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung ist zentral für Marx` Kritik der Politischen Ökonomie. Dies wird zunächst deutlich am von ihm so genannten ?Doppelcharakter" der Ware: sie ist zugleich einerseits Gebrauchsgegenstand, also Verkörperung konkreter Arbeit, und andererseits Ausdruck einer bestimmten Form sozialer Beziehungen, nämlich des Tausches, und hat insofern einen konkreten Gebrauchswert und einen abstrakten Tauschwert.
Während man die einzelne Ware also tatsächlich anfassen und für die Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses benutzen kann, ist sie zugleich Träger von Wert, also von einer abstrakten Bestimmung, die sich einem mit den Mitteln der Sinnlichkeit nicht erschließt. Der Tauschwert ist dabei der eigentliche Wert. Er entsteht auf Grundlage der für die Herstellung des Produktes durchschnittlich notwendigen abstrakten Arbeitszeit und drückt sich aus im Geld. In Wert und Ware ist also eigentlich schon der Gegensatz von abstrakt und konkret enthalten. Mit den Worten Postones:
?Die dem Kapitalismus eigene Form vergegenständlichter gesellschaftlicher Beziehungen erscheint so auf der Ebene der Warenanalyse als Gegensatz zwischen Geld als Abstraktem einerseits und stofflicher Natur (der Ware; Anmerkung von mir) andererseits. Die kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen scheinen ihren Ausdruck nur in der abstrakten Dimension zu finden - etwa als Geld und als äußerliche, abstrakte, allgemeine Gesetze...".
Hier zeigt sich, dass die Marxschen Kategorien keineswegs nur bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse beschreiben, sondern zugleich bestimmte Denkformen. Ein fetischisiertes Denken ist demnach eines, welches ?in den Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Verhältnisse befangen" bleibt. Konkret: Die Ware, welche ja sowohl Gebrauchs- als auch Tauschwert vereint, erscheint, als sei ihre stoffliche, dingliche Form, also der Gebrauchswert, natürlich, während ihre abstrakte Form, ausgedrückt im Geld, als künstlich und unnatürlich wahrgenommen wird. Das Künstliche des Kapitalismus scheint so sich nur im Geld auszudrücken. Dem wird die bestehende, konkrete Seite dann als das ?natürliche' oder ontologisch Menschliche, das vermeintlich außerhalb der Besonderheit kapitalistischer Gesellschaft stehe, positiv entgegengestellt. So wird - wie etwa bei Proudhon - konkrete Arbeit als das nichtkapitalistische Moment verstanden, das der Abstraktheit des Geldes entgegengesetzt ist. ?Dass konkrete Arbeit selbst kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen verkörpert und von ihnen materiell geformt ist, wird nicht gesehen." Dass auch die Ware bereits eine Abstraktion von den spezifischen Qualitäten eines Gegenstandes ist, ebenso nicht.
Was für die Warenform gilt, gilt ebenso für die Kapitalform, auch hier findet sich das Gegenüber von Abstraktem und Konkretem. Auch das Kapital weist einen Doppelcharakter auf, es ist zugleich Arbeitsprozess, also konkrete schöpferische Tätigkeit (Produktion) und Verwertungsprozess, der wiederum abstrakt und unfassbar ist. Und wie bei der Ware, so erscheint auch auf der Kapitalebene dem fetischisierten Denken das industrielle Kapital als natürlich und nützlich, weil es konkrete Dinge produziert, das abstrakte Finanz- oder zinstragende Kapital als künstlich und parasitär, wobei nur letzteres mit den negativen Auswirkungen des Kapitalismus assoziiert wird. Und auch hier ist bereits verschleiert, dass wie bei der Ware das eine ohne das andere im Kapitalismus keinen Sinn macht.
