ESOTERIKJedem das Seine - Antisemitismus in der Esoterik

Vorneweg
Meistens offenbart sich einem die Welt nicht so, wie man sie gerne hätte. Darauf kann man aber unterschiedlich reagieren. Der etwas einfacher Gestrickte hakt ab und sagt: das ist halt so, weil`s halt so ist und schon immer so war. Der Intellektuelle nörgelt unzufrieden vor sich hin und wird im Alter wahlweise zum Bildungsbürger oder zum Alkoholiker. Der Philosoph schließlich versucht, den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu führen. Das aber ist einfacher gesagt als getan. Selbst verschuldet heißt ja irgendwie auch, das Individuum ist selber schuld, jedenfalls im Prinzip, wenn man´s nur abstrakt genug sieht und von allen konkreten Bedingungen absieht. Die Leute haben also Scheiße in der Birne. Die Lösung scheint denkbar einfach: um die Welt besser zu machen, brauchen sie sich die Scheiße bloß aus dem Kopf zu schlagen beziehungsweise mal so ordentlich und umfassend informiert zu werden. So was nennt sich dann Idealismus. Idealistische Theorien aber führen schnell zu Peinlichkeiten angesichts einer Welt, die anders aussieht, als es der Theorie nach sein sollte und sich auch partout nicht der Idee oder vielmehr dem Bewusstsein unterwerfen will. Und nach einiger Zeit kommt der Eine oder Andere auf den Verdacht, da sei was faul. Wer dann, zum Beispiel weil er Philosoph ist, keine materialistische Kritik auf die Reihe kriegt, steckt in der Klemme. Einerseits sieht man alles durch Ideen, Vorstellungen, Gedanken, kurz: durch das Bewusstsein bestimmt, andererseits scheint es nicht vernünftig zuzugehen auf der Welt. Freilich früher, da war das alles noch einfacher. Da hatte man Gott und dessen Wege sind bekanntlich unergründlich, aber am Ende immer irgendwie wahr. Aber spätestens die Aufklärung machte den Menschen auch diese Idee zumindest teilweise madig.
In Ermangelung materialistischer Kritik sucht man also nach Auswegen und nicht wenige verfallen auf die denkbar einfachste Alternative: bedingungslose Affirmation des Bestehenden, Selbstbeschränkung der Vernunft und Unterwerfung unter den Gesamtzusammenhang von Schicksal, Karma, Vorbestimmung oder was man sonst noch für Namen für das immergleiche Elend findet. So was nennt sich dann Irrationalismus.

Irrationalismus und bürgerliche Gesellschaft
Der Irrationalismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen, die darauf abzielt, Altes zu erhalten, obwohl es wissenschaftlich unhaltbar ist. Zugleich ist er aber auch der Versuch, auf komplexe Fragen der Gegenwart Antworten zu geben, die selbst wiederum wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen sind.
Irrationalismus und Ideologie sind im bürgerlichen Zeitalter vielfältiger, als dies etwa in vorkapitalistischen Gesellschaften der Fall war. Sie sind ein Reflex auf Zerrissenheit und Entfremdung in der bürgerlichen Gesellschaft, auf Orientierungslosigkeit, Angst und dem für manche schmerzlichen Verlust vermeintlich ewiger Normen und Werte, also auf den Verlust der schönen Einfachheit der Verhältnisse. Die Sehnsucht nach dem Irrationalismus ist deshalb auch dort am stärksten, wo eine echte Erklärung nicht funktioniert, wie etwa bei den gesellschaftlichen Verhältnissen, deren Widersprüche einer Klärung nicht zugänglich sind, weil ihre Gesetze den Menschen als Naturnotwendigkeiten scheinen. „Das ist halt so“, erhält man in der Regel als Antwort, wenn man fragt, warum das Stück Brot nicht primär zum Stillen von Hunger da ist, sondern dazu, Träger von Wert zu sein, also ohne entsprechende Gegenleistung üblicherweise nicht herausgegeben wird. „Das ist halt so“, damit wird eine von der Gesellschaft vorgenommene Bestimmung zur Naturnotwendigkeit erklärt.

