DEUTSCHPOPDas ist Schwarz-Rot-Gold - hart und stolz

»Ihr fragt euch jetzt, wer ist dieser deutsche Junge
Der so rappt mit seiner schwarz-rot-goldenen Zunge
Ich bin der Gee mit den Flocken
Jeans in den Socken
Jeder von euch weiß
Ihr könnt mich wieder nicht stoppen
Ich bin im Club und sie gaffen mich an
Lass mich ran, denn es gibt keinen krasseren Mann
Die Straße ist lang - Ich seh die Autos parken
Von der Bühne kannst du sehen dass da tausend warten
Ich komm an bei Viva - Mamma mia
Bitches fragen, was macht dieser Mann da wieder
Hörst du den Beat, da da dam da die da
Ich komm heut Nacht und du siehst deine Mom nie wieder
Und die Wut in mir macht das die Crews verlieren
Dieser Song läuft jetzt vor jedem Fußballspiel
Hast du's kapiert - Ihr seid nich so gut wie wir
Wenn du jetzt auch so rappst, dann hast du's von mir

Ooh, hier kommt die neue deutsche Welle!
Schrei nur mein Gott, der coolste Deutsche den ich kenne!
Ooh, ich bin jetzt der Star fürs Volk,
Denn ich komm in den Club und trag Schwarz Rot Gold!« 

Fler - Neue Deutsche Welle

Am 2. Dezember letzten Jahres erschien das langersehnte neue Album »Aggro Ansage Nr. 5« des Hip-Hop-Labels Aggro Berlin.
Seitdem hat das Album bereits Goldstatus erreicht und ist damit zugleich das erfolgreichste in der Geschichte des 2001 gegründeten Labels.

Beschäftigt man sich nun allerdings etwas genauer mit der Musik der aus Sido, B-Tight, Fler, G-Hot und Tony D bestehenden Gruppe, wird schnell fraglich, warum gerade diese angeblichen »Künstler« so erfolgreich sind.

So veröffentlichte beispielsweise Fler im Mai 2005 sein Album »Neue Deutsche Welle«. Bereits nach einem kurzen Blick auf das CD-Cover, die dazugehörige Marketingstrategie oder den Videoclip fallen einem sofort die vielen nur leicht verfremdeten Reichsadler, die Frakturschrift und das Meer der deutschen Nationalflaggen auf. Mit Textpassagen wie »Ich bin der Leader wie A« scheint Fler seinen Stolz über sein neustes Werk zum Ausdruck bringen zu wollen. Besonders der zum Album gehörige Werbeslogan »Ab dem 1. Mai wird zurück geschossen!« erinnert doch nur zu leicht an A…dolf Hitlers Rede nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939. Zudem bezeichnete Hobby-Niedermacher Fler einen anderen HipHopper namens Tomkat als »schwulen Zigeuner«, der sich »ganz krass mit seiner ganzen Sinti-Sippe in den Arsch ficken« solle.

Ähnlich B-Tight, der sich zwar keiner national(-sozialistischer) Symbolik bedient, in dessen Texten jedoch diskriminierende Ausdrücke wie »Neger« (im übrigens gleichnamigen Song) öfter vorkommen als ein »Fuck« bei der Nu-Metal Band Slipknot.

Dennoch ist bisher kein Titel von Fler oder B-Tight aufgrund von rassistischen oder rechtsextremen Liedpassagen indiziert worden.

Trotz vieler diverser Streitigkeiten zwischen den Rappern, haben sie doch fast alle eines gemeinsam, denn sie wollen alle zum elitären Kreis des deutschen HipHop gehören und sehen sich keinesfalls mehr in der Tradition der US-amerikanischen Avant-Garde des »Gangsta-Rap«. So behauptet der Ex-Aggro-Berliner Bushido sogar, wer Rhythm and Blues mache, sei »schwul«. Trotzdem scheinen Bushido und seine früheren Kollegen Gefallen am Vorbild der US-amerikanischen Rapper zu finden, legen sie doch auch so viel Wert darauf, in ihren Clips mit Kapuzenpullis und Goldkettchen in Zuhälter-autos durch auf Endzeit getrimmte Vorstädte Berlins zu fahren.

