8. MAIZur Geschichte der deutschen Erinnerungskultur

Ein Deutscher ist ein Mensch,
der keine Lüge aussprechen kann,
ohne sie selbst zu glauben
(Theodor W. Adorno: Minima Moralia.
Reflexionen aus dem beschädigten Leben. S. 141)

Einleitung
Die Deutschen wollen von ihrer Vergangenheit nichts mehr wissen. Das ist wahr und doch nur die halbe Wahrheit, denn während man im wiedervereinigten Deutschland vor allem von Judenvernichtung und anderen deutschen Verbrechen nichts mehr hören will, hat die 'Aufarbeitung' von Flucht und Vertreibung und »alliiertem Bombenterror« seit einiger Zeit Hochkonjunktur. Der eigenen Opfer zu gedenken, darin besteht deutsche Erinnerungskultur. Gerade der Hang, sich selbst in die ewige Opferrolle hinein zu halluzinieren, verweist vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte auf ideologische Kontinuitäten und verheißt nichts Gutes. Die vergangenheitspolitischen Debatten und diversen Antisemitismusstreite der letzten Jahre liefen häufig nach dem selben Schema ab: Auf den gezielten antisemitischen 'Tabubruch' folgen die erwarteten - und verständlichen - Reaktionen, die wiederum zum Anlass genommen werden, sich in die Opferpose zu werfen, um noch erbitterter gegen jüdische Repräsentanten loszuschlagen. Es ist der Typus der »verfolgenden Unschuld« (Karl Kraus), der in der Öffentlichkeit zunehmend auf Zustimmung rechnen kann.
Grund genug, sich angesichts des 60 Jahrestags der Niederschlagung Nazi-Deutschlands die Entwicklung jener Erinnerungskultur einmal näher zu betrachten. Dabei wird auch zu zeigen sein, dass ein neues deutsches Geschichtsbewusstsein zwar erst mit der Wiedervereinigung `89 besonders virulent wurde, jedoch bereits sehr viel früher seinen Anfang nahm.

Keine Stunde Null
Als das nationalsozialistische Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte, war dies eine siegreiche Niederlage, das vorrangige Ziel der Nazis, die Vernichtung mindestens des europäischen Judentums, war nahezu vollständig erreicht worden. Der zunehmend eliminatorische Antisemitismus, der seinen Kulminationspunkt in den Vernichtungslagern der Deutschen und in den bis zur buchstäblich letzten Minute exerzierten Todesmärschen (deren letzter begann noch am 7. Mai `45) gefunden hatte, machte auf tragische Weise deutlich, wie recht die Skeptiker und Zweifler in Sachen Assimilation unter den Juden, die Zionisten, mit ihrer Auffassung gehabt hatten, eine Lösung der Antisemitenfrage könne nur durch einen eigenen jüdischen Staat erreicht werden, mit eigener Armee, die stark genug wäre, um sich gegen antisemitische Mordbanden zu verteidigen. Bekanntlich kam dieser Staat zu spät.
In Deutschland folgte auf die gewaltsame und verlustreiche Niederschlagung der deutschen Volksfront indes das große Schweigen. Niemand wollte etwas gewusst, niemand sich an den Verbrechen beteiligt haben. Dass es eine Stunde Null, also einen tatsächlichen Bruch mit dem NS niemals gegeben hat, belegen nicht nur die vielen hohen Nazifunktionäre, die ihre Karriere auch nach dem Krieg nicht einmal für kurze Zeit unterbrechen mussten, sondern auch eine Umfrage unter den Deutschen, die im August `49 unter den Befragten auf 23% bekennender Antisemiten kam, eine Zahl, die in der Folge rasch steigen sollte.
Dennoch aber war nach `45 den Tätern eine allzu offene Artikulation ihres Wahns und anschließendes zur Tat Schreiten wenn schon nicht vollständig genommen, so doch deutlich erschwert, nicht zuletzt deshalb, weil offene antisemitische Hetze jetzt einen Straftatbestand darstellte. Nur durch das kollektive Beschweigen der Vernichtung schien die deutsche Volksgemeinschaft über `45 hinaus gerettet werden zu können. Alle waren plötzlich ehrliche Demokraten und den Nationalsozialismus betreffend lautete die Devise: Kein Wort mehr darüber! Das Wissen, jene Schreckenstaten begangen, mitbegangen oder ihnen einfach zugesehen zu haben, dieses Wissen konstituierte die Volksgemeinschaft in neuer Weise: eine Art heimliche, verschworene Gemeinschaft von Mördern und Mitwissern, Gerhard Scheit spricht hier von einer ?Verinnerlichung oder Subjektivierung der Volksgemeinschaft".
Doch waren dies auch bittere Jahre für jeden aufrechten Deutschen, Jahre, in denen die Rückgewinnung einer ganz Deutschland umfassenden Souveränität in immer weitere Ferne zu rücken schien. Das beharrliche Leugnen deutscher Verbrechen, die teils aggressive Erinnerungsabwehr in Verbindung mit einem nach wie vor latenten Antisemitismus, erwies sich für die deutschen Bestrebungen um ?Normalität" geradezu als kontraproduktiv. Notwendig war es deshalb, die Definitionshoheit über die Geschichte zurückzuerobern, und dazu war nicht Schweigen angesagt. Vielmehr bedurfte es einer Reihe neuer deutscher Dichter und Denker und einiger sogenannter ?Tabubrüche". Am Ende wurde der Holocaust gar in eine bundesdeutsche Identität integriert. Doch so weit war man noch nicht.