Klar, dass manche sich da dann besser auf Harmonie mit der Natur, die Macht des Mondes und ähnlich wahnhafte Ideen verlassen. Aus dem Konflikt zwischen gut meinender Vernunft und widerspenstiger Wirklichkeit den Schluss zu ziehen, dass es klüger sei, die Vernunft über Bord zu werfen, das kennzeichnet den Irrationalismus.

Esoterik und Antisemitismus
Wie schon der Titel verrät, sollte dieser Aufsatz ursprünglich den Zusammenhang von Esoterik und Antisemitismus behandeln, und das tut er im Grunde immer noch. Doch die Beschäftigung mit der Thematik brachte immer mehr Zweifel, ob diese Herangehensweise nicht eine völlig falsche ist. Wozu der Esoterik nachweisen, dass sich in ihrem direkten Umfeld auch Antisemiten tummeln? Dass schon etliche Nationalsozialisten Antisemiten und Esoteriker waren, das zu beweisen, was ist damit gewonnen? Was ist das für eine Kritik der Esoterik? Zu sehr bestand die Gefahr der Relativierung des esoterischen Wahns durch eine Aufspaltung des Phänomens in die bösen, weil antisemitischen und nazistischen Esoteriker, und die guten, weil im Grunde doch harmlosen und liebenswürdig-spinnenden Esoteriker.

Der Großteil der kritischen Arbeiten lässt sich im Grunde in zwei Bereiche unterteilen (wobei es auch einige wenige gute gibt):
1. Solche, die die "falsche" Esoterik oder den rechten Rand der Esoterik kritisieren, um der "richtigen, der guten" zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu gehören sowohl bürgerliche als auch linke bzw. ehemals linke Wissenschaftler, und allen voran die kirchlichen Esoterik-Kritiker. Letztere waren in den 80er Jahren die ersten, die über die Esoterik-Bewegung publizierten. Die Kritik der offiziellen Kirchen ergibt sich allerdings logisch aus ihrem Konkurrenzverhältnis zur Esoterik-Bewegung.
2. Solche Arbeiten, die sich auf das Aufspüren von personellen und organisatorischen Verquickungen zwischen Esoterik und Rechtsextremismus beschränken. Denunziation steht hier meist im Vordergrund. Dies zwar nicht zu Unrecht, und doch lässt sich so nichts Grundsätzliches über die Esoterik sagen. Auf diese Weise geht man mit dem Problem um, indem man es umgeht.
Die Bedrohung, die von der Esoterik ausgeht, rührt von ihrer Grundlage her, dem Irrationalismus. Und genau hier liegt auch die Parallele zwischen Esoterik und Antisemitismus: beide sind irrationale Welterklärungsmodelle, beide ziehen im oben angedeuteten Konflikt zwischen Vernunft und Wirklichkeit die intellektuelle Notbremse und schmeißen die Vernunft aus dem Zug. Der Antisemitismus tut dies lediglich mit größerer, das heißt letztlich mit mörderischer Konsequenz.
Eine Kritik der Esoterik darf daher nicht bei eben dieser stehen bleiben. Sie muss das Phänomen Irrationalismus als Ganzes ins Visier nehmen. Dieses Phänomen resultiert aus den unverstandenen alltäglichen Zwangsverhältnissen der kapitalistischen Gesellschaft. Das Problem dabei ist aber, dass auch der Intellektuelle, der meint, dieses Zwangsverhältnis verstanden zu haben, an seiner Situation irre wird, muss er doch, um des eigenen Überlebens willen, den alltäglichen Wahnsinn permanent reproduzieren, also – um mit Kant zu sprechen - so tun, „als ob“ er das gleiche falsche Bewusstsein hätte. Eine solche Gesellschaft muss sich nicht wundern, wenn ihre Mitglieder in allerlei Wahnsystemen Zuflucht suchen.