Ich lass auf Mutter nichts kommen, heirate in Weiß und geh' zum Papstbesuch
Bushido, der mit bürgerlichem Namen Anis Mohammed Yussuf Ferchichi heißt, kann eine sehr klischeehafte Geschichte seines Aufstieges vorweisen. Schon früh bekam er mit Drogen zu tun, kam über diese Szene zum Graffiti, wobei ihn dort einige Gefährten mit der Kunst des musikalischen Reimens vertraut machten, womit er es zum gefeierten, bundesweit bekannten Rapper schaffte.
Jegliche Vorwürfe ihm gegenüber bezüglich nationalistischer oder rassistischer Inhalte seiner Texte glauben er und seine Fans mit einem Verweis auf Bushidos migrantischen Hinter-grund und die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Azad, Cassandra Stehen oder dem »König von Deutschland«, Eko Fresh, entkräften zu können.
Auch eindeutige Textpassagen aus dem mittlerweile indiziertem Song »Gangbang« wie »Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund, ein Schwanz in die Fotze, jetzt wird richtig gebumst!«  beeinträchtigen seine Popularität keineswegs, im Gegenteil, seine Äußerungen scheinen bei einem Großteil der Jugendlichen sehr gut anzukommen.
Richtig Schlagzeilen machte Bushido vor allem letztes Jahr im November, als er in einem Interview mit der Netzzeitung erklärte, dass er die Hotelerbin Paris Hilton für ein »einfach so […] dummes Stück Fleisch« halte, das er gerne einmal »für den Geschlechtsakt« hätte: »erniedrigen und dann tschüss«.

Als die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften einzelne Songs als jugendgefährdend einstufte, tobten Bushidos Fans und seine Unterstützergemeinde.
Sie präsentierten ihre Auslegung darüber, dass Bushido Ausdrücke wie »Schwuchtel« und »Nutte« nicht pauschal zur Herab-setzung bestimmter Bevölk-erungsgruppen gebrauche, sondern diese Begriffe in dessen Slang als Beleidi-gung für alles und jeden, Mann oder Frau, homo- oder heterosexuell, genommen würden. Damit sei Bushido keine besondere Ausnahme, da die ganze sogenannte »Pimp«-Kultur solche Minderheiten sprachlich explizit diffamiere.

Arschf…song
Ähnlich sieht es bei Bushidos Ex-Kollege Paul Würdig alias Sido aus. Sein Künstlername stand anfangs für »Scheisse in deinem Ohr«, seit einiger Zeit allerdings für »Superintelligen-tes Drogenopfer«. Als superintelligent bezeichnet sich der Rapper, seine Songs, wie zum Beispiel der »Arschficksong«, sprechen da eine andere Sprache.

Das schien die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht so zu sehen, nahm sie doch von einer Indizier-ung Abstand und stufte lediglich das zum Song gehörige Video als »ab 16« ein.

Sidos erstes Soloalbum mit dem Titel Maske veröffentlichte er - im Gegensatz zu seinem Duo-Partner B-Tight - erst im April 2004. Es folgten die beiden Auskopplungen »Mein Block« und »Fuffies im Club«, die ebenso wie das Album in den Charts in die Top Ten stiegen. Zudem wurde noch der »Arschficksong« (mit leicht zensiertem Video) zum ersten Mal offiziell als Single veröffentlicht, was Sido gleichzeitig drei Singles in den Charts bescherte.
Im September 2005 erregte er Aufsehen mit dem Video zu seiner Single »Steh wieder auf«, in dem er auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet und mit Berlin im Hintergrund gekreuzigt wird.

Gasduschen
Als der Hip-Hopper, Autor und Lehrer Hannes Loh die Gruppe Mor angriff, weil in deren Texten »wack MCs« in »Gasdu-schen« und »Kinder ins KZ« geschickt werden, schrieb Mor empört auf der eigenen Homepage: »Wir sind keine Nazis und haben auch nicht die Absicht, einem deutschnationalen Rap auf die Sprünge zu helfen. Und das sollten wir nicht vergessen: Es gibt keinen deutschnationalen Hip-Hop!« Diese konkrete Schlussbehauptung findet man immer wieder, wenn es um HipHop geht, HipHop gilt immer als multikulturell und irgendwie links. Aber warum dann Gasduschen und KZs?

Hannes Loh und Murat Güngör haben in ihrem Buch »Fear of a Kanak Planet - HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap« schon vor vier Jahren aufzuzeigen versucht, wie der HipHop im großen Stil von der rechten Szene gekapert worden ist. Der Sündenfall beginnt bei den beiden mit dem Deutschrap der »Fantastischen Vier«. Bis dahin gab der HipHop den Jugend-lichen mit migrantischem Hintergrund, wie man da-mals noch auf freundliche Art sagte, die Möglichkeit, über ihr Leben am Rande des deutschen Alltags zu erzählen. In Lohs Augen haben die vier Spaßrapper dieser Unterschicht den Stil geraubt, alle politischen Inhalte ausgeschüttet  und dann aus ihrem beschaulichen schwäbischen Abiturientenleben erzählt. Seither gebe es im HipHop eine Zweiklassengesellschaft, die der deutschen Jugend aus dem Mittelstand und den, so Loh, »Oriental Rap« für die Migranten aus den Ghettos. Die HipHop Tradition des Battle, also des gegenseitigen Schmähens und Niedermachens, hat, seit es diese kategorische Unterschei-dung gibt, an Härte eindeutig zugenommen.