Zunächst widmete man seine ganze Aufmerksamkeit den vermeintlich heroischen Taten der sogenannten ?Trümmerfrauen" und erfreute sich am schnellen wirtschaftlichen Aufstieg Nachkriegsdeutschlands. Die dem zugrunde liegende Verdrängungsleistung wird besonders evident, wenn man bedenkt, dass der Nachkriegsaufschwung neben den amerikanischen Krediten vor allem auf der Beute, die man im Zweiten Weltkrieg und im Massenmord an den Juden gemacht hatte, beruhte, sowie auf der Zwangs- und Sklavenarbeit, die vom Dritten Reich in diesem Zusammenhang organisiert worden war. Der Raub von Rohstoffen, Gold und Lebensmitteln in kaum berechenbarem Ausmaß und der Einsatz von sechs Millionen Zwangsarbeitern, zwei Millionen Kriegsgefangenen und über einer Million KZ-Häftlingen waren die Voraussetzung dafür, dass Deutschland sich nach 1945 weiter modernisieren konnte. Vorbereitung und Durchführung des Vernichtungskriegs legten das Fundament für den Nachkriegsboom: der Volkswagen, zärtlich Käfer genannt, in dem Ottonormalvergaser durchs Wirtschaftswunderland kurvte, war bekanntlich im Dritten Reich geplant worden: mit Raum für zwei Soldaten, ein MG nebst Munition. Der deutschen Industrie ging es nach dem Krieg besser als vorher. Dietrich Eichholtz schreibt in seiner Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 - 1945: ?Der Stand des Bruttoanlagevermögens bei Kriegsende lag um fast 21 Prozent über dem Stand von 1936...Also hat der Umfang der Investitionen die Bomben und andere Kriegsschäden bei weitem aufgewogen. Deutschland stand am Ende des Kriegs tatsächlich mit einem stärkeren industriellen Potential da als bei Kriegsbeginn...Die untersuchten Fakten...entkleiden das westdeutsche ?Wirtschaftswunder' der ?freien Marktwirtschaft' allen mirakelhaften Scheins."
Jedenfalls bleibt festzuhalten, dass die von den Nazis in Gang gesetzte Modernisierung Deutschlands - nach einer kurzen Übergangsphase - weiter voranschreiten konnte.

Die 60er und 70er Jahre
Zentral für die Erinnerungskultur der 60er Jahre waren die sogenannten Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, in deren Folge zwar einige ehemals ranghohe Nazis verurteilt wurden, in denen zugleich aber ein großer Aufwand betrieben wurde, um die demokratische BRD vom Nazi-Staat abzugrenzen. Politische wie personelle Kontinuitäten spielten keine Rolle, was man wohl aber am wenigsten den zuständigen Richtern vorwerfen kann, da sich die Justiz natürlich nur für Fakten interessiert, nicht für Politik.
Doch während die Prozesse nur auf eine recht geringe interessierte Öffentlichkeit stießen, hatte ein Anderer größeren Erfolg. Stellvertretend für seine Generation, und prägend für die 68er, war es Günter Grass, der schon bald demonstrierte, wie die zukünftige Strategie im erinnerungspolitischen Diskurs aussehen werde. Drei Punkte waren und sind typisch für Grass` Programm:
•  Die Anklage der alten Nazis, selbstverständlich nur der Ranghohen, die er für Krieg und Verbrechen verantwortlich macht. Mit dieser Belastung der Elite einher geht eine Entlastung des kleinen Mannes und der kleinen Frau, die als bloße Spielbälle der damaligen Mächtigen keine Verantwortung trügen.
•  Führt diese Verteidigung des ?gemeinen Volks" zur Möglichkeit, über ein besseres Deutschland, einen besseren Patriotismus nachzudenken. Das war schon damals besonders wirkungsvoll und wird in Zeiten von Rot-Grün Regierungsprogramm, denn von ?links" angepackt wirkt die ?deutsche Frage" weder verstaubt noch revanchistisch.
•  Hat dieses Programm einen durchaus expansiven Anspruch: durch die ?Auseinandersetzung" mit der Geschichte komme den Deutschen eine gewisse Verantwortung zu, die neu gewonnene Moral nicht nur zu pflegen, sondern sie im Zweifelsfall auch zu exportieren, selbst oder vor allem dann, wenn sich die anvisierten Abnehmer unwillig zeigen. Auch diesen Punkt wird sich Rot-Grün später zu Herzen nehmen.
Und in noch einer Hinsicht wird Grass zu einem Vorreiter der deutschen Tabubrüche. Er ist einer der ersten, die Auschwitz aus dem Zusammenhang mit der deutschen Volksgemeinschaft reißen und überall auf der Welt verorten. 1970 sagt er bei einer Rede zur Eröffnung der Ausstellung ?Menschen in Auschwitz": ?Es gilt, Auschwitz in seiner geschichtlichen Vergangenheit zu begreifen, in seiner Gegenwart zu erkennen und in Zukunft nicht blindlings auszuschließen. Auschwitz liegt nicht nur hinter uns."
Und 1968 schreibt er an den Präsidenten Senegals: ?Als Deutscher habe ich lernen müssen, das Wort `Völkermord' nicht leichtfertig auszusprechen (...) Ich bitte Sie, als Staatsmann und Humanist, das Massensterben in Biafra und Südsudan als Völkermord zu verurteilen..., damit die Verbrechen von Auschwitz und Treblinka nicht weiterhin in Afrika fortgesetzt werden."
Ein erster Schritt war getan, die deutschen Verbrechen ihrer Singularität beraubt.

Die 80er Jahre und die deutsche Friedensbewegung
In den 80er Jahren kam die deutsche ?Erinnerungsarbeit" so richtig in Schwung. Zwei Jahre vorher war die Fernsehserie ?Holocaust" zum ersten Mal in Deutschland ausgestrahlt worden, was etliche Aktivitäten anregte. Unter anderem wurde der jahrzehntelang kaum beachtete Jahrestag der Pogromnacht des 9. November `38 wiederentdeckt und für gedenktagstauglich befunden. Dass es dabei um etwas ganz Anderes ging als um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte, machte Willy Brandt deutlich, der bei einer Veranstaltung in der Kölner Synagoge sagte: ?Die Wahrheit ist auch, dass sehr viele Deutsche die Verbrechen missbilligt haben; ebenso, dass sehr viele andere damals nichts oder fast nichts erfuhren."