So erklärt es sich laut Postone, dass die Nazis sich selbst durchaus als antikapitalistisch begreifen und dennoch Anhänger modernster Technik und Produktionsweisen sein konnten:
?Diese Form des Antikapitalismus beruht also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte", ohne zu verstehen, dass Abstraktes und Konkretes zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Die Gegnerschaft zum Abstrakten beschränkt sich dabei keineswegs nur auf die Ökonomie, sie richtet sich ebenso gegen abstrakte Vernunft, abstraktes Recht oder gegen die abstrakte Idee einer Staatsbürgernation, der gegenüber man die Bedeutung von Blut und Boden hervorhebt.
Das Dilemma einer Gegnerschaft zum Abstrakten ist indes, dass das Abstrakte nicht greifbar ist. Die Abstraktheit und Unfassbarkeit des Kapitals ist es denn auch, was mit den Juden assoziiert wird. Dabei ist wichtig, dass der moderne Antisemitismus in den Juden nicht nur Vertreter des Kapitals sieht, sondern dessen Verkörperung. Die Juden wurden zu ?Personifikationen der unfaßbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals.(...) Die Überwindung des Kapitalismus und seiner negativen Auswirkungen wurde mit der Überwindung der Juden gleichgesetzt."

Zu fragen ist allerdings, warum sich der Fokus ausgerechnet auf die Juden richtete.
Nach Postone war dies keineswegs zufällig so, etwa weil es eine lange antijüdische Tradition in Europa gab, sondern sogar logisch zwingend, und zwar aus mehreren Gründen. Deren erster ist die Gleichzeitigkeit der rasanten Entwicklung des Kapitalismus im 19. Jahrhundert mit der Emanzipation der Juden. Sie wurden in der Folge in der Öffentlichkeit stärker sichtbar, vor allem in Berufen, die mit der Moderne assoziiert wurden, etwa in der Presse, im Einzelhandel oder an den Universitäten.
Einen weiteren Grund sieht Postone in der ambivalenten Form der Nation. Diese werde nämlich einerseits rein politisch betrachtet, in Form der vor dem Gesetz gleichen Staatsbürger, andererseits aber werde sie auch immer als durch eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Tradition und Kultur bestimmt gesehen. ?In diesem Sinne erfüllten die Juden nach ihrer politischen Emanzipation als einzige Gruppe in Europa die Bestimmung von Staatsbürgerschaft als rein politischer Abstraktion. Sie waren deutsche oder französische Staatsbürger, aber keine richtigen Deutschen oder Franzosen. Sie gehörten abstrakt zur Nation, aber nur selten konkret."
Die Situation der Juden in der Diaspora also, das heißt ihre Existenz als meist nur formelle Staatsbürger, die gleichwohl über keinen eigenen Staat verfügten, machte es leicht, sie mit Abstraktheit und Universalismus zu identifizieren. Denn anders als ?echte" Gemeinschaften verfügten sie über keine einheitliche Sprache, Geschichte, Tradition. Sie sind dem negativen Antikapitalismus ebenso wurzellos, international und unfassbar wie das internationale Kapital selbst.
Darin also besteht nach Postone der verquere Antikapitalismus der Nazis und daher ist der Antisemitismus als negativer antikapitalistischer Reflex notwendig mit dem Nationalsozialismus verbunden. Für Postone ist das Ende der Röhm-Clique, die von vielen als Zeichen gewertet wurde, dass der Nationalsozialismus seine antikapitalistische Propaganda beendete, nachdem er die Macht ergriffen hatte, keinesfalls das Ende des verkürzten Antikapitalismus der Nazis. Der antisemitische Hass der Nazis auf das Abstrakte - der verkürzte Antikapitalismus - fand seinen letzten Ausdruck vielmehr in der Vernichtung der Juden in Auschwitz. ?Auschwitz, nicht die ?Machtergreifung' 1933, war die wirkliche ?Deutsche Revolution' - die wirkliche Schein-?Umwälzung' der bestehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren." Und: ?Auschwitz war eine Fabrik zur Vernichtung des Werts, das heißt zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten."

