ESOTERIKDeterminismus - Grundlage der Esoterik

In Zeiten ständiger Existenzangst, bedingt beispielsweise durch steigende Arbeitslosigkeit und Sozialabbau, suchen viele Menschen, vor allem auch Jugendliche, vermeintliche Hilfe und Rettung in der Esoterik. Die Menschen fühlen sich ohnmächtig angesichts der herrschenden Verhältnisse und sind in einer scheinbar ausweglosen Perspektiv- und Konzeptlosigkeit gefangen. Deswegen flüchten sie in eine „göttliche Ordnung“, die Verlass und Gewissheit bietet, da durch sie ohnehin alles vorherbestimmt sein soll und von keinem Menschen Einfluss darauf genommen werden könne. Somit wird jedes In-Fragestellen und jeder Versuch, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern, überflüssig bzw. nicht durchführbar. Auf welche Weise die Esoterik eine Erklärung für das eigene Dasein und die gesamte Entwicklung der Welt bietet und weshalb sich anscheinend keiner seinem Schicksal entziehen kann, soll im Folgenden zumindest anhand einiger Strömungen und begrifflicher Kategorien innerhalb der Esoterikszene erklärt werden.
Um zum elitären Zirkel der wenigen „Erleuchteten“ gehören zu können, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein und einige Regeln beachtet werden. Einer der zentralsten Begriffe ist wohl der der Determination, der wiederum bestimmt ist durch „Abstammung“, Natur, Karma oder Geschlecht.

Abstammung
Die Esoteriker sehen sich selbst als die Auserwählten, die allen anderen „Nichtspiritualisierten“ weit voraus sind. Doch „auserwählt“ kann nicht jeder sein; dazu muss man schon die entsprechende Herkunft haben, sprich, man muss „Arier“ sein (siehe auch „Der Himmel von dem der Faschismus fiel“ in dieser Ausgabe). Denn nur diese „Lichtmenschen“ sollen die nötige Spiritualität und inneren Voraussetzungen mitbringen, um für esoterische Inhalte offen zu sein. Diese elitäre Vorherbestimmung wird unter anderem mit einer völlig absurden und irrationalen „Abstammungslehre“ begründet. Die Ideen und Inhalte von zwei wichtigen Vordenkern sollen im Folgenden dargestellt werden. Helena Petrowna Blavatsky (1831–1891) gilt auch heute noch als eine der wichtigsten Personen der Esoterik. Ihr Hauptwerk, „Die Geheimlehre“, wird bis heute gekauft und gelesen und bildet nach wie vor eine Grundlage für die Esoterikszene. Außerdem ist auf sie die Mystifikation Tibets als spirituelles, heiliges Land zurückzuführen.
Ende 1875 gründete sie die ‚Theosophische Gesellschaft’, welche heute weltweit in fast 50 Staaten existiert. Blavatsky war überzeugt von der Existenz der sogenannten „Großen weißen Bruderschaft“, welche über den „Weltplan“ verfüge und die Entwicklung der Welt aus dem Jenseits lenke. Mitglieder seien beispielsweise Jesus, Buddha und Krishna; später wurden unter anderem noch Franco, Mussolini und Hitler aufgenommen.
Wesentliches Element der Lehre Blavatskys ist die „Wurzelrassentheorie“. Diese besagt, dass die Menschheit in sieben aufeinanderfolgende Menschenrassen und in sieben sich evolutionär ablösende Unterrassen eingeteilt ist. Die ersten beiden Wurzelrassen existierten vor 300 bzw. 40 Mio. Jahren und bestanden nur aus geschlechtslosen, astral-ätherischen Leibern. Die Lemurier, die dritte Wurzelrasse, hatten bereits menschenähnliche Züge und werden als Vorfahren der „Neger“ (ein in der Esoterikszene durchaus gebräuchlicher Begriff) angesehen, welche intellektuell auf der Stufe von Tieren stünden. Als vierte folgen die mystisch begabten Atlantier und als fünftes schließlich die metaphysisch begabten Arier. Diese gelten als am weitesten fortgeschritten und besitzen somit ein Recht auf die Herrschaft über die ganze Welt. Die fünfte und somit am weitesten entwickelte Unterrasse der Arier bilden die „germanisch-angelsächsischen“ Menschen. Die Arier besitzen aber nicht nur das Recht auf die Weltherrschaft, sondern sind überhaupt die Einzigen, die ihrer Meinung nach überleben sollten. Alle anderen Menschen, die Teile „niederer Rassen“ sind, wurden zum Aussterben verurteilt. Juden werden als „künstliche arische Rasse“ bezeichnet und gelten deswegen als unnatürlich und abnormal.