Das war die neue Strategie. Aus dem kollektiven Schweigen war ein ohrenbetäubendes Geschwätz geworden, das Reden über die deutschen Verbrechen diente keinem anderen Zweck, als sich langfristig selbst die Absolution zu erteilen.
Die bundesrepublikanische Linke hatte mit ihren penetranten Begriffsverwirrungen nicht wenig zu diesem Wandel beigetragen. Die 80er Jahre standen ganz im Zeichen einer Friedensbewegung, die zum Einen mit ihrer platten Kriegsgegnerschaft, die die Notwendigkeit einer militärischen Niederschlagung Deutschlands einfach nicht reflektierte, zum Anderen mit Propagandaparolen wie der vom ?atomaren Holocaust" die Relativierung von Auschwitz weitergetrieben hatte. Zudem war es jener unreflektierte Pazifismus, den heute diejenigen aufgreifen, die nicht müde werden, die ?Verbrechen" der Alliierten, also etwa die Vertreibung der Sudetennazis oder die Bombardierung Dresdens, mit den Naziverbrechen auf eine Stufe zu stellen. Verbrechen sei schließlich Verbrechen und ein echter Pazifist lehnt beides ab.

Die Wiedervereinigung
?Wir sind ein Volk." ?Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört." ?Die Deutschen sind heute das glücklichste Volk der Welt." ?Deutschland den Deutschen." Diese Parolen standen exemplarisch für die Stimmung in Deutschland im Jahre 1990.
Die Debatten um die Wiedervereinigung Deutschlands markieren wohl eine der bedeutendsten Zäsuren auf dem Weg zur ?Normalisierung". Im Mittelpunkt standen dabei die Bedenken und Vorbehalte, die einem neuen starken Deutschland seitens des Auslandes und der jüdischen Gemeinden entgegengebracht wurden.
Voraussetzung für diesen entscheidenden Schritt zur deutschen Souveränität war der Zerfall der Nachkriegsordnung von Jalta nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus. Er brachte der Bundesrepublik die volle staatliche Souveränität als Voraussetzung für das heutige Agieren in der Weltpolitik.
Mit dem 8. Mai 1945 waren wenigstens formal die Voraussetzungen geschaffen worden, die es ermöglichten, die deutschen Zustände wenn schon nicht abzuschaffen, so doch wesentlich zu behindern. Eingedenk der Tatsache, dass die Niederlage des Nationalsozialismus in erster Linie eine militärische war, die das ausführende Organ des Verbrechens: die deutsche Volksgemeinschaft, unangetastet ließ, dass also die einzig richtige Konsequenz, nämlich die Abschaffung Deutschlands in welcher Form auch immer, nicht gezogen wurde, bleibt festzuhalten, dass es allein die Teilung Deutschlands und der Argwohn der Alliierten waren, die Deutschland 40 Jahre lang im Zaum hielten. Mit der Wiedervereinigung wurde auch diese mehr als klägliche Reaktion auf Nationalsozialismus und Holocaust revidiert.
Erinnerungsgeschichtlich hatte die Wiedervereinigung vor allem einen großen Vorteil: die deutsche Geschichte wurde zur Vor-Geschichte. Zwischen das sich neu formierende Deutschland und die nationalsozialistische Vergangenheit passte plötzlich die DDR. Eine Diktatur jagte die andere. Was war die SS gegen die Stasi? Der Holocaust gegen die Mauerschützen? Auschwitz wurde zu einem Detail der deutschen Geschichte.
Die radikale BRD-Linke der achtziger und neunziger Jahre - engagiert im Häuserkampf oder in der Anti-Atom-Bewegung - wurde von der Entwicklung überrollt. Im Anschluss an die Wiedervereinigung kam es zum zweiten Golfkrieg, der das Feindbild USA wieder einmal zu bestärken schien. Die Kritik am Krieg konnte nicht wirksam mit einer Kritik am gerade wieder vereinigten Deutschland verbunden werden. Die Bedrohung Israels durch den Irak wurde von vielen ausgeblendet. Noch einmal und schon wieder hieß es: »USA - internationale Völkermordzentrale«.
Doch der Golfkrieg war noch ein Krieg der alten Zeitrechnung. Deutschland tat noch nicht richtig mit. Das sollte sich nach und nach ändern: 1994 mit dem Einsatz in Somalia, 1995 in Bosnien-Herzegowina, 1999 schließlich im Kosovo. Die Wiedervereinigung war eine Vorbedingung für den Kosovo-Krieg. Nicht die einzige, aber auf jeden Fall eine wichtige.
Doch halt, wir sind schon wieder zu weit.
Ein allzu forscher Nationalismus verbot sich nämlich zunächst noch, er geriet in den frühen neunziger Jahren kurzzeitig sogar zum Problem - nicht nur für die Opfer rassistischer und rechtsextremer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland, man denke an die Morde in Rostock, Solingen oder Mölln - sondern auch für den gesellschaftlichen Mainstream. Nationalismus verbot sich aus zwei Gründen. Zum Einen stand Deutschland unmittelbar nach der Wiedervereinigung unter verstärkter Beobachtung, nach den genannten Pogromen drohte das Projekt der »gewachsenen Verantwortung«, gefährdet zu werden. Die offizielle deutsche Politik war - nachdem Kohl noch 1990 Polen mit der Weigerung, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen, zum Verzicht auf Entschädigungen erpresst hatte - äußerst bemüht, nicht den Eindruck zu erwecken, als wollte sie diese Gebiete zurückhaben oder sonst wie an vergangene Zeiten anknüpfen.
