AUFSTAND DER EZLNDer Aufstand der EZLN- Eine Chronologie

Am 17. November 1983 wurde in Mexiko die EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) gegründet. Sie setzte es sich zum Ziel die Lebensbedingungen der unterdrückten Minderheiten, vor allem der indigenen Kleinbauern, zu verbessern und mehr Rechte und Autonomie für diese zu erkämpfen. Nach zehn Jahren Aufbauarbeit trat die EZLN der Regierung offensiv gegenüber. Die sich in der Aufbauphase immer weiter verschlechternden Bedingungen, sowie der Beschluss des Freihandelsabkommen NAFTA zwischen Mexiko, den USA und Kanada, waren letztendlich der Auslöser für die Einnahme vierer Kreisstädte durch die EZLN und die Kriegserklärung an die Regierung. Die Regierung Mexikos reagierte mit einer militärischen Gegenoffensive: Menschenrechtsverletzungen, Bombardements auf zivile Siedlungen und mehrere Hinrichtungen. Durch massiven Druck der Weltöffentlichkeit musste der damalige Präsident Salinas nach zwölf Tagen einen einseitigen Waffenstillstand ausrufen. Seit dem verhandeln die EZLN und die Regierung über die Umsetzung der Forderungen der EZLN. Das eigentliche Interesse der Regierung, die EZLN zu isolieren, zeigte sich in Form von weiteren Massakern, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen. Die EZLN hatte trotz alledem viel Zulauf. 75 % der Armen Mexikos leben auf dem Land, sechs von zehn Kleinbauern verdienen weniger als den Mindestlohn von drei Dollar täglich, 40 Prozent der 96 Millionen Mexikaner können nur notdürftig überleben, 15 Millionen leben in informellen Arbeitsbedingungen, weitere 22 Millionen in extremer Armut, davon lebt die Hälfte in indigenen Gruppen auf dem Land, 58 % der Kinder leiden an armutsbedingten Krankheiten, 100.000 Kinder sterben jährlich an den Folgen von Unterernährung.

Ein Beispiel für das ewige Hin und Her zwischen Regierung und EZLN äußerte sich darin, dass die Zapatisten das Gespräch mit der Regierung wegen eines Verhandlungsstillstands am 10. Oktober 1994 abbrachen. Die am 9. Februar im folgenden Jahr vom mexikanischen Staat angeordneten Haftbefehle gegen mehrere EZLN-Führer und das gewaltsame Eindringen des Militärs in zapatistisch kontrollierte Gebiete und besetzte Dörfer zwangen 20.000 Zapatisten in den Lakadonischen Urwald zu fliehen. Im gleichen Jahr verfasste die EZLN das Abkommen von San Andreas, in dem die zentralen Forderungen nach »Indigenen Rechten und Kultur«, »Demokratie und Gerechtigkeit«, »Wirtschaft und Entwicklung« sowie „Frauenrechten“ festgehalten wurden. Verhandlungen über das San Andreas Abkommen mit der Regierung scheiterten im Laufe der nächsten Jahre immer wieder. Hauptsächlich deshalb, weil nur einer der vier Themenkomplexe des Abkommens behandelt wurde, dieser aber entweder von der Regierung nicht umgesetzt oder in einer stark veränderten Version, als vorgeschlagener Kompromiss der Regierung, von der EZLN abgelehnt wurde, da er nichts mit dem eigentlichen Abkommen zu tun hatte.
Die inhumane Ausbeutung, der Einsatz für die Rechte der Kleinbauern und die Existenzsicherung der unterdrückten Minderheiten, versuchte die EZLN 1997 mit dem San Andreas Abkommen zu bekämpfen und sicherzustellen. Dessen Durchsetzung beispielsweise mit dem Marsch von 1.111 vermummten Zapatisten nach Mexiko Stadt versucht wurde. Auch die Teilnahme am zweiten »Nationalen Indigenen Kongress« oder der zwei Wochen andauernde »zapatistische Marsch für die indigene Würde« 2001 durch 24 EZLN Delegierte von Chiapas über 12 Bundesstaaten nach Mexiko Stadt mit ca. 80 Kundgebungen mit bis zu zehntausend Teilnehmern, war Teil ihrer Agitation. Die fortführende erfolgreiche Mobilisierung und der Kontakt zur Zivilbevölkerung waren das Ergebnis ihrer Bemühungen. Allerdings wurden diese Aktionen mit Brutalität durch den Staat vergolten. Siehe das Massaker in Acetal im Bezirk Chenaló am 12. Januar 1997, bei dem 45 Menschen von Paramilitärs erschossen oder niedergemetzelt wurden. Polizei und Militär, die sich in der Nähe aufhielten, blieben untätig. Oder auch im Zeitraum zwischen Mai und September 2002, als im letzten intakten Teil des Lakandonischen Urwalds vier zivile Autoritäten der Zapatisten ermordet, Dutzende verletzt und Hunderte vertrieben wurden. Um weniger Unmut der Weltöffentlichkeit durch die Aktionen des mexikanischen Staats auf sich zu ziehen und das Informationsniveau möglichst niedrig zu halten, reagierte die Regierung schon 1998 mit Ausweisungen von MenschenrechtsbeobachterInnen und einer italienischen Beobachtungsdelegation unter dem Vorwand der »Einmischung in die inneren Angelegenheiten Mexikos«.
Durch die vielen weiteren Schläge der Regierung geschwächt, gelang es der EZLN dann am 1. Januar 2003 doch wieder ihr zweijähriges Schweigen zu brechen. San Christobal wurde von 20.000 Zapatisten friedlich besetzt. Sieben Comandantes kritisierten auf der Kundgebung die Regierungspolitik als rassistisch und neoliberal , und riefen alle rebellischen Kräfte der Welt zum Widerstand gegen jede Unterdrückung und Ausbeutung auf. Außerdem kündigte die EZLN den Ausbau ihrer Autonomie an und demonstrierte die anhaltende Stärke der zapatistischen Bewegung.

Indígena oder Indigene: Eigenbezeichnung und/oder Zuschreibung für Menschen, die in ethnisierte Gruppen eingeordnet werden. Seit der Eroberung Amerikas ist dies die Grundlage für eine beständig reproduzierte rassistische Hierarchie: Indígenas werden mit angeblicher Rückständigkeit oder Ursprünglichkeit gleichgesetzt. Als Kleinbauern pflegen sie teilweise Traditionen aus der Zeit vor der spanischen Invasion sowie aus der Kolonialzeit, sprechen regionale Sprachen und kein Spanisch und werden in vielen Bereichen sozioökonomisch ausgegrenzt.

Neoliberalismus: kapitalistische Wirtschaftslehre und ordnungspolitisches Programm, das durch makroökonomische Stabilität, Wirtschaftswachstum, Privatisierung und Deregulierung gekennzeichnet ist und eine völlige »Unabhängigkeit« der Wirtschaft anstrebt. Der Einfluss der Staaten auf Wirtschaft und Gesellschaft soll stark abgebaut und die öffentlichen, v.a. sozialen Ausgaben des Staates drastisch gekürzt werden. Der Markt wird das zentrale Instrument, in dem die Rolle des privaten Sektors stark aufgewertet wird. Philosophisch ist diese ökonomische Ideologie sozialdarwinistisch unterfüttert.