Baggypants & Sneakers
Als das rechtsradikale Musikmagazin Rocknord 2001 einen Artikel unter der denkwürdigen Überschrift »HipHop wird schneller weiß als man denkt« veröffentlichte, ging es in den völkischen Foren rund: »Der Nationalsozialismus basierte immer auf der Masse, und wenn die Masse halt nationalen HipHop anhört, warum nicht.« - »Ich hasse HipHop wie die Pest, begrüße es aber, wenn es auch da zum richtigen Denken kommt.«

Viele Einträge in den einschlägigen  Neonaziforen lassen alle dieselbe Stoßrichtung vermuten: Wenn HipHop die Menschen begeistert, lasst ihn uns kapern. So ist es nun auch nicht mehr sehr verwunderlich, dass viele Rechte die Schnauze voll haben vom strengen Kleidercode der Skins und stattdessen in Baggypants und Sneakers herumlaufen.
»Die Jüngeren hatten das satt mit den Skins. Und im deutschen Battle-Rap hat man ihnen ja haargenau dieselben In-halte serviert, bloß noch schick gereimt dazu«.

Nichts besonderes
Das mit dem Kapern scheint auch ganz leicht von der Hand zu gehen. Die Gruppe Advanced Chemistry machte Anfang der Neunziger unter dem eingängigen Titel »Fremd im eigenen Land« einen Song, der die Probleme ausländischer Jugend-licher thematisierte. Wenige Jahre später coverten die HipHopper von Anti aus Schneeberg den Song und stutzten ihn für ihre Zwecke zurecht: Wir aus dem Osten fühlen uns fremd im eigenen Land, wir werden »wie Asylanten« und »Ostnigger« behandelt. Hannes Loh staunt selbst darüber, »wie selbstverständlich hier die HipHop-Erzählung von Unterdrückung und Ausgrenzung, die in erster Linie eine Erfahrung von Afroamerikanern war, mit einer deutschen Erzählung verknüpft wird«.
Letztes Jahr klaute die Kieler Gruppe Mc Pain übrigens denselben Titel und machte daraus eine Art Montags-Demo-Song: »Türken werden immer reicher, Deutsche immer ärmer«, »Kommt noch so weit, dass ein Türke Kanzler wird«.

Jedenfalls können sich die Nazis die Hände reiben. Die Leute von Aggro und anderen solchen Labels sagen, mit Rechten hätten sie nichts zu tun. Aber gegen den mächtigen Effekt ihrer Texte scheinen sie nichts unternehmen zu wollen. »Nigger« gehört unter HipHop-Youngstern längst zum »ganz normalen« Wortschatz. Die Rapper machen es der deutschen HipHop-Kultur vor. Afrodeutsche MCs wie Samy Deluxe, Afrob oder Meli Worte werden als »primitive Neger« bezeichnet, die in den Zoo gehören. Wer sich darüber wundert, dem wird entgegnet, das sei Battle-Rap, und da gehe es nun mal um im-manente »Tabubrüche«. Auf der Seite des Internetportals www.hiphop.de bemerkt ein Leser ein Leser zu Denana, der sich vor einigen Jahren darüber aufregte, dass »viel zu viele Bitches Geld und Fame mit Niggerbonus scheffeln«: »Der Spruch ist keineswegs fremdenfeindlich. Was soll daran bitte rassistisch sein? Das Wort Nigger? Oder das Wort Bitch? Das sind Wörter, wie sie im Rapalltag so langsam üblich sind«.

»Langsam üblich. Nichts Besonderes mehr. Machen alle so.« Das sind die Ausreden, mit denen man immer wieder konfrontiert wird. Doch warum scheint sich kaum einer mehr daran zu stören? Nur weil es viele so machen?
Wie weit kann die Benutzung des Wortes »Nigger« gehen? Sicher ist jedenfalls, dass das sehr schnell zum Rassismus übergehen kann, denn kaum jemand, egal welcher Hautfarbe, wird über diese Bezeichnung glücklich sein, auch wenn sie angeblich »nur ein ganz normales Schimpfwort« ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass all diese Pseudo-Künstler den Höhepunkt ihrer Karrieren bereits hinter sich gebracht haben und so schnell wie möglich von der Landkarte des deutschen HipHop verschwinden. Aber eins sollte klar sein: Solange die Leute nicht anfangen eigenständig nachzudenken, wird es immer wieder Rapper wie Sido & Co. geben.

Ein Hoch auf HipHop-Partisan und die antideutsche Welle, deren Inhalte hoffentlich bald die von allen nationalistischen, sexistischen und rassistischen Musikern ablösen wird.