So lange in Deutschland die CDU herrschte, wollte es mit der Normalität nicht recht vorangehen. Helmut Kohl stand immer für den potenziellen Rückfall in einen aggressiven Nationalismus. Gerhard Schröder und Joschka Fischer sind dagegen urban und zivilisiert. Ihnen blieb es in den folgenden Jahren überlassen, den deutschen Nationalismus zu radikalisieren und zu seinen größten Erfolgen nach `45 zu führen.

Der Deutschen Verhältnis zu Auschwitz - Eine Hassliebe
Retrospektiv lässt sich durchaus eine Kontinuität im neueren Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte feststellen. Beginnend spätestens mit der sogenannten Historikerdebatte 1986, über die Wiedervereinigung, den ersten Golfkrieg 1991, die Debatten über das Holocaust-Mahnmal und die Wehrmachtsausstellung, über den Goldhagen-Streit und die Auseinandersetzungen um die antisemitische Walser-Rede 1998, nicht zu vergessen den Einsatz deutscher Truppen im Kosovo 1999, bis hin zu neueren Tendenzen wie der filmischen und literarischen Umsetzung der Täterauffassung von Geschichte in Günther Grass` ?Im Krebsgang" oder jüngst in ?Der Untergang"; alle diese Etappen erfüllten und erfüllen für das postfaschistische Deutschland jeweils spezifische politische und psychologische Funktionen. Mag auch die Richtung öfter gewechselt haben, das Resultat ist klar: Deutschland musste mit der Vergangenheit abschließen, um endlich wieder Krieg führen zu können, und es musste umgekehrt Krieg führen, um die Vergangenheit endgültig zu entsorgen.
Richtig Schwung erhielt diese Abrechnung erst in dem Moment, da ehemalige Vertreter der 68er die deutschen Regierungsgeschäfte übernahmen. Dabei aber handelte es sich keineswegs um einen Verrat an alten Idealen, auch und gerade die Linke - das hatte Adorno bereits 1959 bemerkt - hatte ein großes Interesse an einer Revision der Geschichte, nicht zuletzt, um auch weiterhin ihr Lieblingssubjekt der Revolution, das Proletariat, nicht aufgeben zu müssen. Nach dem Motto: was nicht sein darf, kann auch nicht sein, hielt sie weiter am revolutionären Auftrag der Arbeiter und am guten Volk fest und wollte nicht wahrhaben, dass ihr mit der offenen Begeisterung der überwältigenden Mehrheit eben jener einfachen Massen für die Nazis eigentlich das Subjekt ihrer Politik abhanden gekommen war.
Seit der Wiedervereinigung hat das Basteln an einer deutschen Erinnerungskultur eine erhebliche Dynamik entfaltet. Es würde den Rahmen eines solchen Aufsatzes bei weitem sprengen, würde man auch nur die wichtigeren Ereignisse umfassend beschreiben wollen. Im Folgenden kann es daher nur um eine unvollständige Skizze einiger bedeutsamer Vorkommnisse gehen.

Die Diskussion um die ?Wehrmachtsausstellung"
Ein Meilenstein in der Erneuerung deutscher Erinnerungskultur auf dem Weg zur kollektiven Absolution war sicherlich die Debatte um die Ausstellung ?Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944", die von 1995 bis 1999 durch deutsche und österreichische Großstädte tourte. Die Ausstellung markiert deutlich den Umschwung in der Vergangenheitsbewältigung, der sich vom kollektiven Verschweigen zum scheinbar offenen Aussprechen auch der Taten vollzog, dabei aber immer den eigenen Vorteil verfolgte. Wesentliche Forderungen der Kritiker des deutschen Vergessens schienen mit der Ausstellung plötzlich erfüllt. Aufgrund der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schien eine deutsche Gedenkkultur entstanden zu sein, innerhalb derer das Ausmaß deutscher Verbrechen nicht mehr abgestritten wurde. Die Kehrseite der Medaille jedoch bestand in der moralischen Selbsterhöhung des Büßers: die Deutschen bestanden fortan immer stärker darauf, dass Vergangenheitsbewältigung die Sache der Täter, also allein ihre Angelegenheit sei.
Schon die Geschichte der Ausstellung ist bezeichnend für die Änderung im kollektiven Gedächtnis, die sie hervorrief. Die Ausstellung war zunächst bis 1999 unter dem Titel ?Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" zu sehen. Als allerdings klar wurde, dass auf einigen wenigen ausgestellten Bildern die Bildunterschriften fehlerhaft waren, wurde die Ausstellung zur Überarbeitung zurückgezogen. Entstanden ist aber weniger eine überarbeitete Version der Ausstellung, als vielmehr eine völlig neue. Schon der Titel war ein anderer geworden: ?Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" so lautete der neue Titel. Der Begriff ?Vernichtungskrieg" ist gegenüber dem ursprünglichen Titel in den Hintergrund gerückt. Eben diese Änderung des Schwerpunktes ist auch in die Ausstellung eingezogen. Anders als in der ersten Version kann man sich in der aktuellen über damals geltendes Kriegs- und Völkerrecht informieren, und es werden auch der Roten Armee Verbrechen vorgeworfen. Damit ist die Ausrichtung der Ausstellung klar: Der konkrete Rahmen deutscher Verbrechen wird aufgelöst in einem Bezugssystem, das die Verbrechen nicht einfach als das darstellt, was sie waren, nämlich ein Vernichtungskrieg, an dem die Wehrmacht aktiv teilnahm, sondern sie relativierend an der Zeit misst, in der sie stattgefunden haben. Nach den Worten des Militärhistorikers Hans-Erich Volkmann zeichne sich die neue Ausstellung durch ?Entpolitisierung" und ?Historisierung" aus. ?Historisierung" meint im deutschen Diskurs über die eigene Vergangenheit immer Relativierung, und wenige haben dazu so klare Worte gefunden wie Jan Phillip Reemtsma, der Leiter des Instituts, das für die Ausstellung verantwortlich ist, als er bei einer Eröffnungsrede von ?Destruktivität der Moderne" sprach und damit deutsche Taten als zwar durchaus existent aber eben Teil einer ,destruktiven' Zeit und also nichts Besonderes darstellte.