Die Weltgeschichte wird von Blavatsky als Geschichte vom Kommen und Sterben der „Rassen“ betrachtet, welches vom Schicksal vorherbestimmt sei und worauf kein Einfluss genommen werden könne. Ihr Determinismus ist nicht nur pseudo-biologisch sondern auch irrationalspiritistisch begründet: alles unterliegt dem Willen einer höheren Macht und ist vom Weltplan vorgezeichnet.
Das wohl bekannteste und bedeutendste Mitglied der ‚Theosophischen Gesellschaft’ war Rudolf Steiner (1861–1925). Er wurde in der ‚Theosophischen Gesellschaft’ ausgebildet, führte später aber deren Spaltung herbei, aus der die von ihm gegründete ‚Anthroposophische Gesellschaft’ hervorging. (Anthroposophie = Menschenweisheit) Steiner entwickelte die Wurzelrassentheorie weiter in eine „Drei-Welten-Theorie: schwarz (Afrika) – braun/gelb (Asien) – weiß (Europa)“. Auch er betrachtete die „schwarze Rasse“ als die niederste und sprach den Juden eine Sonderstellung zu. Aufgrund astrologischer Konstellationen konstruiert er einen besonderen „jüdischen Volksgeist“. Ebenfalls übernahm er den Gedanken des Weltherrschaftsanspruchs der angeblich überlegenen weißen Europäer. Er sah sie, die sogenannten „Volksseelen“, dazu vorausbestimmt, die anderen „Völker“ zu unterwerfen und auszubeuten und um zu beweisen, dass die Arier besonders gut dazu geeignet sind diese Aufgabe zu erfüllen, sprach er ihnen diverse unveränderliche Charaktereigenschaften zu. Sich selbst sah Steiner als ihren Mentor, was er damit begründete, dass nur er allein Zugang zur Akasha-Chronik, zum Weltgedächtnis, habe. Da dieser „Wissensbereich“ als rein übersinnlich dargestellt wird, ist er wissenschaftlich nicht nachprüfbar und entzieht sich somit jeglicher Kritik.
Die Herkunft ist den Esoterikern zwar überaus wichtig, doch sie allein reicht noch nicht aus, um ein „Kind des Lichts“ zu werden. Die nächste Hürde, die gemeistert werden muss, ist eine vollständige Ausschaltung des Verstandes und die Unterordnung unter die Natur und den Kosmos. Was das bedeutet soll nun erklärt werden.