Irrationalismus und Verschwörungstheorien
Die konkrete Seite des Irrationalismus bilden die zu Tausenden auf dem Markt sich befindenden Verschwörungstheorien über allerlei dunkle Mächte.
Übersinnliches hat Hochkonjunktur. Menschen, die scheinbar mit beiden Beinen im Leben stehen, bekennen sich zur Astrologie, halten Wünschelrutengehen für seriös und glauben an die Existenz von Ufos. Im Gesundheitsbereich greifen Bach-Blütentherapie, Edelsteintherapie und Fußreflexzonenmassage um sich, und wenn es um die Übel der kapitalistischen Wirtschaftsweise geht, so ist man sich sicher, dass wahlweise die Illuminaten, jüdische Freimaurer oder ähnlich undurchsichtige Verschwörungen dahinterstecken.

In Jan van Helsings 1 zweiteiligem Buch „Die Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ mit dem Untertitel „Ein Wegweiser durch die Verstrickungen von Logentum und Hochfinanz“ finden sich sämtliche Stereotype wieder, die man schon von den Nationalsozialisten kannte, darunter natürlich auch die Wahnidee, eine Gruppe jüdischer Freimaurer halte das Monopol über sämtliche Banken und Wirtschaftsunternehmen, kontrolliere so die gesamte Weltwirtschaft und sei für alle Übel auf der Welt verantwortlich. Ziel der jüdischen Elite sei die Versklavung der Welt, weshalb sie auch schon zwei Weltkriege begonnen hätte. Als Beweis für solch krude Verschwörungstheorien fungieren ausgerechnet die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Dabei handelt es sich nachweislich um eine antisemitische Erfindung der russisch-zaristischen Geheimpolizei, in der von einem angeblichen Treffen von Juden in der Schweiz berichtet wird, auf dem die Pläne für die künftige jüdische Weltherrschaft ausgeheckt worden seien. Mittlerweile sind van Helsings Bücher verboten, was weder dem Autor noch dem Vertrieb seiner Bücher geschadet hat. Im Gegenteil: nicht wenige seiner Anhänger interpretieren dieses Verbot gerade als weiteren Beweis für die Existenz einer jüdischen Weltverschwörung, deren Macht eben darin bestehe, „Kritiker“ mundtot zu machen.
Verschwörungstheorien sind in, und zwar umso mehr, als bislang verbindliche ‚Werte‘ wie etwa Religion, Familie etc. ihre Macht verlieren und die Menschen das Gefühl haben, nicht Herren ihrer selbst zu sein (beziehungsweise ihren „Herren“ nicht mehr so ohne weiteres ausmachen können). Nichts verträgt das bürgerliche Subjekt weniger als diese Einsicht. In der Rede von den dunklen Mächten steckt ein besonderer Reiz, weil sie die den Kapitalismus kennzeichnende nichtpersonale Unfreiheit so wunderbar einfach erklärt und nicht zuletzt, weil sie eine saubere Trennung zwischen schwarz und weiß, gut und böse zulässt.

Beispiel gefällig?
„Seit Jahrhunderten haben die bösen Mächte den guten Mächten im Kampf gegenübergestanden. Die bösen Mächte setzen nur sorgfältig ausgesuchte und geschulte Kräfte ein...Wenn man über viele Jahrhunderte hinweg zurückblickt, wird es einem klar, dass diejenigen, die heute versuchen, die sogenannte ‚Eine-Welt-Regierung‘ zu entwickeln, äußerst eng mit den ‚Eine-Welt-Bankiers‘ und den politischen Spekulanten von ehedem verbunden sind."

Bis heute gilt: Immer wieder werden die Juden als heimliche Drahtzieher von was auch immer genannt. Selbst nach Auschwitz ist das Geraune über die jüdische Weltherrschaft nur vorübergehend verstummt. Und in besonders krassen Fällen wird der Holocaust dann als notwendiger Schicksalsschlag und gesellschaftlicher Reinigungsprozess verharmlost. Das liest sich dann zum Beispiel so:
„Warum mußten so viele Menschen überhaupt vergast werden? Die meisten, die vergast wurden, mußten durch diesen Gewalttod noch nicht ausgeglichenes Karma abtragen. Die hatten früher andere Menschen getötet...Dann ist jenes europäische Schicksal unter dem Namen ‚Auschwitz‘ im Grunde genommen ein welthistorisches Ausgleichen vorvergangener Ideen? So könnte man das nennen...Nicht Hitler hat den Juden das Schicksal der Gaskammern zuerteilt, sondern jene haben es sich selbst ausgesucht, denn nichts geschah gegen ihren Wunsch und Willen.“