Nicht nur an der Ausstellung selbst, sondern auch an der Diskussion, die sie entfachte, lassen sich alle Motive des modernisierten Umgangs mit der Geschichte erkennen. Gehörte es zum alten Verschweigen der Verbrechen, den ,Mythos der sauberen Wehrmacht' aufrecht zu erhalten wurde mit der Debatte auf das bewusste Zugeben und Erkennen von Schuld und Verbrechen umgeschwenkt. Insgesamt aber seien diese Verbrechen nicht Ausdruck der deutschen Volksgemeinschaft, die in ihrem Vernichtungsdrang loszog, sondern die Verbrechen der Eliten, die die Bevölkerung dazu benutzt hätten: ?Daß sie von einem verbrecherischen Regime mißbraucht wurden, ist die persönliche Tragik jedes einzelnen unserer Väter und Großväter." So sprach Edmund Stoiber anlässlich der Ausstellung und traf damit die Stimmung des Diskurses. Die Debatte schwenkte nach anfänglicher Empörung über die Ausstellung schnell auf die These um, es seien durchaus Verbrechen verübt worden durch die Wehrmacht, diese seien aber in ihren Kontext einzuordnen. Derartig relativiert lassen sich die Verbrechen schon eher eingestehen, und daneben greift man noch zu dem Mittel, die Verbrechen als die Taten Einzelner abzutun, die nicht repräsentativ für die Wehrmacht, respektive die deutsche Bevölkerung gewesen seien. Auf dieser individuellen Ebene scheint Schuld zuzuordnen und damit zu bewältigen zu sein, spätestens durch den Tod der Beteiligten. Die waren dann teils krankhafte Verbrecher oder bedauernswerte Verführte. Die weitgehende Austauschbarkeit der Handelnden, also das kennzeichnende der damaligen Volksgemeinschaft, geht dabei verloren.

Fit for out of area: Der Kosovo-Einsatz
Derart eingestimmt lässt sich einer der bislang größten Coups im deutschen Kampf um die Definitionshoheit über die Geschichte angehen: Die Beteiligung am Kosovo-Krieg 1999 und die damit einhergehende Verortung eines vermeintlich neuen ?Auschwitz" in eben jener Region. Die auf diese Weise - wie auch durch den Vergleich des jugoslawischen Präsidenten Milosevic mit Hitler - erfolgte Parallelisierung der Geschehnisse im Kosovo mit den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges ermöglichte in erster Linie (ehemaligen) Pazifisten die moralisch einwandfreie Befürwortung des Krieges. Es gehörte zum guten Ton, "innerlich zerrissen" (Joseph Fischer) zu sein.
Der Erfolg war durchschlagend. Deutschland konnte mit der Begründung, aus der Geschichte gelernt zu haben, tatsächlich wieder Krieg führen. Die Linke reagierte darauf recht konsterniert, und auch die ehemaligen Kriegsgegner scheinen sich im Nachhinein betrachtet keineswegs einig über die Gründe ihrer Ablehnung gewesen zu sein. Bis auf wenige Ausnahmen einig war man sich dagegen darin, dass es sich unmöglich um einen deutschen Krieg gehandelt haben konnte, selbst wenn man noch einsah, dass der politische Gewinn für Deutschland - jedenfalls im Verhältnis zu dem geringen Risiko, welches die Bundesregierung einging - von allen beteiligten Staaten am größten war. Dabei gab doch schon die Rechtfertigung des Krieges, er sei geführt worden zur Verhinderung eines ?Völkermordes" und im Namen der Menschenrechte, einen ersten Hinweis auf Deutschland, denn klar war, dass Deutschland nur in einem mit moralischen Kategorien aufgeladenen Krieg wieder militärisch aktiv werden konnte, ohne auf erhebliche Bedenken wenigstens auf Seiten der ehemaligen Alliierten zu stoßen.
Nur Wenigen fiel auf, dass diese neue Situation viel weitreichendere Konsequenzen hatte, wie etwa dem Bündnis gegen IG-Farben, das im Juli 1999 feststellte, es gehe nun nicht mehr bloß darum, "für die Forderungen der Überlebenden überhaupt eine Öffentlichkeit zu schaffen, sondern darum, die Erpressung der Überlebenden mit ihrem hohen Alter und ihrer oft elenden sozialen Lage zu verhindern; es geht nicht mehr nur darum, die Wahrheit der Nazi-Verbrechen öffentlich zu machen, sondern darum, die Instrumentalisierung dieser Verbrechen für deutsche Großmachtambitionen zu kritisieren." Auch die traditionelle Linke geriet mit dem Krieg in arge Schwierigkeiten. Unfähig oder nicht willens, die besondere Form deutscher Vergesellschaftung oder die deutschen Bemühungen um eine ?Normalisierung" zu kritisieren, suchte sie verzweifelt nach den bekannten Gründen für Kriege - und wurde nicht fündig. Selbst unter größten theoretischen Verrenkungen ließ sich kein unmittelbar ökonomisches Interesse konstruieren und bis heute ist das Kosovo wohl kaum ein besonders lukratives Geschäft für irgendeines der damals beteiligten Länder.
Festzustellen war jedenfalls schon bald nach dem Krieg eine Kluft zwischen jenen Kriegsgegnern, die, aus welchen Gründen auch immer, der deutschen Normalisierung nichts abgewinnen konnten, und jenen, die, kaum war der Krieg vorbei, zum linken Business as usual zurückkehrten und deren Antworten - ?kein Blut für Öl" etwa - angesichts aktueller Konflikte genauso klingen wie vor dem Krieg oder vor zwanzig oder dreißig Jahren.