Ganzheitlichkeit
Ausgangspunkt dieser Ideologie ist die Vorstellung des Universums als ein unteilbares Ganzes. Die einzelnen Elemente stehen demnach in dynamischer Wechselwirkung und sollen zum einen, gemeinsamen Weltengeist finden und sich somit in Harmonie auflösen. Dieses Ganze befinde sich aber nur solange in Harmonie, wie sich alle Elemente, selbst die allerkleinsten, an die vorgegebene Ordnung halten. Tanzt irgendetwas aus der Reihe, könne das schlimme Folgen nach sich ziehen, wie zum Beispiel Armut, Gewalt und Krieg als globale Probleme, aber auch Schwierigkeiten im Alltag, wie zum Beispiel, dass der vorbildlichen Hausfrau (ja, HausFRAU; aber dazu kommen wir später noch) mittags das Essen auf dem Herd anbrennt. Alle Probleme, die kleinen wie die großen, sollen durch das Konstrukt der Ganzheitlichkeit erklärt werden und lösen sich angeblich von selbst, sobald man sich dieser Ganzheitlichkeit unterwirft.
Nochmal zurück zu unserem Universum: Die Erde wird als ein lebendiges Wesen betrachtet, genannt ‚Gaia’ (griech. Göttin der Erde), auf der die Gesetze der Natur gelten und nichts anderes. Damit wird also jegliche Gesellschaftlichkeit menschlichen Lebens negiert und von vornherein zugunsten einer archaischen, darwinistischen Naturherrschaft ausgeschlossen. Sämtliches Leben auf der Erde müsse sich an die Gesetzmäßigkeiten halten um ein Fortbestehen des Planetens zu garantieren. Alle Lebewesen hätten denselben Stellenwert, das heißt: eine Milbe ist soviel Wert wie ein Pferd und ein Mensch soviel wie eine Blattlaus. Zwischen Tier und Mensch wird in keinster Weise unterschieden und deswegen soll auch das gesellschaftliche Zusammenleben nach den Gesetzen der Natur organisiert werden. Außerdem werden sowohl Tiere als auch Menschen nur als Kollektive betrachtet, welche nur einen gemeinsamen Geist besitzen, der den individuellen Verstand des Einzelnen übersteigt. Ziel sei es, alle ‚Ich-Empfindungen’ auszuschalten und mit der Totalität des Kosmos zu verschmelzen. Dafür sei es notwendig jegliche individuelle Persönlichkeit und Verstandesleistung abzulegen. Wie man sieht, sind für diese Idee keine freien, selbstständigen Menschen geeignet. Deswegen wurden der freie Wille und die Verstandes- und Entscheidungsfreiheit als „unnatürliche Ausformungen der westlichen Zivilisation“ entlarvt. Jeder, der trotzdem davon Gebrauch macht, wird als Schädling und „lebensunwert“ betrachtet und müsse deswegen eliminiert werden. Der „Idealfall“ tritt ein, wenn der Unterlegene sein „Vergehen“ einsieht und sich selbst zerstört. Ein Recht auf Leben habe nur derjenige, der sich in den Kreislauf der Natur widerspruchslos einfügt. Dies bedeutet eine totale Abschaffung der Freiheit und sämtlicher geltender humanistischer Werte.
Diese Vorstellung, mit ihrer Verachtung alles Individuellen, konsequent weitergedacht führt ohne große Umwege zu einer ‚Volksgemeinschaftsideologie’. Auch hier soll sich der Einzelne dem „großen Ganzen“, eben der ‚Volksgemeinschaft’, unterordnen und findet erst dadurch seine wahre Bestimmung. Der Mensch an sich hat keinen Wert, sein Wert wird lediglich in der Brauchbarkeit für das System gemessen.

Momentan seien die Menschen allerdings vom esoterischen Wunschzustand der ganzheitlichen Ordnung weit entfernt. Die einzige Lösung für dieses Problem wird in der „Re-Spiritualisierung“ der Welt gesehen. Denn die Esoteriker sind davon überzeugt, dass es nirgends auf der Welt Streit, Unglück und Leid geben würde, wenn dies erfüllt wäre, da alle vom selben Willen beseelt in aller Ruhe ganzheitlich zusammenleben könnten. Um selbst „respiritualisiert“ mit dem Universum verschmelzen zu können, muss jedoch so einiges beachtet werden. Zunächst muss man seine Lebenslage als kosmisch vorgeschrieben akzeptieren. Soziale Ungleichheit und Ähnliches müssen anerkannt und sogar befürwortet werden, da von einer höheren Macht vorgeschrieben. Wenn also einem Notleidenden geholfen wird, gilt dies bereits als Verstoß gegen die Ganzheitlichkeit und somit als Vergehen. Oberste Gültigkeit hat der ungestörte Kreislauf der Natur; der Mensch darf weder zu seinem, noch zu dem Wohl anderer eingreifen. Des Weiteren muss der Verstand ausgeschaltet werden, da dieser der entgegengesetzte Pol zur Psyche ist, welche aber nötig ist um Zugang zur „Weisheit der Erde“ zu erhalten. Die Schöpferischsten und Berufensten sollen die weitere Re-Spiritualisierung durchführen.