Leider hat Postone seinen Ansatz, den Antisemitismus mitsamt seinem Vernichtungspotential direkt aus der Wertvergesellschaftung zu erklären, später nicht mehr weiterverfolgt. So bleibt der hier beschriebene Aufsatz bis heute einer der wichtigsten so gearteten Versuche. Und auch wenn die ursprüngliche Fassung des Textes schon 1979 entstand, so hat er bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Er ist vor allem für die so dringend gebotene Diskussion über einen spezifisch "linken Antisemitismus" besonders relevant, weil Postone den Antisemitismus der Nationalsozialisten verknüpft mit ihrem "antikapitalistischen" Selbstverständnis. Die Frage, die sich an Postones Ausführungen nämlich anschließt, wäre, ob diese Art "Antikapitalismus" heute eine Rolle spielt innerhalb der deutschen Linken. Der "Antikapitalismus" der Nazis richtete sich - auf der phänomenalen Ebene - gegen die angeblich reichen Jüdinnen und Juden, die das deutsche Volk ausgeraubt hätten; auf einer tieferen Ebene wurden die Jüdinnen und Juden, so Postone, identifiziert mit dem Kapitalismus selbst, mit seinen Krisen und Auswirkungen, so dass sie auch dann noch eine Gefahr darstellten, wenn sie individuell nicht von den kapitalistischen Verhältnissen profitieren.
Auffällig am Antikapitalismus der Nazis ist, dass sie das "Industriekapital", die ganze Sphäre der Produktion von ihrem Angriff ausnahmen - und hier offenbart sich eine Affinität zu Positionen der Linken in Deutschland, die sich zu Teilen positiv auf den Bereich der Produktion, auf die konkrete Arbeit, beruft. Das "Kapital selbst - oder das, was als negativer Aspekt des Kapitalismus verstanden wird - wird lediglich in der Erscheinungsform seiner abstrakten Dimension verstanden: Als finanz- und zinstragendes Kapital. In dieser Hinsicht steht die biologistische Ideologie, die die konkrete Dimension (des Kapitalismus) als 'natürlich' und 'gesund' dem Kapitalismus (wie er erscheint) gegenüberstellt, nicht im Widerspruch zur Verklärung des Industriekapitals und seiner Technologie. Beide stehen auf der 'dinglichen' Seite der Antinomie."
Postone bezieht sich wie gezeigt zur Erläuterung auf Karl Marx' Ausführungen in dem Kapitel Der Fetischcharakter der Ware im Ersten Band des Kapital s. So wie die Ware eine konkrete, dingliche und eine abstrakte, übersinnliche Dimension hat, so lässt sich der ganze Kapitalismus beschreiben als Wechselbeziehung des Konkreten und des Abstrakten. Der "fetischisierte Antikapitalismus", den Postone bei den Nationalsozialisten diagnostiziert, besteht gerade darin, die abstrakte und die konkrete Dimension als zwei getrennte Sphären wahrzunehmen: Die Produktion, auch in der Industrie, steht für das Konkrete, hingegen das Geld, die Börse und die Wertform für das Abstrakte. Der Nationalsozialismus bestand demnach in dem absurden und mörderischen Unterfangen, die vermeintlich vorkapitalistische Produktion von der als kapitalistisch verstandenen Wertform zu befreien.
Ohne hier einer Gleichsetzung das Wort reden zu wollen, drängt sich dennoch eine verhängnisvolle Parallele zu Äußerungen von globalisierungskritischen Gruppe wie Attac und anderen auf. Auch deren Antikapitalismus ist letztlich einer, der das Konkrete verklärt und das Abstrakte anprangert - ?anstatt praktische und theoretische Überlegungen darüber anzustellen, was die historische Überwindung von beidem bedeuten könnte." Solche Versuche können politisch und gesellschaftlich im besten Falle unwirksam bleiben. Im schlimmsten Fall führen sie zu einer Revolution der Vernichtung.
Postone warnt denn auch bereits 1979 eindringlich davor, jede Kritik am Kapitalismus gleich als fortschrittlich oder links zu bezeichnen:
?Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll - nicht zuletzt für die Linke selbst."