Ideologisch vorbereitet wurde der Krieg mit einer besonders ekligen historischen Geste: am 13. Februar 1999 standen wieder uniformierte deutsche Soldaten in Auschwitz, doch dieses Mal musste man - Polen war ja Mitglied der NATO - keine Gewalt anwenden. Verteidigungsminister Scharping legte zunächst einen Kranz an der ehemaligen Erschießungsmauer nieder, um dann zu konstatieren, dass Deutschland gewillt sei, jedes weitere Auschwitz zu verhindern. Damit war man in die Reihe der Guten aufgenommen und nur sechs Wochen später konnte die Bombardierung des Kosovo beginnen.
Ein weiterer Schritt zur Normalisierung war die Vereidigung von Rekruten der Bundeswehr am 20. Juli 1999 im Bendlerblock, dem Ort also, an dem Stauffenberg nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler erschossen worden war. Die Bundeswehr stellte sich damit in die Tradition vermeintlich antifaschistischer ?Widerständler". Dass Stauffenberg und seine Komplizen gegen den deutschen Vernichtungsfeldzug so lange nichts auszusetzen hatten, bis sich dies Unternehmen als zu verlustreich herausstellte, dass sie also kein Problem mit der Naziherrschaft, nur mit dem ?Irren" Hitler hatten, ist dabei nur konsequent und markiert eine weitere Zäsur: Die Deutschen bestimmen nicht mehr nur, wo Auschwitz liegt, sondern auch, wer ?Widerstand" gegen die Nazis geleistet hat. Solchermaßen als Nachfolgeorganisation des antifaschistischen Widerstands geadelt, kann die Bundeswehr wie selbstverständlich hinausziehen und die Welt ein weiteres Mal am deutschen Wesen genesen lassen.

Walsers ?Auschwitzkeule"
Was hatte der Deutschen beliebtester Dichter Martin Walser in seiner Rede in der Paulskirche anlässlich der Verleihung des ?Friedenspreises des deutschen Buchhandels" an ihn denn gesagt, das etwa 1200 aufrechte Deutsche zu stehenden Ovationen veranlasste und nur einen einzigen - Ignatz Bubis - zu Protest?
Die besondere Leistung Walsers bestand zweifelsohne darin, das ausgesprochen zu haben, was die überwältigende Mehrheit der Deutschen ohnehin seit 1945 gedacht, sich aber nicht zu sagen getraut hatte. Ein typischer ?Tabubrecher" eben. Schon 1985 hatte er ein ?Selbstbestimmungsrecht für die Deutschen" gefordert, ohne auch nur ein Wort über die Ursache der Teilung Deutschlands zu verlieren, und wenn er doch einmal auf den Nationalsozialismus zu sprechen kam, dann tat er gerade so, als wäre der Versuch, eine Nachkriegsordnung zu schaffen, in der so etwas wie Nazideutschland nicht mehr möglich sein sollte, in etwa das Gleiche gewesen wie die Naziverbrechen selbst: ?Aber der Sieger reagierte wieder nicht viel vernünftiger, als der zu Züchtigende war: Deutschland wird geteilt."
Weil also nach Walser die Nazis und der Holocaust ohnehin noch nie besonders viel mit den Deutschen zu tun hatten, konnte er sich `98 in der Paulskirche auch hinstellen und fordern, dass künftig von Auschwitz besser gar nicht mehr gesprochen werden solle, denn schließlich sei dieses ewige Erinnern nichts weiter als ?Drohroutine, Einschüchterungsmittel, Moralkeule", das geplante Holocaust-Mahnmal sei ein ?fußballfeldgroßer Alptraum, eine Monumentalisierung der Schande", was sich einfach nicht gehöre, denn: ?Die Deutschen sind ein ganz normales Volk."
Walser hatte aufgepasst. Auschwitz zu leugnen, die Verbrechen zu verschweigen, das gehört der Vergangenheit an: ?Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum." Neu ist, sich als Opfer einiger unverbesserlicher Ewiggestriger hinzustellen, die es einfach nicht lassen können, immer und immer wieder an die Vergangenheit zu erinnern. Verleugnung und Verdrängung sind überflüssig geworden, wo Auschwitz es den Deutschen ermöglicht, sich als Opfer aufzuführen.
Da passte es ins Konzept, dass Roman Herzog am 9. November 1998 vor ?Abstumpfungseffekten" warnte, die durch ein Zuviel der Aufklärung über den Nationalsozialismus hervorgerufen werden könnten. Immer mehr Schüler und Schülerinnen würden sich abwenden, weil im Unterricht von nichts anderem als den deutschen Verbrechen die Rede sei. Hört man sich allerdings einmal um an deutschen - auch ?höheren" - Schulen, stellt sich schnell heraus, dass die Kleinen keinen blassen Schimmer haben und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis deutsche Schüler Zyklon B für ein Waschmittel halten werden.

Die Opfer sind wir,...
Der schon angesprochene Günter Grass begeht im Februar 2002 mit seiner Novelle ?Im Krebsgang" wieder einen ?Tabubruch", der allerdings niemandem mehr ernsthaft als ein solcher erscheinen will. Und doch handelt es sich wieder um eine neue Qualität, denn Grass gelingt etwas, was kein Rechter mit ähnlicher Breitenwirkung bislang geschafft hatte: Mit der Geschichte der ?Wilhelm Gustloff", einem KdF-Dampfer mit flüchtenden Deutschen, der am Ende des Krieges durch ein sowjetisches U-Boot versenkt wurde, rückt er das Leid der deutschen in den Mittelpunkt, mehr noch: er macht es zum eigentlich grauenhaften Ereignis der Kriegszeit.