Ok, der Verstand ist tot. Macht nichts, der wird auch nicht mehr gebraucht. Zumindest nicht vom Esoteriker. Der braucht nicht zu denken, da ja schließlich eh alles vorherbestimmt ist.

„Wer leidet, verdient sein Leid“
Auch die Reinkarnationslehre beruht auf dem Determinismus. Jeder Mensch habe seinen persönlichen Lebens- und Aufgabenplan, der sich aus früheren Inkarnationen ergebe, eben eine Folge der guten bzw. schlechten Taten im vorangegangenen Leben sei und meist von einer Gottheit oder sonstigen höheren Macht erstellt wurde. Diese höhere Macht verlange nach einer „Darbietung von Opfern“ in Form der Erfüllung bestimmter Aufgaben. Der Zweck menschlichen Handelns ist demnach nicht, vorausschauend und zielgerichtet tätig zu werden, sondern nur mehr, Taten zu vollführen, die ein göttlicher Wille aufgetragen hat. Der Sinn unseres Tuns und die Auswirkungen für Andere sind in dieser Vorstellung vollkommen gleichgültig, woraus eine gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit resultiert.
Der Esoteriker sieht die Problematik jedoch anders. Für ihn liegt das einzige Problem in der Nichterfüllung der gestellten Aufgaben, denn das würde verheerende Folgen nach sich ziehen. Die Art der Aufgaben hat man sich sehr vielfältig vorzustellen. Dazu gehört nicht nur das, was man explizit ausführt, sondern auch das Denken. Ganz egal was einem im Leben passiert, alles, aber auch wirklich alles, wird als vorherbestimmt und nicht beeinflussbar abgestempelt. Deswegen gehört es auch zu den gestellten Aufgaben alles zu akzeptieren ohne es in Frage zu stellen oder sich darüber zu beklagen. Es geht sogar noch weiter: denn alles was passiert ist eine Folge des vorangegangenen Lebens, eben bedingt durch unser Karma. Das heißt, für alles was passiert tragen wir selbst die Verantwortung. Vielleicht frägt sich an dieser Stelle der ein oder die andere ob das denn nicht ein Widerspruch ist? Der Widerspruch bleibt dem Esoteriker unaufgelöst: Zum Einen gilt in der Welt eine „höhere Ordnung“ die alles vorherbestimmt und andererseits wird trotzdem jedem die Verantwortung für sein eigenes Unglück und das Leid seiner Mitmenschen übertragen, was immer an Bedeutung gewinnt, sobald eine Handlung nicht im Sinne der Esoterik ist.

Ziel sei es, das schlechte Karma abzutragen, beispielsweise durch das Durchleben von Schicksalsschlägen, um am Ende zur Bewusstseinserweiterung gelangen, um schließlich irgendwann ganzheitlich mit dem Universum verschmelzen zu können.
Ein Beispiel: Man stelle sich vor, man sitzt eines sonnigen Nachmittags irgendwo draußen rum. Plötzlich kommt eine Gruppe von fünf Personen und verprügelt und misshandelt einen ohne jeglichen Grund. Es folgen endlos lange Krankenhausaufenthalte und man trägt schließlich bleibende Schäden davon.