Schluss
Verschwörungstheorien sind gefährlich. Aber nicht etwa deshalb, weil sie keinen wahren Begriff der Welt lieferten. Das tun bürgerliche Ökonomie und Wissenschaft schließlich auch nicht, sondern sie wollen uns erzählen, dass die bestehende Ordnung entweder die Beste unter den Schlechten ist, oder unabänderlich, da naturgegeben. Verschwörungstheorien sind gefährlich, weil sie Sündenböcke konstruieren. Sei es das persönliche Unglück, Naturkatastrophen, Hunger, Seuchen, Verschwörungstheorien haben eine projektive Entlastungsfunktion für den Einzelnen, für die Aggressionen, die aus dem eigenen Unverständnis der Welt resultieren. Damit wird zwar der Hunger nicht gestoppt, und auch die Seuche nicht, aber wenigstens weiß man dann, wer schuld ist. Und die vermeintlich Schuldigen zu verfolgen und im Zweifelsfall zu vernichten, ist eben einfacher, als nach den wahren Gründen für Hunger, Elend und Seuchen zu fragen.

Darin liegt auch die Ursache, warum der Antisemitismus bereits immanenter Bestandteil der Esoterik, das heißt in ihrem Weltverständnis bereits latent vorhanden ist. Zwar ist noch nicht jeder Mensch, der seine Beschwerden mit Bachblütentherapie zu heilen sucht und sich die Haare nur dann schneidet, wenn der Mond günstig steht, ein prospektiver Judenmörder. Doch beide eint die verzweifelte Suche nach einfachen Wahrheiten, die Sehnsucht nach Reduktion hochkomplexer gesellschaftlicher wie natürlicher Vorgänge auf einfache Dinge, die Liebe zum Höheren und zum höheren Auftrag und die teils aggressive Abwehr von Individualismus und Eigenverantwortung. Schicksal ist das Stichwort, für den Mondfetischisten ebenso wie für den Antisemiten, der von seinem ihm vorbestimmten Auftrag zur Rettung der Menschheit vor dem Judentum überzeugt ist. Und je komplexer, das heißt je moderner eine Gesellschaft wird, desto mehr fordert sie eine solche Reduktion von Komplexität geradezu heraus: irgendjemand muss doch Schuld haben, an der Globalisierung, an der Arbeitslosigkeit, am Verlust vermeintlich ewiger Werte. Verschwörungstheorien geben dem stummen Zwang der Verhältnisse ein Gesicht und einen Namen. Darin liegt ihr Mögen ihre Urheber auch pathologische Wirrköpfe sein, zumindest sind es angepasste, sozial unauffällige Wirrköpfe. Niemand würde sie wegen ihres Verfolgungswahns in die Psychiatrie einweisen. Dabei sind sie in einer Hinsicht sehr viel gefährlicher als der klinische Paranoiker. Während dieser nämlich nur sich selbst verfolgt und bedroht wähnt, haben erstere ein erhebliches Sendungsbewusstsein, resultierend aus der Überzeugung, dass die ganze Welt bedroht sei. Sie können so eine Pogromstimmung erzeugen, die für andere schnell lebensgefährlich wird.
Damit das Ganze nicht zu einfach wird: Esoterische Ideologien sind rationale Irrationalität, eine Reaktion auf die irrationale Rationalität unserer Verhältnisse. Ihr Auslöser können kapitalismuskritische Gefühle sein, ihr Ergebnis ist die hilflos-kurzschlüssige Überreaktion angesichts der großen Unsicherheiten und Verunsicherungen, denen jedes Individuum in der Moderne ausgesetzt ist.

Der Antisemitismus ist also in der Esoterik gut aufgehoben, seine strukturelle Ursache aber liegt in der warenproduzierenden Gesellschaft. Gleiches gilt für die Esoterik. Deshalb auch reicht Aufklärung keineswegs aus, weil sich die Auseinandersetzung nicht in der Philosophie entscheidet, sondern nur durch die Veränderung der materiellen Verhältnisse.