Nach dem gleichen Konzept verfährt Bernd Eichingers Film ?Der Untergang". Die oftmals geäußerte Kritik, dass Hitler in diesem Film zu menschlich und harmlos gezeigt werde, ist nicht ganz falsch, geht aber an der wirklichen Problematik vorbei. Die eigentliche Empathie und Sympathie, die durch den Film hervorgerufen wird, gilt nicht Hitler, der ohnehin als verrückter Nihilist dargestellt wird, sie gilt den Deutschen, die, so sieht es im Film aus, am Ende gegen ihren Willen zu Opfern des Wahns eines Diktators geworden sind, während etwa die sowjetischen Befreier entweder als bedrohliche anonyme Kulisse oder als sturzbetrunkene Barbaren erscheinen.
Die eigentlichen Opfer des Nationalsozialismus indes bleiben unsichtbar, der gesamte Film kommt ohne einen Hinweis auf den deutschen Vernichtungskrieg im Osten oder den Holocaust aus, weshalb der Einmarsch der Roten Armee irgendwie seltsam anmutet und der durchschnittlich gebildete deutsche Schüler ebenso gut denken kann, was ihm seine Großeltern ohnehin immer erzählt haben: dass der Nationalsozialismus nichts Anderes war als eine vorgezogene Verteidigung gegen die bolschewistische Gefahr.
Es sind dies nur zwei Beispiele, die die eingangs aufgestellte These, die Deutschen seien nur zum Teil nicht mehr an ihrer Vergangenheit interessiert, belegen. Dass man heute einen solchen Film in Deutschland machen kann, der dann auch noch mehr als vier Millionen Zuschauer anlockt, ist symptomatisch für die Entwicklung der öffentlichen Meinung, die nunmehr ein gesteigertes Interesse an den deutschen Opfern des Zweiten Weltkriegs zeigt und sich bei der ?Aufarbeitung" dieser Geschichte von niemand Fremdem mehr dreinreden lassen will.

...die Täter entsorgt
Neben diesen filmischen und literarischen Hinweisen darauf, dass man mit einem Teil der Vergangenheit durchaus was anfangen und letztlich aus ihr Profit schlagen kann, ist dies auch in staatsoffiziellen Handlungen nachzuweisen. Die Rede ist von offiziellen Gedenkstätten. Eine davon, die einem sofort in den Sinn kommt, ist das Berliner Holocaust-Mahnmal, das nach langem Streit am 10. Mai 2005 eingeweiht werden soll. Weitaus weniger denkt man an die, ebenfalls in Berlin angesiedelte, Ausstellung ?Topographie des Terrors", die seit 1987 an dem Ort zu sehen ist, wo sich bis 1945 das Reichsicherheitshauptamt sowie die Gestapo und die SS-Zentrale befanden. Nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch in der offiziellen Bewertung zieht die ?Topographie" den Kürzeren gegenüber dem ?Judendenkmal", wie es in Berlin genannt wird. Das Holocaust-Mahnmal ist nahezu fertig gestellt und soll zeitplangerecht eingeweiht werden. Der Plan, die bis heute provisorische Ausstellung ?Topographie des Terrors" zur festen Institution werden zu lassen, der Plan des Architekten Peter Zumthor, das Gelände mit einer durchsichtigen Hülle zu überspannen, ist auf Eis gelegt, beziehungsweise abgebrochen - abgerissen wäre der adäquate Ausdruck , die beiden Treppenhäuser, die bereits errichtet worden waren, werden ?zurückgebaut".
Die Tatsache, dass sich die eine Gedenkstätte durchsetzten konnte, die andere jedoch nicht, liegt sicherlich nicht an den vorgeschobenen Gründen, das Zumthor-Projekt sei aus statischen Gründen nicht zu bauen, sei teurer als geplant, und auch die Insolvenz zweier beteiligter Beton-Firmen hätte wohl die Umsetzung nicht wirklich unmöglich gemacht - schließlich musste man im anderen Fall ähnliche Hürden nehmen und hat sie genommen.
Der Grund liegt vielmehr in der Art der Gedenkstätte. Die Ausstellung ?Topographie des Terrors" erinnert an deutsche Täter, ist an einem historischen Täterort angesiedelt. Das Holocaust-Mahnmal erinnert ohne augenfälligen Hinweis auf die Täter an die Opfer. Damit passt die zentrale Gedenkstätte viel besser in ein Konzept deutscher Erinnerungskultur, das die Rede von moralischer Läuterung als ihr zentrales Thema angenommen hat: ?Mit dem Holocaust-Mahnmal ehren sich die Deutschen selbst dafür, daß sie zwanzig Jahre lang von der Fernsehserie ?Holocaust" bis zu ?Schindlers Liste" alles über sich ergehen ließen, um heute anderen Nationen vormachen zu können, wie man seine Vergangenheit bewältigt." Im anderen Fall: ?Ein prominent hervorgehobener Ort, der an die Täter und die Tat erinnert, wird nicht gebraucht, weil dieser Ort als Kranzabwurfstelle gänzlich ungeeignet ist."
Eine Ausstellung, die knapp und sachlich an die Täter, ihre Organisation und die Tat erinnert, hat in Sachen moralischer Genugtuung nicht viel zu bieten und wird deshalb nicht benötigt, wird also weiterhin in ihrem provisorischen Stadium bleiben: ?Das Provisorium ist an diesem Ort in dieser Zeit der angemessene Zustand für eine solche Institution."