Was sagt nun der Esoteriker? Genau, die fünf Personen haben natürlich keine Schuld, sie haben nur den Willen einer höheren Macht verwirklicht. Deren Rolle hätte auch jeder andere ausführen können und die, die es schließlich getan haben, hat sich das Opfer, welches aber nicht als solches angesehen wird, selbst ausgesucht. Deswegen wird auch keine Anzeige erstattet oder ähnliches unternommen. Das Opfer dagegen hat sich mit der Sache abzufinden bzw. soll sich darüber freuen, da jetzt ein Stück seines schlechten Karmas abgetragen wurde. Das Ganze war eine gerechte Strafe für irgendwelche Vergehen im vorherigen Leben und das Leid und die Schmerzen müsse die betroffene Person nun „in sein Inneres aufnehmen, lieben lernen und dadurch vollkommener werden um sich weiterzuentwickeln“.
Selbst ein Mörder könne seine Tat ausschließlich nur an einem Menschen begehen, der inhaltlich für ein solches Ereignis die Bereitschaft mitbringt und dem dadurch sogar ein Gefallen erwiesen wird.
Derartige Schicksalsschläge seien auch in einem größeren Rahmen möglich. Den „niederen Seelen“ könne zum Beispiel durch umfangreiche Katastrophen zur Erleuchtung verholfen werden. Zu diesen Katastrophen gehören beispielsweise der Holocaust (siehe „Jedem das Seine“ in dieser Ausgabe) oder aktuell AIDS. Diese Krankheit wird von den Esoterikern als Segen betrachtet, da dadurch gleichzeitig vielen Menschen (wenn auch in ihren Augen zu wenigen) „geholfen“ werden kann. Menschen mit entsprechender geistiger Reife bzw. mit gutem Karma werden davon natürlich nicht betroffen. So erklären sie sich auch warum AIDS in Afrika weiterverbreitet ist und blenden ein weiteres Mal alle materiellen und sozialen Begebenheiten aus und müssen nicht nach den wahren Gründen suchen.
Die vierte Möglichkeit determiniert zu sein liegt darin, je nachdem welchem Geschlecht man angehört. Wie sich dies auswirken kann, soll im Folgenden verdeutlicht werden.

Die Frau diene dem Manne
In der Esoterik wird jedem Menschen auf Grund seines Geschlechts bereits eine sehr genaue Rolle zugedacht, aus der es als unmöglich gilt auszubrechen. Jegliche Sozialisation und sämtliche patriarchale Machtstrukturen und der daraus resultierende Sexismus werden dabei ausgeblendet. Stattdessen werden dem Mann „typisch männliche“ und der Frau „typisch weibliche“ Eigenschaften als angeboren und genetisch bedingt angedichtet. Der Mann gilt als intellektuell, tatkräftig, kraftvoll, mutig, stolz und pflichtbewusst, der seine Familie schützt und nach Höherem strebt. Die Frau gilt als empfangende, erdverbundene Gebärerin zu Füßen des Mannes, welche nach Synthese strebt. Dieses patriarchale Denken wird anschließend versucht auszugleichen, in dem die „weiblichen Eigenschaften“ überhöht werden. Jegliches rationale, analytische Denken und jede Verstandesleistung, welche als typisch maskulin angesehen werden, werden abgelehnt, da sie angeblich zersplitternd wirken. Und schon wären wir wieder bei dem Thema: Verstand ausschalten und sich dem großen Ganzen hingeben. Die Frau gilt also als wertvoller, da sie angeblich ihren Verstand nie benutzt bzw. gar nicht besitzt und stattdessen eine naturverbundene Gebärmaschine ist, welche das Überleben der Menschheit sichert und alles tut um ihrem Mann ein angenehmes Leben zu bereiten. Vielleicht mag nun der ein oder die andere denken: Dieses patriarchale Rollenverhalten ist doch von gestern, wir leben schließlich in einer fortschrittlichen Gesellschaft mit emanzipierten Menschen. Mal davon abgesehen, dass das ganz allgemein nicht so ist, soll hier nun ein aktuelles Beispiel aus der Esoterikszene angeführt werden, welches die Auswüchse beleuchten soll, die dieses Denken annehmen kann.