Das Konzept des völligen oder - wie in Berlin - weitgehenden Ignorierens von Täterorten und dem Erinnern daran ist jedoch nur eines unter mehreren. Das Dokumentationszentrum am Nürnberger Reichsparteitagsgelände etwa geht einen anderen Weg. Hier entstand eine dauerhafte Ausstellung, die sich vermeintlich den Tätern und der Tat widmet. Jedoch, wie alle Wege nach Rom führen, führt auch alle deutsche ?Vergangenheitsbewältigung' zur Absolution. In Nürnberg anders als in Berlin, aber mit dem gleichen Ziel. Hier ist es der Ort der Reichsparteitage, ein Ort also, der, anders als der Berliner, geeignet wäre, um auf die nationalsozialistische Begeisterung der deutschen Bevölkerung hinzuweisen. Davon findet sich aber unrelativiert nichts in der Ausstellung. Analog der weit verbreiteten ?Verführer' - These wird die zweifelsohne bild- und wortmächtige Inszenierung der Parteitage als Erfahrung beschrieben, der man sich nunmal nicht entziehen konnte. Ein weiter Stein ist also gelegt, um die oben bereits angesprochene Entlastung der Bevölkerung durch die Verurteilung der Elite durchzusetzen. Schlussendlich mutet auch das Nürnberger Dokumentationszentrum eher als eine Opfergedenkstätte an, nur dass hier nicht der ermordeten Juden gedacht wird, sondern der deutschen Zivilbevölkerung, die letztlich Opfer derselben Täter geworden sei.

Zur Bedeutung des 8. Mai
Paradoxerweise erntet Deutschland heute weltweit viel Lob für die ?vorbildliche" Aufarbeitung seiner Geschichte, und zwar selbst von Leuten, deren Analysen vor gar nicht allzu langer Zeit geeignet waren, den deutschen Volkszorn zum Kochen zu bringen. Daniel J. Goldhagen etwa schrieb im Vorwort seines Buches ?Hitlers willige Vollstrecker", er kenne kein anderes Land, welches sich so offen und konsequent seiner Geschichte stelle und attestiert den Deutschen, nach dem Krieg zu geradezu mustergültigen Demokraten geworden zu sein.
Die deutsche Gesellschaft seit 1945 ist eine komplizierte Sache. Zwar ist der Nationalsozialismus besiegt, sein Programm aber, die Vernichtung der europäischen Juden, die Verschmelzung von Kapital und Arbeit, die Aufhebung von Bürgertum und Proletariat als oppositionelle Klassen, ist vollendet, mehr noch: in Form des demokratischen Volksstaates der Sozialpartner hat dieses Programm gar Verfassungsrang, ganz so als hätte der Antisemitismus als Ideologie und die Massenvernichtung als Programm mit der Fusion von Kapital und Arbeit im Volksgemeinschaftsstaat nichts zu tun gehabt.
Die Deutschen wurden, das sollte mit diesem Aufsatz angedeutet werden, seit dem 8. Mai `45 nur scheinbar Andere. Zunächst nur im Stillen erbauten sie sich an der wahnhaften Diskussion von Zusammenbruch oder Befreiung - unter völliger Verkennung der geschichtlichen Verhältnisse: Die Alliierten haben den Krieg nicht geführt, um die Deutschen zu befreien, denn diese hatten in ihrer überwältigenden Mehrheit gar kein Interesse daran, befreit zu werden, sie waren selbst im Bombenhagel nicht geneigt, mit dem Nationalsozialismus zu brechen und schickten bis zum 8. Mai Juden auf Todesmärsche durch das ganze zerfallene Reich. Dass der zweite Weltkrieg (zumindest in Europa) nur mit der totalen militärischen Niederlage Deutschlands zu beenden war, wollten die Deutschen vom ersten Tag an nicht wahrhaben, und sie haben von links bis rechts seit nunmehr 60 Jahren daran gearbeitet, die Bedeutung des 8.Mai zurechtzubiegen: zu einem Tag des Friedens und der Versöhnung.
Der 8. Mai taugt aber nicht zu einer Mahnung für den Frieden, weil nur der Krieg die Deutschen bezwingen konnte, er taugt nicht für den Aufruf zur Versöhnung, zumindest nicht von deutscher Seite, und er taugt auch nicht zum Tag der Befreiung, denn befreit fühlten sich nur Wenige. Wovon könnten sich die Richter, Henker und Fähnchenschwenker wohl befreit gefühlt haben?
Traditionell wird der 8.Mai gerne in seinen historischen >Kontext< eingeordnet, was für Deutsche noch nie hieß, die Niederlage als Folge des deutschen Angriffskrieges zu betrachten. Stattdessen wird dem deutschen Vernichtungsfeldzug reflexartig sofort die Vertreibung der Sudeten und anderer Nazis zur Seite gestellt, oder man verweist auf die vermeintlich heroischen Wideraufbauleistungen, die Währungsreform und das Wirtschaftswunder. So hat man denn doch was, worauf man stolz sein kann.
Weil das deutsche Streben nach 1945 nicht alles Handeln danach ausrichtete, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, sondern darauf, dass endlich Schluss sein müsse mit der Beschuldigung der Deutschen, war eine ernsthafte Aufarbeitung der Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt zu haben. Das Streben nach einem gesunden Nationalbewusstsein war von Beginn an mit dem Programm verbunden, Auschwitz zu verdrängen. Und am besten hat diese Verdrängung stets mit der Lüge von der nationalen Läuterung geklappt, nach dem Motto: ?Wir haben die Lehren der Geschichte verstanden, also belehrt uns gefälligst nicht mehr!"
Der 8.Mai war der Tag der bedingungslosen Kapitulation, der totalen militärischen Niederlage. Weil die Deutschen aber dieselben blieben, war der 8.Mai zugleich der Zeugungszeitpunkt der BRD. Der Deutsche kennt nur ein Verbrechen und darauf steht die Höchststrafe: undeutsches Handeln. Das aber hat sich im Nationalsozialismus kaum einer zu Schulden kommen lassen - weswegen die Niederlage auch keine Konsequenzen zeitigte, außer denen, die Deutschland von außen aufgezwungen wurden.
Die Nazis unterlagen als Sieger und ihre Kinder und Enkel schicken sich an, auch noch den Rest kritischen Bewusstseins über die Geschichte zu tilgen. Die ?Emanzipation der Deutschen zu Menschen" ist gescheitert, sie bleiben Deutsche.