1991 wurde das ‚Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung’ (ZEGG) gegründet, welches von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels geleitet wurde. Das ZEGG existiert bis heute und verfügt über ein eigenes Zentrum in dem etwa 80 Menschen dauerhaft zusammen leben. Neben der Idee der Ganzheitlichkeit wird beispielsweise auch eine Lehre der sexuellen Befreiung durch eine vorgeschriebene freie heterosexuelle Liebe vertreten. Diese so genannte „sexuelle Heilungsarbeit“ besagt, dass durch die Unterdrückung des sexuellen Triebes der Fluss der Lebensenergie gestaut sei und sich dieses verdrängte Bedürfnis in Gewalt, Aggression und Unterdrückung bemerkbar mache. Es gilt als die Aufgabe der Frau zurück zu ihrer natürlichen Bestimmung zu finden und für die Auslebung dieser Bedürfnisse Sorge zu tragen. Frauen sollen ihre persönliche Bestätigung ausschließlich darin suchen, dass sie gebärfähig sind und von Männern begehrt werden. Oder mit den Worten von Sabine Lichtenfels: „Die Würde der Frau hat immer ein Loch“. Erst wenn alle Männer ausreichend sexuell befriedigt worden sind, soll Weltfrieden herrschen. Die Frauen, die sich einem Mann verweigern, werden dafür verantwortlich gemacht beim Mann sexuelle Energien anzustauen und ihn dadurch instinktiv zur Vergewaltigung aufzufordern. Sabine Lichtenfels drückt dies so aus: „Viele Frauen träumen in der Phantasie davon, vergewaltigt zu werden. In der Phantasie sind es oft fremde Männer, manchmal mehrere, einer nach dem anderen. Denn diese Phantasien zeigen eine Wirklichkeit des Verlangens, eine Wirklichkeit der sexuellen Sehnsucht. Und solange diese Wirklichkeit der sexuellen Wünsche nicht gesehen wird, nicht akzeptiert wird, nicht positiv integriert wird in den realen sinnlichen Kontakt der Geschlechter, so lange bleibt unsere sexuelle Welt gespalten in die Welt der Phantasie und die Welt der viel langweiligeren Alltäglichkeit. Und solange diese Spaltung andauert, staut sich etwas an Unzufriedenheit und Gewalttätigkeit in der menschlichen Gesellschaft, denn auch der Mann hat ja entsprechende Phantasien. Und so kommt es, daß diese Phantasien jeden Tag auf der Erde auf brutalste Weise irgendwo in die Tat umgesetzt werden. Es wird gefoltert, vergewaltigt, verstümmelt, wo immer die moralischen Dämme brechen und die Gesellschaft, zum Beispiel im Krieg, die Gelegenheit dafür gibt. An nicht gelebter bzw. nicht integrierter Sexualität sterben mehr Menschen als an Autounfällen. Die gestaute Sexualität, die sich irgendwann Bahn bricht, ohne daß sie jemals ins Bewußtsein und ins Leben integriert wurde, führt täglich zu Vergewaltigungen, Morden, Folterungen. Hier beginnt die wirkliche Emanzipation der Frau, wo sie im Begreifen dieser Zusammenhänge ihre sexuelle Rolle annimmt und gestaltet. Das ist ihr wesentlicher Beitrag zu einer neuen Form der Humanität. (…) Sie (die Frau, Anm. d. Verf.) versteht auf einmal, wie sehr die Frau durch ihr aktives und unbewußtes Opferverhalten den Männern gegenüber an den vielen sexuellen Gewaltverbrechen beteiligt ist. Sie sieht, wie die Frau instinktiv dazu herausfordert, solange sie den Eros nicht bewußt in ihr Leben integriert.“

Es wird also behauptet, dass alle Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung werden, selbst daran schuld sein sollen. Und nicht nur das: Sie tragen auch die Verantwortung für all das Leid, das es auf dieser Welt gibt. Das Alter der „Frauen“ spielt dabei keine Rolle. Selbst minderjährige Mädchen und Kinder sollen sich den Männern hingeben um den Weltfrieden zu sichern. Dieter Duhm geht sogar soweit, den Kindern zu unterstellen vergewaltigt werden zu wollen: „Kinder sind manchmal in einer Weise sexuell offensiv, daß es einem biederen Erwachsenen den Atem verschlägt. Ohne den Erwachsenen von der Verantwortung für seine Handlungen zu entbinden, wette ich einen hohen Einsatz, daß viele Ereignisse von sogenanntem sexuellem Kindesmißbrauch von Kindern ausgelöst worden sind.“
Das Verbot von Kindersex bezeichnet er gar als einen „Verstoß gegen die Menschlichkeit“.